Ausbildung in der Schweiz: Mit eigenen Imamen gegen den Extremismus
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Ausbildung in der SchweizMit eigenen Imamen gegen den Extremismus

Muslimische Geistliche sollen künftig an Schweizer Hochschulen ausgebildet werden - darüber sind sich die muslimische Gemeinde in der Schweiz, Behörden und Hochschulen mehrheitlich einig. Die Schweizer Verhältnisse müssen aber dabei berücksichtigt werden. Dies soll helfen, extremistische Einflüsse abzuwehren.

Forscher der Universität Zürich führten im Rahmen einer Nationalfondsstudie rund 100 Interviews mit Exponenten der islamischen Gemeinde und befragten zudem etwa 40 Vertreter anderer Religionsgemeinschaften, Behörden, Parteien, Hochschulen sowie Rechtsexperten. Mehrheitlich sprachen sich die Befragten dafür aus, Imame (Vorbeter) und islamische Religionslehrer in der Schweiz auszubilden.

Heute werden die Imame der Schweizer Muslime im Ausland ausgebildet, für moslemische Religionslehrer gibt es in der Deutschschweiz einen privaten Kurs. Die muslimische Gemeinde ist mit schätzungsweise über 350 000 Mitgliedern oder knapp 5 Prozent der Bevölkerung die zweitgrösste Religionsgemeinschaft der Schweiz. Laut dem historischen Lexikon der Schweiz hatten 2006 rund zwei Drittel der etwa 120-160 Moschee-Vereine einen ständigen Imam.

Imam sollte auch Brückenbauer sein

Die Moslems wünschen sich akademisch ausgebildete Imame, die neben fundierten Islamkenntnissen auch über gute Kenntnisse der lokalen Landessprache, des Rechts und der Politik verfügen. Sie sollen mit der Schweiz vertraut sein. Zudem sollen sie Kontakte mit den anderen Religionsgemeinschaften pflegen.

Islamische Religionslehrerinnen und -lehrer sollten nach Meinung der Befragten zwischen den Generationen und Kulturen vermitteln, solide Islamkenntnisse besitzen und über pädagogisch-didaktische Kompetenzen verfügen.

Gewünscht wird, dass an den öffentlichen Schulen ein islamischer Religionsunterricht nach dem Modell des christlichen eingeführt wird. Da in mehreren Kantonen der herkömmliche christliche Religionsunterricht durch eine konfessionsübergreifende Religionskunde abgelöst worden ist, müsse man nach «flexiblen Lösungen suchen», erklärten die muslimischen Verbände und die Behörden.

Islam soll in Schweizer Kontext passen

Allgemein wünscht man in der islamischen Gemeinde einen Islam, der in den Schweizer Kontext passt, aber nicht vom Staat reglementiert ist. Gleichzeitig sollen die Ausbildungsgänge von Hochschulen der islamischen Welt anerkannt, aber nicht einfach von dort importiert werden. Die Muslime setzten dabei auf eine aktive Rolle der schweizerischen Institutionen, nicht zuletzt zur Abwehr extremistischer Einflüsse, schreibt der SNF.

Rechtlich bestünden für die Einführung einer solchen Ausbildung in der Schweiz keine Hindernisse. Da das Religions- und Bildungswesen in erster Linie Sache der Kantone ist, seien kantonale Akteure besonders gefordert, heisst es in der Studie.

Kurzfristig könnte man für Imame, die im Ausland ausgebildet werden, in der Schweiz Zusatzkurse anbieten, die sie mit den Verhältnissen in der Schweiz vertraut machen.

Bundesrat wartet auf Nationalfonds-Studie

Der Wunsch nach einer Imam-Ausbildung in der Schweiz war von Muslimen in der Schweiz ausgegangen und 2004 von den Landeskirchen aufgenommen worden. Hintergrund war ein Unbehagen darüber, dass viele islamische Geistliche in Europa nicht mit den europäischen Verhältnissen vertraut waren und teilweise extremistische Lehren verbreiteten.

In der Folge wurden auf lokaler Ebene verschiedene Projekte lanciert. Neben dem bestehenden Kurs für Religionslehrer starten diesen Herbst an der Universität Freiburg und an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur Lehrveranstaltungen zur Aus- und Weiterbildung von islamischen Religionsvertretern.

Der Bundesrat ist in dieser Frage zurückhaltend. In Antwort auf ein Postulat von Nationalrat Hugues Hiltpold (FDP GE) zur Ausbildung von Imamen in der Schweiz erklärte er Ende Mai, er wolle erst die Nationalfonds-Studie abwarten, bevor entsprechende Massnahmen diskutiert werden könnten. (sda)

Die Situation in Europa

In den europäischen Ländern wird die Imam-Ausbildung sehr unterschiedlich gehandhabt. Wie aus der Nationalfonds-Studie «Imam-Ausbildung und islamische Religionspädagogik in der Schweiz?» hervorgeht, gibt es in Deutschland an einzelnen Hochschulen Ergänzungsstudiengänge für islamische Religionslehrer, aber keine Imam-Ausbildung.

In Österreich gibt es ein Bachelor-Studium in islamischer Religionspädagogik an einer privaten Akademie für Grundschullehrer und ein Master-Studium an der Universität Wien.

In den Niederlanden bestehen zwei Studiengänge für Imame an Universitäten, jedoch keine Ausbildung für islamische Religionslehrer, da es an sämtlichen öffentlichen Schulen seit den achtziger Jahren nur noch neutrale Informationen über Religionen und Kulturen gibt.

In Frankreich offeriert eine private islamische Institution ein Studium, das sowohl für die Tätigkeit als Imam wie auch als islamische Lehrperson qualifizieren soll. Andererseits gibt es seit 2008 an einer privaten Universität ein staatliches Weiterbildungsangebot für Imame und andere religiöse Kader, das sich auf die nicht-konfessionellen Fächer beschränkt.

Grossbritannien weist ein relativ vielfältiges Angebot an Ausbildungsgängen für Imame an privaten Instituten auf.

Multitalente gefragt

Der Imam ist in der islamischen Welt der Vorbeter, der das gemeinschaftliche Ritualgebet leitet. Vor allem in Ländern ausserhalb der islamischen Welt kommen ihm aber noch weitere Funktionen zu, als Gemeindeleiter und Brückenbauer zur nichtislamischen Mehrheit.

Der Imam bedeutet im Koran soviel wie Vorbild oder Führer. Er führt die Gläubigen während des Gebets und unterweist sie in den Riten. Dazu steht bzw. sitzt er, mit Blickrichtung nach Mekka und den Rücken zu den übrigen Gemeindeglieder gewandt, vor der ersten Reihe der Betenden.

In einem weiteren Sinne ist Imam auch ein Ehrentitel für hervorragend muslimische Theologen und Juristen.

In Westeuropa ist das Betätigungsfeld des Imams breiter und keineswegs rein religiös. Die Umfrage des Nationalfonds bestätigt, dass sich die Muslime in der Schweiz als Imam ein «Multitalent» wünschen, der ähnliche Funktionen wie ein christlicher Pfarrer übernimmt.

Als Gemeindeleiter soll der Imam religiöser Spezialist, Seelsorger, Sozialarbeiter, Integrationsfigur und «Brückenbauer» zwischen der muslimischen Gemeinschaft und der Gesamtgesellschaft sein. Er soll Kontakt zu Behörden und anderen Religionsgemeinschaften unterhalten.

Er soll die Muslims würdig vertreten und ihnen gesellschaftliche Anerkennung verschaffen. Gleichzeitig soll er das Leben der Muslime in der Schweiz gut kennen, um ihnen einen authentischen Islam, aber auch einen Islam für die Schweiz vermitteln zu können. (sda)

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