Eiskalte Nächte: Mit der Kälte-Patrouille bei Obdachlosen
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Eiskalte NächteMit der Kälte-Patrouille bei Obdachlosen

Trotz Minustemperaturen und Schneesturm schlafen in Zürich Randständige unter freiem Himmel. 20 Minuten war auf Patrouille mit der Zürcher Sozialambulanz Sip.

von
Céline Krapf
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Die Sip-Patrouille Sip (Sicherheit, Intervention, Prävention) ist in Zürich bei jedem Wetter unterwegs – derzeit bei Minustemperaturen.

Die Sip-Patrouille Sip (Sicherheit, Intervention, Prävention) ist in Zürich bei jedem Wetter unterwegs – derzeit bei Minustemperaturen.

20min/Celia Nogler
Milos Micanovic (35) und Anja Cerrito (54) waren am Mittwoch gemeinsam unterwegs.

Milos Micanovic (35) und Anja Cerrito (54) waren am Mittwoch gemeinsam unterwegs.

20min/Celia Nogler
Mit dem Kastenwagen fahren die Teams bekannte Schlafplätze an.

Mit dem Kastenwagen fahren die Teams bekannte Schlafplätze an.

20min/Celia Nogler

Darum gehts

  • In der Schweiz herrschen derzeit Minustemperaturen.

  • Das Leben auf der Strasse wird dadurch eisig kalt – und gefährlich. Trotzdem übernachten Menschen im Freien.

  • 20 Minuten war auf «Kälte-Tour» mit den Mitarbeitern der Sip in Zürich.

Sie schlafen an der Tramstelle, mitten im Wald oder unter einer Autobahnbrücke am Stadtrand: Auch die kältesten Nächte verbringen Menschen in Zürich unter freiem Himmel. «Meist bleibt es bei den ungefähr gleichen Schlafplätzen», sagt Anja Cerrito (54). Sie weiss, wo diese sind: Die ehemalige Pflegefachfrau und ihr Arbeitskollege Milos Micanovic (35) besuchen Obdachlose auf ihrer nächtlichen «Kälte-Patrouille». Die beiden sind seit Jahren für die Sip (Sicherheit, Intervention, Prävention) tätig, der «Sozialambulanz» von Zürich. Die Organisation bietet Beratung, Vermittlung und Krisenbewältigung für Randständige, die auf der Strasse leben.

Während Zürich an diesem Mittwochabend immer ruhiger und weisser wird, machen sich Cerrito und Micanovic kurz nach 20 Uhr in die bitterkalte Nacht zu «einem Auftrag» auf. Passanten melden sich oft direkt bei der Sip, wenn sie Menschen draussen schlafen sehen, sagt die 54-Jährige. «Das hat höchste Priorität.» Denn: Wer bei diesen Minustemperaturen nicht gut ausgerüstet sei, spiele mit seinem Leben, sagt die Expertin.

Entgegen dem Klischee

Vor Ort, in der Nähe einer Tramhaltestelle, hat sich Frau Meier* auf vier Holzsitzen eingerichtet. Neben ihr im Einkaufswagen sind ihre Habseligkeiten zusammengepackt, sie selbst liegt unter einem Berg aus Decken und einem Plastikplane. Ein Schirm mit grünem Palmenmuster schwebt über ihrem Kopf. «Ich schlafe sehr gut, zur Notschlafstelle möchte ich ganz sicher nicht», sagt die Frau mit klarer Stimme, als Cerrito sie mit Namen auf ihr Be nden anspricht. «Man kennt sich», sagt Ex-Sicherheitsarbeiter Micanovic. Man baue eine Beziehung zu den Leuten auf, erfahre die persönlichen Geschichten. «Das sind teils harte Schicksale.»

Nach einem kurzen Gespräch mit Frau Meier begutachtet Cerrito ihre Ausrüstung eingehend und ist beruhigt: Die ältere Dame kann der Kälte so trotzen. «Ich will sicher sein, dass es den Leuten gut geht. Sonst kann ich nicht ruhig schlafen», sagt Cerrito.

Die Tour führt von Stadelhofen bis zum Hönggerberg, die Übernachtungsplätze sind in der ganzen Stadt verteilt. Fast alle Randständigen sprechen ein klares Schweizerdeutsch und wollen so gar nicht ins Klischee passen. «Die Leute geben sich nicht mit den Obdachlosen ab», sagt Micanovic. Die wenigsten würden Drogen oder Alkohol konsumieren. «Redeten die Menschen mal mit diesen Leuten, würden sie merken, dass es auch ihnen passieren kann, dass sie auf der Strasse landen», sagt der ehemalige Sicherheitsangestellte.

Obdachlosigkeit in der Schweiz

In der Schweiz leben hunderte Menschen ohne Dach über dem Kopf - wie viele es tatsächlich sind, ist ein «blinder Fleck«, sagt Jörg Dittmann, Dozent an der Hochschule für Soziale Arbeit (FHNW). «Aber auch wenn wir in einem reichen Land wohnen, sollten wir uns diesem Widerspruch nicht verschliessen.« Der Professor führt mit seinem Forschungsteam derzeit eine Studie in den Grossstädten der Schweiz durch, im Sommer sollen konkrete Ergebnisse zum Ausmass und Gründe der Obdachlosigkeit vorliegen. Dittmanns Ziel: «Die Untersuchung soll nicht nur Zahlen liefern - sondern auch Verbesserungen.« Bislang wurden in sechs Städten Interviews mit Randständigen durchgeführt, Zürich und Luzern stehen noch aus. Erste Erkenntnisse zeigen bislang ein «Gefälle Richtung Romandie«, sagt Dittmann: In Genf sei die «Situation deutlich angespannter« als in anderen Städten.

Der nächste Halt ist bei einer öffentlichen WC-Anlage in der Innenstadt, in welcher eine Frau regelmässig Unterschlupf sucht. Ein Föhn ist im Innern zu hören: Offenbar ist dies ihre Wärmequelle. «Komm doch kurz raus», sagt Anja Cerrito. «Sonst müssen wir aufmachen.» Es sei wichtig zu kontrollieren, wie die Leute «zwäg» seien - dafür müsse sie sie aber sehen. Plötzlich tritt die Angesprochene aus dem WC und läuft weg, ohne auf Fragen zu antworten. «Manche werden mit der Zeit zugänglicher, andere knackt man nie», sagt Micanovic.

Zeitungen für die Wärme

Weiter geht die Tour durchs Schneegestöber. Der Sip-Kastenwagen hält unter einer Brücke, neben einem vielfrequentierten Fussweg. Das Autolicht weckt den schlafenden H*. Sein Schlafsack ist bereits mit Schnee bedeckt, in die Notschlafstelle will er trotzdem nicht.«Mir geht es gut, ich bin nur müde», sagt er. An seinem Fussende sind mehrere Abfallsäcke sorgsam aufgereiht, dazwischen eine neue, noch eingepackte Decke und Esswaren. «Die Menschen bringen ihm offenbar Sachen vorbei», sagt Micanovic. Das Sip-Team entscheidet, später nochmal vorbeizuschauen und warnen H. vor. «Das interessiert mich nicht», meint dieser und wendet sich ab. «Dann sind sie halt mal hässig», meint Cerrito. «Dafür weiss ich, wie es ihnen geht.»

Rund 90 Schlafplätze seien im Sip-Archiv aufgelistet, etwa zwei Dutzend Personen schlafen derzeit in Zürich unter freiem Himmel, sagt Anja Cerrito. So auch F.*: Er lebt laut eigenen Angaben seit Januar auf der Strasse. Meist halte er sich hier am Stadtrand, unter einer grossen Brücke auf. Als die Sip-Mitarbeitenden gegen 22 Uhr mit ihrem Fahrzeug auffahren, ist er knapp fertig mit dem Vorbereiten seines Schlafplatzes – ein fein säuberlich ausgelegtes Feld aus Zeitungen, auf das er eine dünne Schicht eines «Spezial-Stoffs» gelegt hat, wie er erklärt.

Hier hat sich F. seinen Schlafplatz eingerichtet.

Hier hat sich F. seinen Schlafplatz eingerichtet.

20min

Auf die Frage, weshalb er keinen Schlafsack benutze, antwortete er «Wozu?» Mit einer Decke baue er später einen «Wärme-Tunnel», einen Plastiksack benutze er als Isolationsschicht. Kappe, Bart und Kragen wärmten sein Gesicht. Und: «Meine Kleider sind ausgestopft mit Zeitungen. Das reflektiert die Wärme», sagt F. Noch während er seine Tricks verrät, fällt ihm eine der Zeitungen aus einem seiner Pullovern. «Die besten Tricks kenne ich aus dem Militär», sagt F. Er habe beschlossen, nicht mehr zu arbeiten, weil er massiv gemobbt worden sei, sagt der ehemalige Informatiker. «Ich musste mich entscheiden: Will ich aufhören, oder mich umbringen.» Dazu kamen Steuerschulden. «Sobald diese getilgt sind, bin ich Millionär - und weg von der Strasse», sagt F.

Er versichert Cerrito, dass er keinen Alkohol dabei hat: «Das wäre hier draussen tödlich«, sagt er. Das Angebot der Sip, ihn an die Wärme zu bringen, lehnt er aber ab. «Das letzte Mal hat mich jemand zusammengeschlagen», sagt er. Zudem müsse man die ganze Nacht auf seine Sachen aufpassen.

Vom Verlust der Würde

Zürich bietet diverse Hilfsangebote für Obdachlose, insbesondere während dieser kalten Tage. Die Notschlafstelle ist zur Zeit gratis, die Anlaufstelle Café Yucca hat die ganze Nacht geöffnet. Trotzdem weigern sich alle heute Nacht Angetroffenen strikt, von den Hilfsangeboten Gebrauch zu machen - trotz Minustemperaturen und Transportmöglichkeit. «Die Gründe sind vielfältig: Es gibt einige, die sich vor Corona fürchten», sagt Micanovic. «Andere fühlen sich nicht wohl unter Menschen.» Was vielen aber fehle, sei der zwischenmenschliche Kontakt. So freut sich F. enorm über den Besuch der zwei Sip-Mitarbeiter: «Es gibt Leute, die können über Tage mit niemandem sprechen. Die Menschen meiden Leute wie mich.»

Ohne soziales Umfeld, Job, Zuhause und nur wenigen Möglichkeiten für eine gute Körperpflege verliere man rasch die Wertschätzung in der Gesellschaft, sagt Anja Cerrito: «Viele Menschen verlieren auf der Strasse ihre Würde. Wir tun alles, um dies zu ändern.» Ein Anfang sei, ohne Vorurteile und tolerant auf Menschen zuzugehen. «Wir sehen keine Randständigen bei unserer Arbeit – sondern Menschen», sagt die Sip-Mitarbeiterin.

Nach fast vier Stunden und sieben Besuchen legen die zwei Sip-Mitarbeiter eine Pause im Büro ein. Bis drei Uhr sind sie noch unterwegs, bieten den Obdachlosen Unterstützung und Wertschätzung, mitten in der bitterkalten Nacht.

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