Aktualisiert 11.04.2012 12:31

Fall Kampusch - Teil 8

Mit der Pornohändlerin im Dauerkontakt

Priklopil und H. telefonierten oft mit einer Pornohändlerin. Danach gab es Kontakte zu einem in Pädo-Kreisen bekannten hohen Offizier. Auch diese Spur wurde nie wirklich verfolgt.

von
K. Leuthold/F. Burch

Es ist Natascha Kampusch selber, die das Thema Pornoring ins Spiel bringt. Ihr Entführer Wolfgang Priklopil habe ihr bereits im weissen Kastenwagen (am Tag der Entführung am 2. März 1998, Anm. der R.) gesagt, dass er sie an «andere» übergeben werde. Dies gab Kampusch während einer Einvernahme zu Protokoll (siehe Bildstrecke, Dok. 1). In ihrem Buch «3096 Tage» schreibt sie dazu: «Seine Ankündigung, mich an ‹andere› zu übergeben, raubte mir den Atem, ich wurde starr vor Schreck. Er brauchte nichts weiter zu sagen, ich wusste, was damit gemeint war: Kinderpornoringe waren seit Monaten Thema in den Medien.» Dabei sei über Täter diskutiert worden, die Kinder entführten, sie missbrauchten und dabei filmten. Im Buch heisst es weiter: «Vor meinem inneren Auge sah ich alles ganz genau vor mir: Gruppen von Männern, die mich in einen Keller zerren, mich überall anfassen, während andere Fotos davon machen.»

Was ist Fiktion, was ist erlebte Realität? Kampusch nährt die Pornoring-Gerüchte mit ihrer Antwort auf die Frage nach möglichen Komplizen. «Ich weiss keine Namen», gab sie bei der ersten Einvernahme nach der Flucht zu Protokoll (siehe Bildstrecke, Dok. 3, 4), was die Deutung zulässt, dass es verschiedene - ihr unbekannte - Täter gab. Auch der österreichische Abgeordnete Werner Amon, Leiter des Unterausschusses, welcher aktuell den Fall Kampusch durchleuchtet, sagt: «Ich kann nur bestätigen, es gibt die Gerüchte rund um einen Pornoring immer wieder.» Amon weist auf die Brisanz der eindeutigen Aussage Kampuschs hin, sie habe am Tag der Entführung den Eindruck gehabt, für dritte Personen vorgesehen gewesen zu sein.

Ein hoher Offizier namens «Be Kind Slow»

Rund eineinhalb Jahre nach der Flucht Kampuschs veranlasste die Evaluierungskommission eine detaillierte Analyse der Ergebnisse der Rufdatenrückerfassung zu sichergestellen Handys von Wolfgang Priklopil und seinem Freund Ernst H.* Dabei fielen häufige Verbindungen Ernst H.s in die Pornoszene auf. Er telefonierte oft mit einer gewissen Helga Z.*, die als Geschäftsführerin einen Sex-Shop in Wien betreibt. Unmittelbar nach diesen Gesprächen rief Ernst H. jeweils einen Mann an, den er auf seinem Handy unter dem mysteriösen Namen «Be Kind Slow» (sei langsam lieb) gespeichert hatte (siehe Bildstrecke, Dok. 8). Es kam auch vor, dass Ernst H. «Be Kind Slow» anrief und kurz danach Helga Z. kontaktierte.

Hinter dem Pseudonym «Be Kind Slow» steht Peter B.*, ein hochrangiger Offizier der österreichischen Armee. Peter B. soll beste Kontakte bis in höchste Kreise haben. Ende 2008 wurde gegen ihn wegen Verdachts auf Kinderpornografie ermittelt. Auffallend ist, dass es zu Telefongesprächen zwischen Ernst H. und Helga Z. ausschliesslich und bis kurz vor der Flucht Kampuschs kam. Nach der Flucht kam es zu keinem einzigen Gespräch. Auch Priklopil hatte Kontakt zur Pornohändlerin Helga Z., wenn auch nicht in vergleichbarer Intensität wie Ernst H. Ausserdem besass der Kampusch-Entführer laut seinem Freund Kinderpornos. Wirklich verfolgt wurde auch diese Spur offenbar nicht.

Den Spuren wurde nicht nachgegangen

Johann Rzeszut, ehemaliger Präsident des Obersten Gerichtshofs in Wien, sagt: «Nebst der völligen Ignorierung der Tatzeugin Ischtar A. (offizieller staatsanwaltschaftlicher Standpunkt: ‹Kein Hinweis auf zweiten Täter›) sprang uns in der Evaluierungskommission als zweiter Punkt sinnfällig ins Auge, dass den Ergebnissen der Rufdatenrückerfassung von Ernst H. nicht nachgegangen wurde.» Vor dem Hintergrund, dass als Tatmotiv mangels Lösegeldforderung etc. Kindsmissbrauch als einzige plausible Erklärung übrig geblieben sei, wäre das ein Ermittlungsansatz gewesen.

Die österreichische Abgeordnete Dagmar Belakowitsch-Jenewein versteht nicht, warum der Sache nicht bis zum Schluss nachgegangen wurde. Ihrer Meinung nach könnte der Fall Kampusch mit einem Kinderporno-Netzwerk zu tun haben. Belakowitsch-Jenewein reichte deshalb eine parlamentarische Anfrage ein, in der sie fragt: «Kann eine mögliche Involvierung eines Pädophilenrings mit besten politischen Kontakten ausgeschlossen werden?» Auch der Abgeordnete Ewald Stadler will geklärt haben, ob eine mögliche Involvierung eines Pädophilenrings mit besten politischen Kontakten im Fall ausgeschlossen werden kann. 2010 gab es dazu eine parlamentarische Anfrage (siehe Bildstrecke, Dok. 10).

Geschehen ist tatsächlich fast nichts. Im Herbst 2009 gingen die Ermittler der Spur nur halbherzig nach. Sowohl Ernst H. als auch Peter B. mussten erklären, warum sie sich wechselseitig im Handy gespeichert hatten. Beide gaben an, einander nicht zu kennen. Weiter wurde nicht nachgefragt. Die Frage, wie es sein kann, dass man jemanden in seinem Handy gespeichert hat und nicht weiss, wer er ist, wurde nie gestellt. Ebenso wenig wurde nachgefragt, weshalb man jemanden unter einem Namen wie «Be Kind Slow» speichert. Später lieferte die Frau von Peter B. eine abenteuerliche Erklärung nach. Ernst H. habe eine Wohnung in der BErgesteiggasse inseriert. An der Wohnung habe sie für ein KINDermädchen aus der SLOWakei Interesse gehabt. Deshalb heisse Ernst H. so auf dem Handy ihres Mannes. Sie übersieht dabei ein Detail: Der Name «Be Kind Slow» ist aber auf dem Handy von H. gespeichert.

Zu den geheimen DVDs hatte niemand Zugang

Ein weiterer Punkt, der Gerüchte rund um einen Pornoring schürt, sind brisante DVDs, deren Auswertung von der Staatsanwaltschaft sofort gestoppt wurde (siehe Bildstrecke, Dok. 13, 14) Darauf gibt es laut einem Insider zahlreiche Fotos einer jungen Frau, die aussehe wie Kampusch – zum Teil in eindeutigen Posen. Das Material wurde lange unter Verschluss gehalten. Nicht einmal der ehemalige oberste Ermittler in der Kampusch-Sache, SOKO-Leiter Franz Kröll, hat je Zugang zu den DVDs gehabt.

Der Verdacht, die kleine Natascha Kampusch könnte schon vor ihrer Entführung eine Rolle in der Pädophilen-Szene gespielt haben, steht spätestens seit der Entdeckung der Bildserie im Raum, die die Fünfjährige nackt, lasziv drapiert, mit Stola, Reitpeitsche und in Reitstiefeln zeigt. Die Bilder entstanden in der Wohnung von Mutter Brigitta S.*, für die die Unschuldsvermutung gilt.

Weitere Ermittlungen und allfällige Schlüsse aufgrund des DVD-Materials könnten Licht ins Dunkel bringen. Sie könnten ein Schlüssel zum Kampusch-Mysterium sein. Bis dahin bleiben eine Aussage von Kampuschs Vater Ludwig K.* aus dem Jahre 2009 – «Meine Tochter ist erpressbar, sie wird schon erpresst» - oder auch ein Satz von Kampusch selber – «Der Fall wird nie ganz aufgeklärt werden» – eine Vorhersage und ein Rätsel zugleich.

Ernst H. - für den die Unschuldsvermutung gilt - nahm zum Fall keine Stellung. Sein Anwalt Manfred Ainedter sagte zu 20 Minuten Online: «Dazu können und wollen wir uns zurzeit nicht äussern.»

*Namen der Redaktion bekannt

(Mitarbeit: Guido Grandt, Udo Schulze)

Lesen Sie am Freitag Teil 9 «Der unerwartete Tod des Sonderkommissars Franz Kröll»

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