Neue Bewegung fordert radikale Strategie: «Mit der No-Covid-Strategie könnte das Leben im Sommer fast normal sein»
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Neue Bewegung fordert radikale Strategie«Mit der No-Covid-Strategie könnte das Leben im Sommer fast normal sein»

Nicht die Impfung alleine, sondern ein europaweiter Lockdown soll die Pandemie beenden. Das fordern die Anhänger der #ZeroCovid-Bewegung. Eine milde Variante wird nun auch in der Schweiz gefordert.

von
Anja Zingg
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Wann ist Umarmen wieder möglich? Die Null-Covid-Strategie fordert, dass die Ansteckungen auf null gebracht werden müssen, um so die Pandemie zu beenden.

Wann ist Umarmen wieder möglich? Die Null-Covid-Strategie fordert, dass die Ansteckungen auf null gebracht werden müssen, um so die Pandemie zu beenden.

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In der Schweiz setzt sich Simon Gehren dafür ein. «Mit dieser Strategie schaffen wir es aus der Pandemie», ist er überzeugt. 

In der Schweiz setzt sich Simon Gehren dafür ein. «Mit dieser Strategie schaffen wir es aus der Pandemie», ist er überzeugt.

privat
«ZeroCovid»geht eine Schritt weiter und fordert einen europaweiten Lockdown. (Symbolbild) 

«ZeroCovid»geht eine Schritt weiter und fordert einen europaweiten Lockdown. (Symbolbild)

Kanton Basel-Stadt/Sabine Schneeberger

Darum gehts

  • Ziel der Null-Corona-Strategie: Mit harten Kontaktbeschränkungen die Fallzahlen auf null bringen.

  • Damit soll die Pandemie beendet werden.

  • Auch in der Schweiz werden Stimmen nach einer No-Covid-Strategie laut.

  • Was der Unterschied zwischen «No Covid» und «ZeroCovid» ist.

Wer keinen systemrelevanten Beruf ausübt, bleibt zu Hause, das Rausgehen in Gruppen ist untersagt, Treffen von mehreren Haushalten ebenfalls. Mit harten Kontaktbeschränkungen soll das Ziel erreicht werden, das in der sogenannten “No-Covid”-Strategie über allem steht: Die Anzahl der Ansteckungen auf null bringen. Und dann dank grünen Corona-freien Zonen und roten Zonen, wo es lokale Ansteckungen gibt, endlich wieder zurück in die Normalität zu kehren. Ein multidisziplinäres Team aus Deutschland fordert einen Strategiewechsel, der in Deutschland hohe Wellen schlägt.

Das Team erläutert in einem Paper die Wirksamkeit von «No-Covid» anhand der australischen Stadt Melbourne. Dort wurden mit strengen Massnahmen die Fallzahlen gesenkt. Bei lokalen Ausbrüchen wurde rasch und konsequent getestet und isoliert. So findet in Melbourne nächste Woche das Australian Open statt, mit täglich über 25’000 Zuschauern. Australien hatte laut der WHO bis heute weniger als 30’000 Coronafälle. Zum Vergleich: In der Schweiz waren es 500’000. Mit der gleichen Strategie bleiben auch in Ländern wie Taiwan, Vietnam und Neuseeland die Fallzahlen tief.

«Der Verzicht soll belohnt werden»

Der Schweizer Jurist Simon Gehren setzt sich für die Strategie «No-Covid» hierzulande ein. «Der Verzicht soll mit etwas belohnt werden, was uns zur Zeit fehlt: ein Ziel», so der Jurist. Denn bei jedem Erfolg (die einzelnen Etappen findest du in der Box) kommen neue Freiheiten dazu. «Die jetzige Strategie des Bundesrates funktioniert nicht. Es gibt Lockerungen, die dann wieder zu mehr Ansteckungen führen, was in strengeren Massnahmen endet. Es ist eine Teufelskreis», sagt sich Gehren. Eine Prognose sei zwar schwierig, aber: Würden wir heute mit der No-Covid-Strategie beginnen, könnte im besten Fall das Leben im Sommer fast normal sein.»

Zwar lasse sich die Umsetzung nicht eins zu eins von anderen Ländern auf die Schweiz übertragen, räumt Gehren ein. Aber: «Die Schweiz ist ein innovatives Land. Ich stelle mir vor, dass zum Beispiel Grenzgänger vor der Arbeit einen Schnelltest machen.» Die Kosten für den Test und die zusätzlich nötige Arbeitszeit übernehme der Bund.

«Die Impfung allein löst das Problem nicht»

Die Impfstrategie des Bundes alleine hält Gehren nicht für zielführend: «Die Impfungen sind sehr wichtig, aber alleine reichen sie nicht aus. Es gibt zu viele Unbekannte. Wenn die Fallzahlen hoch bleiben, kann es trotz Impfung zu noch mehr Mutationen kommen. Wir wissen nicht, wie lange die Impfung Schutz bietet und wie schnell sich das Virus mit den jetzigen Mutationen ausbreitet.»

Die Kosten seien tragbar, findet Simon Gehren. «Wir verfügen über die finanziellen Mittel, um das Land durch einen Lockdown zu bringen.» Er sei überzeugt, dass die No-Covid-Strategie der Wirtschaft weniger schade als der aktuelle Weg. «Denn wenn geöffnet wird, kann das gesellschaftliche Leben auch stattfinden. Es wird nicht immer wieder zu landesweiten Restaurantschliessungen kommen, wie dies jetzt bereits zum zweiten Mal der Fall ist.»

Eine Solidaritätsabgabe der Reichen

Noch weiter geht die Forderung der linken «ZeroCovid»-Bewegung aus Deutschland: Alle europäischen Bürger bleiben ab sofort den ganzen Tag zu Hause, ausser man arbeitet in einem systemrelevanten Beruf. Für einige Wochen gilt die Ausgangssperre. Besuche zwischen mehreren Haushalten sind verboten. Mit dieser Strategie soll die Anzahl der Ansteckungen auf null gebracht werden. Dafür sollen die Menschen danach endlich wieder ihre Freiheiten geniessen können.

Es gibt immer mehr «ZeroCovid»-Befürworter. Bereits fordern über 92’000 Menschen aus ganz Europa über die Onlineplattform WeAct einen «solidarischen europäischen Shutdown». «Wir brauchen jetzt einen radikalen Strategiewechsel und kein kontrolliertes Weiterlaufen der Pandemie», schreiben die Aktivisten. Die Massnahmen der Regierungen reichten nicht aus. Sie verlängerten die Pandemie, statt sie zu beenden.

Bezahlen sollen den Shutdown in Europa die Reichen, finden die Anhänger von «ZeroCovid». Eine Solidaritätsabgabe auf hohe Vermögen, Unternehmensgewinne und höchste Einkommen sollen die wirtschaftlichen Einbussen ausgleichen.

«Die Zahlen gehen bereits zurück»

Ob «ZeroCovid» oder No-Covid: Einen ganz anderen Weg fordert die SVP: «Jetzt ist der falsche Moment für härtere Massnahmen, im Gegenteil. Die Ansteckungszahlen gehen kontinuierlich zurück. Es ist Zeit, Restaurants und Läden wieder zu öffnen», ist Thomas Aeschi, Fraktionspräsident der SVP, überzeugt. Die gängigen Schutzmassnahmen seien ausreichend. «Die Leute halten Abstand und handeln eigenverantwortlich. Die Ansteckungszahlen sind nicht erst seit den Ladenschliesssungen vom 18. Januar rückläufig.» Ausserdem, ist Aeschi überzeugt, sei im April, Mai der Effekt der Impfung sichtbar. Nur in einem Punkt stimmt Aeschi der No-Covid-Strategie zu: «An den Grenzen soll systematisch getestet werden. Nicht nur bei der Einreise mit dem Flugzeug, sondern immer.»

Die Etappen der No-Covid-Strategie

Kein Corona in Melbourne

In einem Paper zeigen deutsche Wissenschaftler anhand der australischen Grossstadt Melbourne einen Weg zurück in die Normalität. Eine wichtige Rolle in der No-Covid-Strategie spielt die Sieben-Tage-Inzidenz (IZ7). Sie zeigt auf, wie viele Personen sich pro 100’000 Einwohner im täglichen Schnitt in den letzten sieben Tagen angesteckt haben. Das erste Ziel war in Melbourne, die IZ7 auf unter 10 zu bringen. Dies wurde mit einem strengen Lockdown geschafft. Das Haus durfte nur verlassen, wer einen triftigen Grund hatte, nur in systemrelevanten Berufen durfte der Tätigkeit nachgegangen werden und Schulen mussten auf Fernunterricht umstellen.

Die oben erwähnten Massnahmen sind vorgesehen, bis die IZ7 zwei Wochen lang weniger als 10 beträgt. Dann folgt die erste Lockerung. Unter anderem gibt es keine Ausgangssperre mehr und draussen dürfen sich 10 Personen treffen. Bleibt die Inzidenz zwei Wochen unter fünf, folgt die nächste Lockerung. Hat eine Region 28 Tage lang keine Fälle mehr, wird sie zur grünen Zone. Dort gibt es keine Beschränkungen. Kommt es zu Ausbrüchen, werden Regionen zu roten Zonen, wo andere Massnahmen gelten, um die Ausbrüche unter Kontrolle zu bringen.

Die Zahlen der Schweiz

Das Bundesamt für Gesundheit veröffentlicht jeweils die 14-Tage-Inzidenz, die sich nicht direkt mit dem Massnahmenplan der Stadt Melbourne vergleichen lässt. Laut den Berechnungen vom Ingenieur Thorsten Kurz liegt der IZ7 für die Kalenderwoche vier in der Schweiz bei 133. Auch Kurz ist überzeugt, dass eine No-Corona-Strategie der richtige Weg ist.

Deine Meinung

1185 Kommentare
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Ben898989

05.02.2021, 23:45

Die westliche Politik hat das Gefühl, dass sie alles unter Kontrolle bringen kann. Vielleicht ist dies aber in diesem Falle einfach nicht der Fall. Vielleicht ist es nicht immer möglich, alles zu kontrollieren und zu steuern. Vielleicht ist es besser, auf ein Schrecken mit Ende, als ein Ende ohne Schrecken zu setzten.

Nilgiri

05.02.2021, 23:18

Die Begriffe wurden wohl nicht zufällig gewählt. Lockdown-Shutdown-Reset.

Ingrid B.

05.02.2021, 22:21

Lockdowns funktionieren nicht. Wie lange müssen wir noch weiter herumwursteln, bis wir das endlich begreifen? Das einzige, was damit erreicht wird, ist, dass unsere Wirtschaft kaputt geht. Und eine kaputte Wirtschaft bedeutet, dass wir weniger gut auf eine Pandemie reagieren können. Also Schluss damit!