Tiefe Impfbereitschaft - Mit diesen zwei Szenarien wird die Herdenimmunität möglich
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Tiefe ImpfbereitschaftMit diesen zwei Szenarien wird die Herdenimmunität möglich

Impftermine bleiben offen, die Herdenimmunität ist in Gefahr. Ein Gesundheitsökonom fordert Konsequenzen für Ungeimpfte, ein Politiker pocht auf Selbstverantwortung.

von
Carla Pfister
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Damit sämtliche Restriktionen wegen des Corona-Virus fallen können, ist die Herdenimmunität gemäss Expertinnen und Experten wichtig. 

Damit sämtliche Restriktionen wegen des Corona-Virus fallen können, ist die Herdenimmunität gemäss Expertinnen und Experten wichtig.

20min/Simon Glauser
Doch in den Schulen wollen sich Kinder nicht impfen lassen und die Impftermine für 16 bis 18-Jährige bleiben häufig ungenutzt.

Doch in den Schulen wollen sich Kinder nicht impfen lassen und die Impftermine für 16 bis 18-Jährige bleiben häufig ungenutzt.

20min/Marco Zangger
Der Infektiologe Andreas Widmer äusserte sich besorgt: «Lässt die Impfbereitschaft in einzelnen Kantonen nach, besteht durch neue Varianten ein grosses Risiko, dass die gesamte Impfstrategie zunichte gemacht wird.

Der Infektiologe Andreas Widmer äusserte sich besorgt: «Lässt die Impfbereitschaft in einzelnen Kantonen nach, besteht durch neue Varianten ein grosses Risiko, dass die gesamte Impfstrategie zunichte gemacht wird.

Swissnoso

Darum gehts

  • Etwa ein Drittel der Bevölkerung ist zurückhaltend gegenüber der Impfung.

  • Der Bundesrat will den Öffnungsplan umsetzen, auch wenn die Impfbereitschaft tief bleibt.

  • Im Umgang mit diesen Voraussetzungen gibt es zwei Vorgehensweisen.

Jugendliche zeigen sich in einigen Kantonen beim Impfen zurückhaltend. Etwa der Kanton Bern meldete, dass seit Freitag die Hälfte der Impftermine für die 16- bis 17-Jährigen offen sei. Infektiologe Andreas Widmer äusserte sich kürzlich besorgt: «Lässt die Impfbereitschaft in einzelnen Kantonen nach, besteht durch neue Varianten ein grosses Risiko, dass die gesamte Impfstrategie zunichte gemacht wird.»

Ob über Impfungen oder über natürliche Immunisierung – früher oder später wird sich eine Herdenimmunität einstellen. Ein Gesundheitsökonom und ein SVP-Nationalrat schlagen unterschiedliche Vorgehensweisen vor:

Gesundheitsökonom Willy Oggier

«Impfunwilligen müssen Freiheiten verweigert werden»

«Der Bundesrat muss an seinem Öffnungsplan festhalten und dafür sorgen, dass mehr Menschen sich impfen lassen. Die seit einem Jahr verfolgte Strategie darf nun nicht gefährdet werden. Eine breite Durchimpfung ist ein wichtiger Baustein aus dieser Krise. Es kann nicht sein, dass die Gesellschaft unter denen leidet, die diesen Beitrag verweigern. Ihnen sollen auch weniger Freiheiten zustehen. Dazu gehören Aktivitäten mit grossem Ansteckungsrisiko wie der Besuch von Veranstaltungen und das Besuchen von Gastrobetrieben ohne Immunitätsnachweis.

Wer den Solidaritätsbeitrag nicht leistet, soll deshalb die Konsequenzen von weniger Freiheiten im Sinne der Selbstverantwortung auch tragen müssen. Weitgehende Öffnungen dürfen nur den Geimpften zugute kommen. Dieser Freiheitsunterschied muss gross sein, damit auch der Anreiz für eine Impfung gross ist.

«Parmelin macht es besser als Berset»

Es braucht sowohl positive als auch negative Anreize. Ähnlich wie im Klimaschutz: Der Einsatz zum Erreichen der Ziele wird vom Bund unterstützt. Wer den Zielen hingegen schadet, wird mit Abgaben belastet. So sollte man auch bei der Impfung vorgehen, nur dass mit Freiheiten subventioniert wird.

Die Impfung ist freiwillig. Man zwingt die Bevölkerung also nicht zum Impfen, sondern zum Übernehmen von Verantwortung. Dafür braucht es von der Politik jetzt einen langen Atem und Konsequenz in der Durchsetzung. Eine zielführende Kommunikation ist zentral. Die Aussage von Bundesrat Berset, es herrsche kein Impfzwang, ist deshalb schädlich. Damit fördert man sicherlich nicht die Impfbereitschaft. Bundesrat Parmelin macht es da besser.»

SVP-Nationalrat Thomas Aeschi

«Ungeimpfte auf keinen Fall ausschliessen»

«Jeder kann sich mit den bekannten und eingeübten Schutzmassnahmen eigenverantwortlich genügend schützen. Das zeigt sich auch daran, dass im Corona-Jahr dadurch keine Grippewelle stattgefunden hat. Entsprechend kommt es auch nicht zu einer breiten Durchseuchung. Viele Menschen sind ausserdem entweder resistent oder bereits durch eine Ansteckung immunisiert. Eine gewisse Durchseuchung findet also bereits seit eineinhalb Jahren statt.

Man darf die Ungeimpften auf keinen Fall vom gesellschaftlichen Leben ausschliessen. Ich kenne viele, auch ältere Personen, die sich nicht impfen lassen wollen. Man darf ihnen den Besuch im Kino, Theater und anderen Veranstaltungen keinesfalls verwehren. Jeder ist im Entscheid, ob man sich impfen lassen will oder nicht, frei und man trägt auch die entsprechenden Risiken eigenverantwortlich.

Der Öffnungsplan des Bundesrates soll umgesetzt werden. Sobald sich alle, die das möchten, haben impfen lassen können, sind jegliche Einschränkungen, ob wirtschaftlich oder gesellschaftlich, nicht mehr gerechtfertigt.

Dass die Delta-Variante in der Schweiz eine vierte Welle auslösen könnte, erwarte ich nicht. In Grossbritannien wurde die Bevölkerung nur einmal geimpft, sodass sich die Variante auch unter der geimpften Bevölkerung ausbreiten konnte. Ausserdem gelten in den Restaurants und Pubs keine Schutzkonzepte mehr. Ich bin überzeugt, dass man die Schweiz deshalb nicht mit Grossbritannien vergleichen kann: Auch ungeimpfte Personen werden sich weiterhin eigenverantwortlich schützen.»

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