Publiziert

ExtrazulagenMit diesen Goodies versuchen Spitäler, Pflegende bei Laune zu halten

In Zürich erhalten Pflegende Gratis-Massagen, im Aargau Restaurant-Gutscheine und in Graubünden Gratis-Coachings. Der Verband der Pflegefachkräfte ist von den Goodies nicht beeindruckt.

von
Daniel Krähenbühl
1 / 6
Die Schweizer Pflegefachkräfte seien seit Wochen überlastet, heisst es seitens der Spitäler. Im Bild: Ein Mitarbeiter im Universitätsspital Zürich. (19. November 2020)

Die Schweizer Pflegefachkräfte seien seit Wochen überlastet, heisst es seitens der Spitäler. Im Bild: Ein Mitarbeiter im Universitätsspital Zürich. (19. November 2020)

Foto: Reuters
Die Angst vor Burn-outs und stressbedingten Kündigungen ist berechtigt: In Schweden werfen momentan jeden Monat Hunderte überlastete Pflegefachpersonen das Handtuch, wie «Bloomberg» berichtete.

Die Angst vor Burn-outs und stressbedingten Kündigungen ist berechtigt: In Schweden werfen momentan jeden Monat Hunderte überlastete Pflegefachpersonen das Handtuch, wie «Bloomberg» berichtete.

Foto: Nicole Pont/Tamedia AG
Am Universitätsspital Zürich (USZ) erhalten Pflegende auf der Intensivstation einen Extra-Zustupf, sagt USZ-Sprecher Marcel Gutbrod: «Zusätzlich können sie sich gratis massieren lassen.» Weil man nicht wisse, wie lange die Situation andauert, sei es wichtig, dass sich das Personal erholen könne.

Am Universitätsspital Zürich (USZ) erhalten Pflegende auf der Intensivstation einen Extra-Zustupf, sagt USZ-Sprecher Marcel Gutbrod: «Zusätzlich können sie sich gratis massieren lassen.» Weil man nicht wisse, wie lange die Situation andauert, sei es wichtig, dass sich das Personal erholen könne.

Foto: «20 Minuten»

Darum gehts

  • Pflegefachkräfte in den Spitälern arbeiten seit Monaten an der Belastungsgrenze.

  • Bei den Spitalverantwortlichen geht die Angst vor Kündigungen um.

  • Um die betroffenen Pflegefachkräfte zu entlasten und zu motivieren, gehen die Spitäler unterschiedlich vor.

  • Der Verband der Pflegefachkräfte SBK fordert jedoch nicht nur Goodies, sondern strukturelle Verbesserungen beim Lohn und bei den Arbeitsbedingungen.

Höhere Löhne, Weihnachtsgutscheine oder Gratis-Grittibänzen: Schweizer Spitäler versuchen momentan auf unterschiedliche Art und Weise, das überlastete Pflegepersonal bei Laune zu halten. Die Angst vor Burn-outs und stressbedingten Kündigungen ist berechtigt: In Schweden werfen momentan jeden Monat Hunderte überlastete Pflegefachpersonen das Handtuch, wie «Bloomberg» berichtete.

Auch in der Schweiz ist die Situation prekär: «Wir sind in einem Marathon und wissen nicht, wie lange er noch dauert», sagt Gabi Brenner, Direktorin Pflege des Universitätsspitals Zürich (USZ), an der Medienkonferenz der Zürcher Spitäler am Dienstag. Die Pflege der Covid-Patienten sei sehr aufwändig und belastend – man wolle vor allem nicht, dass zu viel Personal kündige.

Im Kantonsspital Aarau liegt die Zahl der Kündigungen laut Sprecher Ralph Schröder im Rahmen der Vorjahre. «Wir befürchten allerdings vereinzelt Kündigungen von Personen, welche den Beruf aufgrund von Überlastung vorübergehend oder komplett aufgeben.» Das Personal sei teilweise erschöpft und arbeite momentan an der Belastungsgrenze. «Wir haben überdurchschnittlich viele, auch Covid-bedingte Krankheitsausfälle.»

Eine Direktbetroffene ist Pflegefachfrau Laura (24): Sie erlitt durch die Belastung ein Burn-out. «Es sollte eine finanzielle Anerkennung oder eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen geben», fordert sie.

«Wichtig, dass sich das Personal erholen kann»

Einige Gemeinden und Spitäler haben bereits reagiert. So dürfen sich etwa Stadtzürcher Spitalangestellte auf einen Corona-Bonus freuen. Fünf Millionen Franken sind im Budget 2021 als Einmalzulage fürs Personal vorgesehen. Auch am Universitätsspital Zürich (USZ) erhalten Pflegende auf der Intensivstation einen Extra-Zustupf, sagt USZ-Sprecher Marcel Gutbrod: «Zusätzlich können sie sich gratis massieren lassen.» Weil man nicht wisse, wie lange die Situation andauert, sei es wichtig, dass sich das Personal erholen könne, so Gutbrod. «Im neuen Jahr erhalten zudem alle USZ-Mitarbeitenden einen Frei-Tag geschenkt.»

Wie gestern bekannt wurde, erhalten auch die Mitarbeitenden des Kantonsspitals Baden eine Corona-Prämie in der Höhe von 1000 Franken. Das Basler Universitätsspital zückt ebenfalls das Portemonnaie: «Wir haben im Bereich Intermediate Care und Intensivpflege die Löhne angehoben, um konkurrenzfähig zu bleiben», sagt Sprecher Nicolas Drechsler. 1,2 Millionen Franken stehen laut Drechsler für die Lohnanpassungen zur Verfügung.

Weihnachtsgutscheine und Coachings

Am Kantonsspital Aarau (KSA) gibt es derweil verschiedene Zückerli für das Pflegepersonal: «Wir versuchen, durch diverse Aktionen während der Adventszeit – etwa die Verteilung von Grättimännern, Rabatte in der Kantine oder einen 100-Franken-Weihnachtsgutschein für das Personalrestaurant – dem Pflegepersonal Wertschätzung zu zeigen», sagt KSA-Sprecher Ralph Schröder. Genauso handhabt es das Zuger Kantonsspital: «Die Mitarbeitenden erhalten immer wieder kleine Aufmerksamkeiten wie etwa Gugelhöpfli, Lebkuchen oder Essensgutscheine», sagt Sprecherin Sonja Metzger.

Um die Pflegefachkräfte zu entlasten, setzen viele Spitäler auf die Arbeit im Dreischichtbetrieb, auch im Kantonsspital Graubünden ist ein Rotationssystem bei den Covid- und den von Corona nicht betroffenen Stationen in Kraft, sagt Sprecher Dajan Roman. «Zudem gibt es Unterstützungsangebote, Coachings und Beratungen für das Personal.» Ein Corona-Bonus wurde bereits im Sommer ausgezahlt, über die Höhe schweigt sich das Spital aus.

«Ideal wäre ein Bonus von einem vollen Monatslohn»

Beim Verband des Pflegefachpersonals SBK ist man von den Goodies nicht beeindruckt. «Mit Gratis-Grittibänzen oder Cafeteria-Weihnachtsgutscheinen allein zeigt man keine Wertschätzung – das Pflegepersonal kann das sogar als Beleidigung erleben», sagt Roswitha Koch, SBK-Leiterin Abteilung Pflegeentwicklung. Es brauche fundamentale Verbesserungen beim Lohn, bei den Arbeitsbedingungen und bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. «Es gibt auch in der Schweiz Anzeichen, dass viele Pflegende wegen der Corona-Dauerbelastung aussteigen und kündigen.»

Corona-Bonuszahlungen und Freitage seien kurzfristig zwar ein gutes Mittel, um den Einsatz der Pflegenden zu würdigen, sagt Koch. «Ideal wäre ein Bonus von einem halben oder einem vollen Monatslohn.» Der Staat müsse entsprechende zusätzliche Mittel zur Verfügung stellen. «Alles unter 500 Franken für ein Vollzeitpensum macht die Leute nur wütend.»

Nicht in allen Spitälern gibt es Extras

Handfeste Belohnungen gibt es nicht in allen angefragten Spitälern: So gibt etwa das Luzerner Kantonsspital an, sich dafür einzusetzen, dass die Mitarbeitenden «ihre Ferien beziehen und sich auch erholen» können. Bezüglich Anzahl Kündigungen stelle man «keine ausserordentlichen Veränderungen» fest, so Sprecher Markus von Rotz. Und das Kantonsspital St. Gallen gibt auf Anfrage bekannt, dass das Personal generell von verschiedenen Vergünstigungen und Angeboten profitiere – auch ausserhalb der Pandemiezeiten, sagt Sprecher Philipp Lutz.

Auch im Inselspital Bern gebe es keine Boni oder speziellen Extras für die Mitarbeitenden, sagt Sprecher Adrian Grob. In einzelnen Bereichen, etwa der Intensivmedizin, gebe es eine Feriensperre. «Ein Teil der Pflegefachkräfte muss Weihnachten später feiern – aber das war auch in anderen Jahren bereits so.»

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.
273 Kommentare
Kommentarfunktion geschlossen

Wie den

20.12.2020, 20:50

«Möglich, dass die Briten-Variante schon bei uns ist»

Quittung

20.12.2020, 19:45

Es wäre gescheiter endlich die Grenzen zu schliessen, die bringen uns sowieso nur Unheil und Sorgen, so wie es andere Länder auch machen, wir sind eh überbevölkert

Karin N. Arnold

20.12.2020, 19:04

Erst in vielen Spitälern Kurzarbeit weil man ja nicht mehr jeden Eingriff machen durfte. Dann Nachholstress und jetzt bei der lange angekündigten 2ten Welle der Riesengau. Da läuft einiges schief im Kriesenmmanagment.