20.06.2019 11:32

Fakten-Check

Mit diesen Behauptungen machen 5G-Gegner mobil

Kontroverse um das geplante 5G-Netz: Gegner möchten mit einem Faktenblatt eine «sachliche Diskussionsgrundlage» schaffen. Ein Experte bewertet dieses.

von
mm
1 / 11
Bereits über hundert 5G-Antennen hat die Swisscom installiert, Sunrise wirbt mit dem «grössten 5G-Netz der Schweiz».

Bereits über hundert 5G-Antennen hat die Swisscom installiert, Sunrise wirbt mit dem «grössten 5G-Netz der Schweiz».

Keystone/Christian Beutler
Doch die neue Technologie ist umstritten: Die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt seien kaum abschätzbar, monieren Gegner. Weil die Schweiz die Einführung von 5G weltweit am schnellsten vorantreiben würde, ...

Doch die neue Technologie ist umstritten: Die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt seien kaum abschätzbar, monieren Gegner. Weil die Schweiz die Einführung von 5G weltweit am schnellsten vorantreiben würde, ...

Keystone/Peter Klaunzer
... müsse sie als Versuchskaninchen herhalten, so der Verein «5G-Moratorium». Für eine konstruktive Diskussion fehlten die sachlichen Grundlagen, weshalb der Verein das «Faktenblatt zum Endausbau 5G» erarbeitet habe.

... müsse sie als Versuchskaninchen herhalten, so der Verein «5G-Moratorium». Für eine konstruktive Diskussion fehlten die sachlichen Grundlagen, weshalb der Verein das «Faktenblatt zum Endausbau 5G» erarbeitet habe.

Keystone/Peter Klaunzer

5G breitet sich schnell aus. Bereits über hundert Antennen hat die Swisscom installiert, Sunrise wirbt mit dem «grössten 5G-Netz der Schweiz». Doch die neue Technologie ist umstritten: Die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt seien kaum abschätzbar, monieren Gegner. Weil die Schweiz die Einführung von 5G weltweit am schnellsten vorantreiben würde, müsse sie als Versuchskaninchen herhalten, so der Verein 5G-Moratorium. Es fehlten die sachlichen Grundlagen, weshalb der Verein das «Faktenblatt zum Endausbau 5G» erarbeitet habe.

20 Minuten hat die Behauptungen des Faktenblatts mit Rebekka Meier, Präsidentin des Vereins 5G-Moratorium, und Jürg Leuthold, Professor am Institut für Elektromagnetische Felder an der ETH Zürich, unter die Lupe genommen.

Allein im Siedlungsraum (7,5% der Schweizer Gesamtfläche) würden über 135'000 Basis- und mittlere Mobilfunkanlagen nötig. Die Abstände müssten idealerweise 150 Meter betragen, um eine genügend schnelle und grosse Datenübertragung zu gewährleisten.

Rebekka Meier: «Die Antennen müssten so nahe beieinander stehen, weil nur so auch bei Regen oder Hindernissen wie Bäumen ein zuverlässiger Empfang garantiert werden kann.» Als Basis-Antennen bezeichnet Meier die bestehenden 4G-Antennen kombiniert mit 5G-Antennen. Diese werden durch die sogenannten mittleren Antennen verstärkt, um ein flächendeckendes 5G-Netz erreichen zu können.

Jürg Leuthold: «Das sind sehr hypothetische Berechnungen, die zutreffen, wenn man die ganze Schweiz mit einer zukünftigen 5G-Generation im Frequenzbereich von 28 GHz versorgen würde. Das wäre dann wohl so etwas wie 6G.» Das habe aber nur sehr wenig mit dem heutigen 5G gemeinsam. Solche Szenarien existierten wohl nicht einmal bei den Anbietern selbst. «Bei 5G wird die Strahlung nicht mehr wie bei einer Glühbirne rundherum ausgestrahlt, sondern wie bei einem Scheinwerfer dorthin gesendet, wo der Anwender ist. Dabei müssen wie beim 4G die alten Spitzengrenzwerte für die Strahlung am Empfängerort eingehalten werden», so Leuthold. «Ausserdem sendet 5G bei höherer Frequenz als 4G. Je höher die Frequenz, desto schwerer durchdringt die Strahlung Gegenstände oder Körper.» Dies seien gute Nachrichten für alle, die Angst vor der neuen Technologie hätten. Richtig sei deshalb, dass das Signal durch Wälder oder Häuserketten geschwächt werde. «Ist das der Fall, kann es sein, dass es mehr Antennen in kleinerem Abstand braucht», so Leuthold. «Einen Abstand von 150 Metern als ideal zu bezeichnen, scheint mir aber aus der Luft gegriffen. Das wäre für den Anbieter unnötig teuer.»

Über 14'000 Tonnen Elektroschrott fallen in einigen Jahren mit den Basis- und mittleren Antennen an. Deren Jahres-Stromverbrauch – allein für das Siedlungsgebiet der Schweiz – entspricht fast der Jahresstromproduktion des Flusskraftwerks Augst.

Rebekka Meier: «In den kommenden Jahren werden die heutigen Antennen als veraltet gelten und müssten ersetzt werden. Es droht uns diese Unmenge an Elektroschrott.» Die Bestandteile am Kopf der Antenne seien sehr schwer. Aus den rund 135'000 notwendigen Antennen schliesst Meier, dass sich der jährliche Stromverbrauch auf rund 200 Gigawattstunden pro Jahr beläuft: «Das sind erste Schätzungen, die sich auf die bisher bekannten Zahlen beziehen.»

Jürg Leuthold: «Dieser Wert basiert auf der Annahme, dass die besiedelte Schweiz alle 150 Meter flächendeckend mit Mobilfunkantennen der 5. und 6. Generation zugepflastert wird.» Eine solche Abdeckung sei weder realistisch noch kenne jemand die wahren Gewichte der zukünftigen Antennen, so Leuthold. «Man kann nämlich davon ausgehen, dass 6G-Antennen rund zehnmal kleiner ausfallen werden als die heutigen Antennen.»

Zum Stromverbrauch sagt Leuthold: «Kommunikation braucht Energie. Das Gute an 5G ist, dass die Technologie die Leistung viel zielgerichteter verschickt. Das führt zu Einsparungen.» Umgekehrt werde etwas mehr Strom zur Erzeugung des komplexen Signals verwendet. Ob die neue Generation mehr Energie verbrauche, müsse genauer untersucht werden, so Leuthold.

Befindet sich eine Person im Abstand von zehn Metern zu einem 5G-Sender, erwärmt sich das Auge dieser Person bis 1,53 cm Tiefe um 1,34 Grad Celsius bei dauerhafter Bestrahlung.

Rebekka Meier: «Dies ergaben Nachrechnungen mit Physikern. Es handelt sich um eine rechnerische Prognose aufgrund bisher bekannter Zahlen bezüglich der Sendeleistung und Modulation.»

Jürg Leuthold: «Erwärmungen, wie sie hier angegeben werden, könnte man nur dann messen, wenn sich jemand direkt in den Strahl vor eine Antenne stellt. Dafür bräuchte man aber einen Kran.» Die Vorschriften für Mobilfunkantennen seien so streng, dass die Strahlung gar nicht zu einer messbaren Erwärmung des Gewebes führen könne. Der Wert scheint Leuthold viel zu hoch und die Berechnung nicht nachvollziehbar. Die grösste Strahlenbelastung gehe sowieso vom eigenen Mobiltelefon aus. «Auch hier gibt es Grenzwerte. Das Handy darf den Kopf eines Benutzers nicht einmal um ein volles Grad erwärmen.» Elektromagnetische Strahlung führe dennoch zu einer Erwärmung des Gewebes. Nach weiteren Effekten suche man seit Jahren, so Leuthold. «Nicht mal in den USA, wo das Handy seit mehr als 20 Jahren intensivst genutzt wird, kann eine erhöhte Anzahl an Tumorerkrankungen festgestellt werden.»

Fehler gefunden?Jetzt melden.