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Nati-AnalyseMit dieser Mannschaft wäre mehr drin gelegen

Das WM-Abenteuer 2019 ist für die Schweizer Eishockey-Nati zu Ende. Die Leistung war gut. Doch da gibt es noch ein grosses Aber.

von
Marcel Allemann
Kosice
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Das Schweizer WM-Kader 2019TorhüterReto Berra (HC Fribourg-Gottéron)

Das Schweizer WM-Kader 2019TorhüterReto Berra (HC Fribourg-Gottéron)

Urs Lindt/freshfocus
Leonardo Genoni (SC Bern)

Leonardo Genoni (SC Bern)

Keystone/Walter Bieri
Robert Mayer (Genève-Servette HC)

Robert Mayer (Genève-Servette HC)

Pascal Muller/freshfocus

Die ersten vier Spiele (gegen die Kleinen) gewonnen. Die letzten vier Spiele (gegen die Grossen) verloren. Das Soll hat die Eishockey-Nationalmannschaft grundsätzlich erfüllt. Sie hat jene Teams, die in der Weltrangliste hinter ihr liegen, geschlagen. Und deshalb ist es grundsätzlich auch Fehl am Platz, nun Kritik zu üben. Und nach einem solch dramatischen Viertelfinal-Spiel mit einem derart bitteren Ausgang erst recht.

Aber es bleibt trotzdem ein schaler Nachgeschmack. Nach der Pflicht (zwölf Punkte zum Start) hat man sich für die Kür natürlich schon mehr erhofft. Es muss ja nicht gerade in jedem Jahr eine Medaille sein, das zu erwarten, wäre vermessen. Die Schweiz ist immer noch die Schweiz.

Kein Exploit bedeutet einen Rückschritt

Aber zumindest ein Exploit gegen einen Grossen wäre schon nett gewesen. Dieser blieb aber erstmals seit 2016 aus. Die Zeiten, in denen die Nati sich noch über ehrenvolle Niederlagen definiert hat, sind im Jahr 2019 eigentlich vorbei. Aber genau solche hat es in der Slowakei gegeben. Vier an der Zahl. Und deshalb ist dieses Turnier eben doch ein Rückschritt.

Kanada gewinnt 3:2 in der Nachspielzeit

Die Schweizer scheiden äusserst knapp aus dem WM-Turnier aus. (Video: SRF)

Der Hauch Enttäuschung schwebt auch über dieser WM-Expedition, wenn man bedenkt, wer aus der NHL alles mit von der Partie war. Unser Überverteidiger Roman Josi ausnahmsweise sogar von Beginn, ebenso erstmals Nummer-1-Draft Nico Hischier. Dazu kamen Spektakel-Flügel Kevin Fiala, der robuste Verteidiger Yannick Weber und im Lauf des Turniers der wirblige Sven Andrighetto sowie auch noch das offensive Herz Nino Niederreiter.

Viel besser geht es nicht. Wirklich vermisst hat man von der Schweizer NHL-Topgarde eigentlich nur den neuen Rekordskorer Timo Meier. Und trotzdem blieb der Sondereffort dieses Mal aus.

Der nächste grosse Wurf an der Heim-WM?

Deshalb endet diese WM mit dem unbefriedigenden Gefühl, dass mit dieser Mannschaft eigentlich mehr dringelegen wäre. 0,4 Sekunden bis zum Halbfinal-Glück hin oder her. Auch weil die Ansprüche dieser Hockeygeneration gross sind und sich ihr Chef, Patrick Fischer, früher oder später mit einer Goldmedaille dekorieren möchte. Dass er dies so offen deklariert, ist gut. Die Kehrseite der Medaille ist, dass er nun auch damit klarkommen muss, wenn nach einer «normalen» Viertelfinal-WM niemand in einen Begeisterungssturm ausbricht.

Wenn sich die Nati den nächsten grossen Wurf einfach für 2020 aufgespart hat, dann ist es ohnehin voll okay im Jahr zuvor in der zweiten Reihe zu stehen und ein Zwischenjahr zwischen dem Silberwunder von Kopenhagen und der Heim-WM in Zürich und Lausanne einzuschalten. Die Perspektiven bleiben gut, aber vielleicht ist nun auch etwas mehr Realismus zurückgekehrt, was nicht so schlecht sein muss.

Der Abgang von Raffainer als grosser Verlust

Im Vorgang zum Turnier vor eigenem Publikum stehen beim Verband einige nicht unerhebliche Veränderungen an. Nati-Direktor Raeto Raffainer und Assistenztrainer Christian Wohlwend verlassen Swiss Ice Hockey in Richtung HC Davos. Wohlwend war eine gute Ergänzung zu Fischer, Kandidat für seine Nachfolge ist mit Thierry Paterlini aber ein ebenfalls sehr talentierter Coach.

Gross sind die Fussabdrücke, die Raffainer hinterlässt. Der Engadiner galt als nimmermüder Workaholic, der ein grosses Dach über alle Schweizer Landesauswahlen baute, ideale Strukturen schuf und die erfolgreiche Swissness beim Verband einführte. Daneben überzeugte Raffainer auch stets mit seinem Auftreten und seinen Inhalten. Nachfolger Lars Weibel wird an einem ganz starken Mann gemessen.

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