Facebook-Attacken: «Mit der Eisenstange vermöbeln»
Aktualisiert

Facebook-Attacken«Mit der Eisenstange vermöbeln»

Nach Mike Shiva und einigen Politikern kommen nun die Schulmeister dran: Auf Facebook prügeln Schüler der Zürcher Kantonsschule Enge verbal auf ihre Lehrer ein. Die Schule will sich das nicht gefallen lassen und prüft rechtliche Schritte.

von
Joel Bedetti

Rudolf Widmer (Name geändert), Französischlehrer an der Zürcher Kantonsschule Enge, scheint bei seinen Schützlingen nicht beliebt zu sein. 31 seiner aktuellen und ehemaligen Schüler haben sich in einer Gruppe eingetragen, in welcher man ihm «pausenlos die Fresse polieren» will. « ...mir hasset de Widmer doch alli!», heisst es da, er würde seinen Schülern am liebsten mit dem Stock auf die Finger schlagen. Deshalb würden ihn die Gruppenmitglieder am liebsten «mit ere Isestange vermöble», schliesst der Eintrag martialisch.

22 Leute finden sich in einer Gruppe, welche sich gegen den Physiklehrer Markus Daniel (Name geändert) richtet: «@Herr Daniel: 1. widerling 2. kindermann 3. en gruusige siech». Die Gruppe ist da für alle, die «am liebschte gar nüüt mit ihm ztue ha würdet will er eifach en arsch isch». Und der Eintrag für Frank Hartmeier (Name geändert) - er unterrichtet Deutsch - wurde erstellt für alle, die wissen «wies isch, vom Hartmeier vollglaberet zwerde…» Auch Kommentare, die unter die Gürtellinie zielen, finden sich in der Gruppe.

Rechtliche Schritte werden erwägt

Beat Wüthrich, Rektor der Kantonschule Enge, zeigt sich empört über die öffentlich einsehbaren Facebook-Gruppen, über die ihn 20 Minuten Online informierte. «Das ist, wie wenn man an einem Bahnhof ein Plakat aufhängen würde mit diffamierenden Aussagen über einen Lehrer», ärgert sich Wüthrich. Man werde die Einträge prüfen – und die Konsequenzen ziehen. «Je nachdem, wie stark die Verunglimpfungen sind, könnte allenfalls der Rechtsweg beschritten werden.» Auf jeden Fall müsse man sicherstellen, dass so etwas nicht mehr vorkomme.

Der betroffene Lehrer Rudolf Widmer ist enttäuscht über die Art und Weise, wie hinter seinem Rücken über ihn geredet wird. «Ich habe keine Probleme mit Schülern, die bereit sind, etwas zu leisten», sagt Widmer. Er würde gerne mit den Fehlbaren das Gespräch suchen – rechtliche Schritte wolle er aber trotzdem nicht ausschliessen.

Zu wenig der Konsequenzen bewusst

Nicht akzeptabel sind solche Aussagen für Beat W. Zemp, Zentralpräsident des Lehrer-Verbandes LCH: «Von solch ehrverletzenden Äusserungen im Internet gegenüber Lehrern habe ich hierzulande noch nicht gehört.» Er warnt vor solchen Einträgen: «Die Schüler, die solche Einträge unter eigenem Namen aufschalten, sind sich der strafrechtlichen Konsequenzen nicht bewusst.» Das könne Ehrverletzungsklagen nach sich ziehen. Man müsse den Schülern mehr Bewusstsein im Umgang mit dem Internet vermitteln.

Andererseits, meint Zemp, können solche Aktionen auch Notventile sein – allerdings destruktive, sie würden Konflikte zwischen Schülern und Lehrern nur weiter aufheizen. Die Schulen hätten hierzu bessere Instrumente zur Verfügung - typischerweise anonyme Fragebögen, mit denen Lehrer ihre Schüler bewerten lassen. «Diese Kritiken fallen fast immer sehr differenziert aus», weiss Zemp. «Die Schüler schätzen es, wenn Lehrer sich bei ihnen um Feedback bemühen. Sie benutzen solche Fragebögen nicht, um Beschimpfungen zu machen.»

Rektor Beat Wüthrich versichert, dass man an der Kantonsschule Enge genau dies tue. Die Schüler könnten zudem bei Problemen das direkte Gespräch mit dem Lehrer suchen, sich an den Klassenlehrer und an die Schulleitung wenden - oder eine eigens dafür geschaffene Kontaktgruppe angehen.

Technologisch aufrüsten

Wenn sie diese Art von Nachrede unterbinden wollen, müssen die Lehrer nicht nur pädagogisch, sondern auch technologisch aufrüsten. Um die diffamierenden Facebook-Seiten zu sehen, müssen der Lehrer Rudolf Widmer und der Rektor Beat Wüthrich nämlich erst einmal ein eigenes Profil erstellen.

Falscher Lehrer

Im gestern veröffentlichten Artikel «Mit der Eisenstange vermöbeln» wurde zur Illustration des Problems ein Bild von einem Lehrer an der Wandtafel gezeigt. Der abgebildete Lehrer legt Wert auf die Feststellung, dass er nichts mit dem konkreten Inhalt des Artikels zu tun hat. Die Redaktion entschuldigt sich dafür, falls mit der Abbildung ein falscher Eindruck entstanden sein könnte.

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