Uni-Rektor warnt: «Mit Ecopop saust das Damoklesschwert runter»

Aktualisiert

Uni-Rektor warnt«Mit Ecopop saust das Damoklesschwert runter»

25 Jahre nach dem Mauerfall in Berlin gelte es zu verhindern, dass die Schweiz sich einmauert, sagt Michael Hengartner, der Rektor der Uni Zürich, im Hinblick auf Ecopop.

von
J. Büchi

Herr Hengartner, Sie sind als Sohn von Schweizer Eltern in Kanada und den USA aufgewachsen – in klassischen Einwandererländern. Wie hat Sie diese Erfahrung geprägt?

Ich hatte das Glück, dass ich überall, wo ich hinkam, gut aufgenommen wurde. Auch in der Schweiz, in die ich 2001 zurückgekehrt bin. Seither hat sich der Ton allerdings deutlich verschärft – die Schweiz ist weniger weltoffen als noch vor zehn Jahren. Das bereitet mir Sorgen. Ich weiss nicht, wie ich mich gefühlt hätte, wenn ich mich bei der Rückkehr in die Schweiz um einen Kontingentsplatz hätte bewerben müssen.

Warnen Sie deshalb auf der Website der Universität Zürich vor einer Annahme der Ecopop-Initiative?

Mir ist es wichtig, dass die Studenten und Stimmbürger wissen, welchen Effekt die Annahme von Ecopop auf die schweizerische Hochschullandschaft hätte. Die Wissenschaft lebt vom freien Austausch, sowohl bei den Studierenden als auch bei den Dozierenden. Bei einer Annahme der Initiative wäre es kaum mehr möglich, Spitzenleute zu rekrutieren. Viele gute Professoren und Studenten würden im Ausland bleiben, die Qualität der universitären Forschung und Ausbildung nähme ab. Auch die Teilnahme an den wichtigsten Forschungsprojekten der Welt wäre für die Schweizer Forschenden erschwert.

Das hiess es bereits nach der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative. Nun aber scheint das Schlimmste abgewendet: Sowohl für das Forschungsabkommen Horizon 2020 als auch für das Programm Erasmus+ wurde eine Übergangslösung gefunden.

Es kann nicht unser Anspruch sein, nur das Schlimmste abwenden zu wollen. Bei Erasmus+ ist die Schweiz nicht mehr dabei. Der Studentenaustausch ist zwar noch möglich, aber nur mit zusätzlichem administrativen und erheblichem finanziellen Aufwand. Was wir jetzt haben, ist kein Plan B, sondern ein deutlich schlechterer Plan C oder D. Bei Horizon 2020 können wir uns zwar für die nächsten zwei Jahre wieder an gewissen Programmen beteiligen. Wie es danach weitergeht, hängt von der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative ab und ist noch ungewiss. Das Damoklesschwert, dass Schweizer Forscher zunehmend in der europäischen Forschungslandschaft marginalisiert werden, schwebt immer noch über unseren Köpfen. Bei einem Ja zu Ecopop saust es todsicher herunter.

Sie sind erst seit Februar Rektor der Uni Zürich. Haben es Ihre Vorgänger verschlafen, vor den Konsequenzen der Masseneinwanderungsinitiative zu warnen?

Die Hochschulen haben sicher zu wenig und zu spät reagiert. In den letzten zehn Jahren hat sich an den Unis die Haltung eingestellt: «Wir müssen uns nicht unbedingt einsetzen, die Politik wird es schon richten.» Mit Verdruss haben wir gemerkt, dass wir es uns damit zu einfach gemacht haben.

Sie betonen die Wichtigkeit der Beziehungen mit dem Ausland für die Forschung. Welche Errungenschaften wären in der Vergangenheit ohne diesen Austausch nicht möglich gewesen?

Die Schweiz hat im internationalen Vergleich eine ausgesprochen grosse Anzahl an Nobelpreisträgern hervorgebracht, viele von diesen herausragenden Menschen haben ausländische Wurzeln. Das gilt nicht nur für die Wissenschaft. Der Begründer von Swatch, Nicolas Hayek, war ein Immigrant. Mehr als die Hälfte der Mannschaft des FC Basel hat Wurzeln im Ausland. Viele der Migranten von gestern haben sich integriert und tragen heute massgeblich zum Erfolg der Schweiz bei.

Ecopop-Befürworter werden sagen: Gerne verzichte ich auf ein paar Schweizer Erfolge, wenn ich dafür einen gesicherten Arbeitsplatz und eine unversehrte Natur habe.

Sie sprechen hier Bedenken der Bevölkerung an, die ich persönlich nachvollziehen kann und die man ernst nehmen muss. Auch ich möchte, dass die Lebensqualität für meine Kinder besser und nicht schlechter wird. Aber das erreichen wir nicht, wenn wir probieren, die Schweiz im Zustand des Jahres 2014 einzufrieren. Mit starren Regeln, wie sie die Ecopop-Initiative festschreiben will, überaltert die Gesellschaft und es kommt zu einem Fachkräftemangel. Die Schweiz braucht genügend Handlungsspielraum, um ihre Zukunft aktiv und nachhaltig gestalten zu können.

Wieso verläuft das Leben Ihrer Kinder ohne Ecopop besser?

Die Frage wird sein: Leben sie in einer Gesellschaft, die in die Zukunft schaut und die Welt mitgestaltet – oder leben sie in einem Reduit? Derzeit sind wir daran, ein Reduit zu errichten wie im Zweiten Weltkrieg. Wir wollen unsere hohe Lebensqualität schützen, indem wir uns einmauern. Doch Mauern sind schlecht. Wir sollten aus der Geschichte lernen: Ich war letztes Wochenende zufällig in Berlin – am 25. Jahrestag des Mauerfalls. Die Stimmung war sehr emotional. Man hat gemerkt, wie wichtig es für die Menschen ist, zu spüren, dass sie frei sind. In der Verfassung einen Grundsatz zu verankern, der es uns nicht gestattet, Grenzen zu überwinden, finde ich verheerend.

Stichwort Fachkräftemangel: Insbesondere im Gesundheitswesen wird ein solcher befürchtet. Dennoch gibt es in der Medizin weiterhin einen Numerus clausus. Würde es nicht Sinn machen, mehr eigenen Nachwuchs auszubilden, anstatt auf Fachkräfte aus dem Ausland zu setzen?

Wir sind bereits daran, im Fach Medizin mehr Studierende aufzunehmen. Zurzeit sind wir aber durch die Infrastruktur limitiert: Sie können nicht den gleichen Lerneffekt haben, wenn Sie anstelle von 8 plötzlich 24 Studierende an einem Seziertisch arbeiten lassen. Als die Räume erbaut wurden, konnte man nicht wissen, wie viele Mediziner die Gesellschaft dereinst brauchen wird. Genauso wenig können wir heute präzise wissen, welche Fachkräfte die Schweiz in 20 Jahren benötigen wird. Genau das ist das Problem: Ohne Zuwanderung können die Hochschulen beim besten Willen nicht garantieren, dass sie der Wirtschaft zu jeder Zeit die richtigen Absolventen offerieren können.

Auch der ETH-Präsident warnt vor der Ecopop-Initiative. Gleichzeitig denkt er über Quoten für Ausländer an seiner Hochschule nach. Ist das nicht ein Widerspruch?

Ehrlich gesagt: Ich halte diese Forderung für unglücklich – auch wenn ich das Anliegen im Grundsatz verstehe. Die Schweizer Hochschulen sind im internationalen Vergleich sehr attraktiv. Für vergleichsweise tiefe Studiengebühren bekommt man ein wunderbares Umfeld und eine exzellente Ausbildung: 60 Prozent der Schweizer Studierenden bilden sich hier im Inland an einer Hochschule aus, die weltweit zu den Top 200 zählt. Die Schweiz hat ein vitales Interesses daran, die besten Studierenden der Welt ausbilden zu können. Deshalb sollten die Hochschulen einen anderen Weg finden, mit dem Andrang fertig zu werden.

Auch Ihre Uni wächst stetig. Das Zürcher Hochschulquartier soll in den nächsten 30 Jahren radikal umgestaltet werden – ein komplett neuer Stadtteil soll entstehen. Wann sind die Kapazitätsgrenzen an Ihrer Hochschule erreicht?

Die Universität Zürich ist heute 26 Mal grösser als vor hundert Jahren: Waren es 1914 1000 Studenten, sind es heute 26'000. Dieses Wachstum führte zu einer starken räumlichen Verzettelung, die Uni mietete sich in zahlreiche Gebäude in der ganzen Stadt ein. Ziel des anstehenden Bauprojekts ist deshalb in erster Linie die Konzentration auf die zwei Standorte UZH-Zentrum und Irchel. Es geht nicht primär darum, noch weiter zu wachsen.

Und was geschieht, falls die Studierendenzahlen weiter ansteigen?

Gewisse Lösungen haben wir dank neuen Technologien: Wir bieten schon heute immer mehr Vorlesungen als Podcasts an – die physische Präsenz der Studierenden im Hörsaal wird sinken. Eine weitere Möglichkeit wäre es, in die Höhe zu bauen. Ich habe sieben Jahre lang ausserhalb von New York City gewohnt, und muss sagen: Zürich ist eine wunderschöne Weltstadt, aber keine Grossstadt. In Manhattan wäre der Prime Tower nichts Besonderes (lacht).

Die Ecopop-Befürworter warnen genau vor diesem Bild einer zubetonierten Schweiz.

Als die Hauptgebäude der ETH und der Uni gebaut wurden, waren sie für die damalige Zeit bauliche Kolosse, die kontrovers diskutiert wurden. Heute zählen Sie zu den Wahrzeichen der Stadt. Genau das wünsche ich mir auch für das neue Hochschulquartier. Wir müssen Bauten kreieren, auf die wir auch in 50 Jahren noch stolz sein können.

Zum Beispiel einen Uni-Wolkenkratzer?

Einen Uni-Elfenbeinturm? Nein, danke. Ich wünsche mir eher moderate, aber ästhetische Bauten, in denen sich die Menschen wohlfühlen und die zum Forschen und Lernen und zum Gedankenaustausch animieren. Schon Winston Churchill sagte: «We shape our buildings, and afterwards our buildings shape us.» («Wir formen unsere Gebäude, und dann formen unsere Gebäude uns.»).

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