Hahnenwasser mit Cola-Duft: Mit dieser Flasche trickst du dein Gehirn aus
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Hahnenwasser mit Cola-DuftMit dieser Flasche trickst du dein Gehirn aus

Ein Start-up will den Getränkemarkt mit einer Wasserflasche und Duft-Pods aufmischen. Damit lässt sich Hahnenwasser mit Cola-Duft und 12 weiteren Sorten aromatisieren – ohne Zusatz von Zucker oder Kalorien. Die Trendforscherin sieht es als Anfang einer Entwicklung zum synthetischen Konsum.

von
Fabian Pöschl
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Das Start-up Air Up hat eine Wasserflasche entwickelt, auf deren Mundstück sich Duft-Pods aufsetzen lassen. Damit wird dem Gehirn ein Geschmack vorgegaukelt.

Das Start-up Air Up hat eine Wasserflasche entwickelt, auf deren Mundstück sich Duft-Pods aufsetzen lassen. Damit wird dem Gehirn ein Geschmack vorgegaukelt.

Air Up
Das funktioniert so: Beim Trinken wird über den Pod Luft angesogen und mit Duft versehen. Beim Schlucken trennt sich die Luft vom Wasser und steigt über den Rachenraum zum Riechzentrum auf, wo sie das Hirn als Geschmack wahrnimmt.

Das funktioniert so: Beim Trinken wird über den Pod Luft angesogen und mit Duft versehen. Beim Schlucken trennt sich die Luft vom Wasser und steigt über den Rachenraum zum Riechzentrum auf, wo sie das Hirn als Geschmack wahrnimmt.

Air Up
13 verschiedene Duft-Pods sind erhältlich, darunter Cola, Eiskaffee oder Pfirsich.

13 verschiedene Duft-Pods sind erhältlich, darunter Cola, Eiskaffee oder Pfirsich.

Air Up

Darum gehts

  • Ein Münchner Start-up hat eine neue Getränketechnologie entwickelt.

  • Sie lancierte eine Wasserflasche mit austauschbaren Duft-Pods.

  • Die Duft-Pods gaukeln dem Gehirn einen Geschmack vor, obwohl man nur Leitungswasser trinkt.

  • Beim GDI glaubt man, dass so in Zukunft ganz neue Geschmacksrichtungen möglich sind.

Zucker verursacht Karies und begünstigt Übergewicht. Erwachsene sollten deshalb maximal 50 Gramm zugesetzten Zucker pro Tag essen, Kinder gar nur 30 Gramm. Cola-Trinker haben diese Grenze schnell erreicht. Ein 2-Deziliter-Süssgetränk enthält laut der Gesundheitsförderung Schweiz 20 Gramm Zucker.

Abhilfe will ein Münchner Start-Up schaffen, bei dem auch ein Schweizer zu den Gründern gehört. Die Firma Air Up hat eine Trinkflasche mit austauschbaren Duft-Pods entwickelt, mit denen sich Hahnenwasser mit Cola-Duft und 12 weiteren Sorten aromatisieren lässt – ohne Zusatz von Zucker oder Kalorien. Der Duft suggeriert dem Gehirn, das man Cola trinkt, obwohl in Wahrheit reines Leitungswasser eingefüllt ist (siehe Box).

So funktioniert Air Up

Am Mundstück der Wasserflasche von Air Up lassen sich auswechselbare Pods anbringen. Während des Trinkens wird über den Pod Luft angesogen und mit Duft versehen. Beim Schlucken trennt sich die Luft wieder vom Wasser und steigt über den Rachenraum zum Riechzentrum auf, wo sie das Hirn als Geschmack wahrnimmt. Diese Sinnestäuschung funktioniert nur über den Mund und nicht über die Nase. Auf das sogenannte retronasale Riechen stiess Co-Gründerin Lena Jüngst durch einen Vortrag eines Neurowissenschaftlers im Rahmen ihrer Bachelor-Arbeit . «Ich war fasziniert und stellte fest, dass 80 Prozent unseres Geschmacksempfindens durch den Geruch entstehen», sagt Jüngst zu 20 Minuten. Ein solches Produkt habe es noch nicht gegeben, worauf sie die Getränketechnologie mit den Pods entwickelte.

«Wir haben bis zu 50 Mal weniger Plastik als bei PET-Flaschen»

Air Up soll mit seinen Pods mit natürlichen Aromen nicht nur die Gesundheit, sondern auch die Umwelt schonen. «Wir sind nachhaltiger als PET-Flaschen», sagt Co-Gründerin Lena Jüngst zu 20 Minuten. Zwar bestehen auch die Duft-Pods aus Plastik und sind in Plastik verpackt. Allerdings reiche ein Pod für fünf Liter Wasser. «Das ist 25 bis 50 Mal plastiksparender als bei PET-Flaschen», so Jüngst. Zudem seien die Pods viel leichter als volle Getränkeflaschen. Deshalb sei der Transport bis zu 1000 Mal CO₂-effizienter als die Konkurrenz aus dem Supermarkt.

Das kommt bei den Kunden offenbar gut an. Air Up ist seit einem Jahr in Deutschland erhältlich und erzielte seither rund 20 Millionen Euro Umsatz. Auch die beiden Investoren Frank Thelen und Ralf Dümmel, bekannt aus der TV-Show «Die Höhle der Löwen», liessen sich überzeugen und stiegen bei Air Up ein.

Es gibt aber auch Kritik. So schreiben Nutzer in Amazon-Bewertungen, dass der Geschmack der Düfte zu wenig intensiv sei. Jüngst erklärt: «Wir können den Geschmack von Cola ohne Zuckerzusatz nicht ersetzen. Aber Air Up ist eine gesunde Alternative und schmeckt spannender als pures Wasser.» Sie vergleicht es mit Wasser mit Geschmack, das auch die Mineralwasserproduzenten anbieten.

20’000 Besucher aus der Schweiz

Am Dienstag ging der Schweizer Onlineshop von Air Up live. In den Regalen der Lebensmittelhändler gibt es das Produkt allerdings noch nicht. Es kamen zwar schon Schweizer Händler auf Air Up zu, doch für eine Partnerschaft ist es noch zu früh, wie der Schweizer Co-Gründer Simon Nüesch sagt. Erst müsse Air Up bei den Konsumenten bekannter werden.

Nüesch zeigt sich «sehr optimistisch» für den Schweizer Launch von Air Up, denn eine gewisse Bekanntheit geniesse Air Up hierzulande bereits. So habe die Firma schon im deutschen Webshop rund 20’000 Besucher aus der Schweiz gezählt – das seien die meisten in Europa ausserhalb Deutschlands. «Es gibt eine riesige Affinität in der Schweiz für Nachhaltigkeit und gesunde Ernährung», so Nüesch. Zudem sei das Leitungswasser nirgendwo so gut wie hier.

Beginn des synthetischen Konsums

Auch die Marketing-Dozentin Adrienne Suvada von der ZHAW sieht Potenzial für das Produkt im Schweizer Markt. Auch die mit Aromen versetzten Wasser wie das Focus Water hätten ihre Fans. Für diese Zielgruppe könnte das Produkt funktionieren, so Suvada.

Allerdings glaubt sie nicht daran, dass Air Up andere Getränke komplett verdrängen kann. «Es wird immer noch Kunden geben, die lieber eine richtige Coca Cola trinken oder ganz einfach ein normales Wasser bevorzugen. Alleine unser gutes Leitungswasser ist hervorragend und kostenlos», so Suvada.

Einen Schritt weiter geht die Trendforscherin Christine Schäfer vom Gottlieb-Duttweiler-Institut. Sie glaubt, dass Air Up erst der Anfang einer Entwicklung hin zum synthetischen Konsum ist, bei dem direkt im Hirn ein Erlebnis ausgelöst wird ohne ein reales Produkt. «In Zukunft werden wir die Sinne entkoppeln können und ganz neue Geschmackserlebnisse konfigurieren», sagt Schäfer.

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