Mit diesem Training trickste sich Vincent Kriechmayr zum Lauberhorn-Sieg
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«Komplett versagt hat die FIS»Mit diesem 3-Meter-Training trickste sich Kriechmayr zum Lauberhorn-Sieg

Vincent Kriechmayr triumphiert am Samstag zum zweiten Mal bei der legendären Lauberhornabfahrt. Doch der Sieg des Österreichers hat einen fahlen Beigeschmack. Der Schweizer Ski-Chef ist ausser sich.

von
Lucas Werder
Adrian Hunziker
(aus Wengen)

Diese drei Meter lange Trainingsfahrt berechtigte Kriechmayr zum Lauberhorn-Start.

SRF

Darum gehts

  • Vincent Kriechmayr gewinnt die Lauberhornabfahrt in Wengen vor Beat Feuz.

  • Der Österreicher war in Wengen nur dank einer Sonderbewilligung am Start.

  • Im Schweizer Lager zeigte man sich im Vorfeld verärgert über den Entscheid der FIS.

  • Kriechmayr selbst versteht die Diskussionen um ihn.

Genau 10.44 Uhr war es, als sich Vincent Kriechmayr am Freitagmorgen aus dem Wengener Starthaus katapultierte – und nach drei Metern bereits wieder abschwang. Es ist die vielleicht kurioseste Szene der bisherigen Ski-Saison, die gleichzeitig einen fahlen Beigeschmack hat.

Denn gut 26 Stunden später zeigt der Österreicher auf der Lauberhornabfahrt eine Wahnsinns-Fahrt und gewinnt die längste Abfahrt der Welt zum zweiten Mal nach 2019. Dass Kriechmayr am Samstag, genau wie schon am Freitag, überhaupt am Start steht, hat er jener Mini-Trainingsfahrt vom Donnerstag zu verdanken – und einer Sonderbewilligung der FIS.

«Feuz und Odermatt hatten Verständnis»

«Natürlich verstehe ich, dass jetzt Diskussionen aufkommen», erklärt Kriechmayr nach dem Rennen im Interview mit SRF. «Ich hatte keine optimale Vorbereitung. Darum hatte ich heute die Jetzt-erst-recht-Mentalität am Start.» Er sei sehr dankbar, dass er in Wengen an den Start habe gehen dürfen. «Ich bin ja topfit zu Hause gesessen, hätte aber nicht fahren dürfen», meinte Kriechmayr.

Es werde weitere solche Fälle geben, in denen nun hoffentlich ähnlich entschieden werde, erklärte der Österreicher. «Die Meinungen meiner Ski-Kollegen wie Beat Feuz oder Marco Odermatt sind mir persönlich wichtiger als andere Meinungen», sagte der sichtlich emotionale Kriechmayr. «Sie hatten Verständnis, dass ich heute an den Start gehe, sie fanden es gut und fair.» Er habe ja nicht entschieden, an den Start zu gehen. «Mir ist nur wichtig, was die anderen Athleten finden.» Gegenüber dem ORF meinte der Lauberhorn-Sieger: «Natürlich ist so eine Entscheidung leichter, wenn es einen Namen wie mich oder Beat Feuz betrifft. Kann schon sein, dass sich die FIS dann eher bewegt.» Schlussendlich müsse man aber auf die Fahrer schauen. «Es kann nicht sein, dass ein Sportler topfit daheim sitzt.»

«Natürlich hatte er frischere Beine als wir alle», gab der zweitplatzierte Beat Feuz zu. «Auf der anderen Seite muss man aber auch sehen, nicht viele Fahrer können auf dieser Strecke ohne ein richtiges Training eine so starke Fahrt hinlegen.»

Internationaler Skiverband drückte beide Augen zu

Eigentlich hätte der 30-jährige Kriechmayr die Klassiker-Rennen im Berner Oberland Corona-bedingt verpasst. Nach einem negativen Test durfte er die Quarantäne aber frühzeitig verlassen und reiste am späten Mittwochabend in Wengen an. Zu spät eigentlich, denn damit verpasste der Doppelweltmeister von 2021 beide Trainings und wäre so nicht startberechtigt für die beiden Abfahrten gewesen.

Doch der internationale Skiverband drückte für ihn einmal beide Augen zu. Ausnahmsweise würde es reichen, wenn Kriechmayr am Freitagmorgen vor der offiziellen Streckenbesichtigung der Athleten um 10.45 Uhr kurz einen Trainingslauf absolviere. Diesen müsse er auch nicht komplett bestreiten, es würde reichen, wenn der Österreicher einfach kurz aus dem Starthaus fahren würde. So kam es zur Alibi-Trainingsfahrt von Kriechmayr.

«Das ist eine Frechheit!»

Noch am Donnerstag legten unter anderem die Schweiz und Frankreich erfolglos Protest ein. Am Freitag zeigte sich Walter Reusser, Alpin-Chef von Swiss-Ski, ausser sich über die Sonderbehandlung von Kriechmayr. «Ich fühl mich wie im Kindergarten», sagte Reusser zu 20 Minuten. «Das ist eine Frechheit!»

Der Ärger des Alpin-Chefs richtete sich aber ausschliesslich gegen den Verband; Kriechmayr selbst würde er keinen Vorwurf machen. «Sollte er eine Abfahrt gewinnen, freue ich mich für ihn. Schliesslich war er dann der Beste am Berg», erklärte Reusser. Fraglich, ob man das am Samstag im Schweizer Team immer noch so sieht, nachdem Kriechmayr ausgerechnet Beat Feuz dessen insgesamt vierten Lauberhorn-Sieg vor der Nase wegschnappte.

Reusser ist wütend auf die FIS

Auch nach dem Sieg des Österreichers am Samstag war Reusser noch wütend. Im Interview mit den Tamedia Zeitungen sagte er: «Kriechmayr war der Beste am Berg, davor ziehe ich meinen Hut. Es war nicht einfach für ihn, jeder wusste ja eigentlich, dass der Entscheid komplett unfair war. Auch er. Aber es ist so: Ich bin noch hässig deswegen. Und stolz darauf, dass meine Leute ohne Tricksereien ihre Leistung bringen, offen und ehrlich sind und sich ans Reglement halten.»

Böses Blut gebe es nun zwischen den Schweizern und den Österreichern nicht, so Reusser weiter. «Das ist nicht primär der Fehler der Österreicher, sie waren einfach clever und liessen ihr Netzwerk spielen, um ihren Athleten an den Start zu bringen.» Wütend war der 45-Jährige dagegen auf den Ski-Weltverband: «Komplett versagt hat aber die FIS. Kriechmayr bekam noch ein Sondertraining, damit er starten konnte. Wenn man alles biegt, damit es für gewisse Personen passt, ist das einfach nicht in Ordnung.»

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