Hautkrankheit Krätze auf dem Vormarsch - «Mit einer Nadel habe ich Milben aus meiner Haut gekratzt»
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Hautkrankheit Krätze auf dem Vormarsch «Mit einer Nadel habe ich Milben aus meiner Haut gekratzt»

Quälender Juckreiz, Fehldiagnosen und soziale Ausgrenzung: Wer die Krätze hat, leidet nicht nur an einer Hautkrankheit, sondern auch unter Stigmatisierung. Vier Leser*innen erzählen.

von
Team OneLove
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Dutzende 20-Minuten-Leser*innen haben uns von ihren Erfahrungen mit der Hautkrankheit Krätze berichtet. 

Dutzende 20-Minuten-Leser*innen haben uns von ihren Erfahrungen mit der Hautkrankheit Krätze berichtet.

20-Minuten-Community
Sie wird ausgelöst durch Skabies-Milben, die sich in die oberste Schicht der Haut reinfressen… 

Sie wird ausgelöst durch Skabies-Milben, die sich in die oberste Schicht der Haut reinfressen…

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… und dort kleine Fressgänge hinterlassen. 

… und dort kleine Fressgänge hinterlassen.

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Darum gehts

  • Die Hautkrankheit Krätze (Skabies) ist in der Schweiz auf dem Vormarsch.

  • «Der Irrglaube, dass die Krankheit aufgrund von mangelhafter Hygiene auftritt, hält sich stark. Das müsste nicht sein, denn Krätze kann jeden treffen», sagt Bettina Schlagenhauff, Fachärztin für Hautkrankheiten.

  • Vier 20-Minuten-Leser*innen berichten von ihren Erfahrungen mit der Hautkrankheit.

«In den letzten zehn Jahren nahmen die Skabies- oder Krätze-Fälle in den dermatologischen Praxen und Kliniken hierzulande deutlich zu», sagt Bettina Schlagenhauff, Fachärztin für Hautkrankheiten und Mitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie SGDV. Dutzende Menschen haben sich auf unseren Artikel zum Wiederaufkommen der Hautkrankheit Krätze gemeldet. Während einige Betroffene die Krankheit schnell in den Griff bekamen, kämpften andere über mehrere Monate gegen die Milben, bis sie endlich die richtige Diagnose oder eine Behandlung fanden, die anschlug. Viele Betroffene klagen zudem über die starke Stigmatisierung, die die Krankheit mit sich bringt: «Der Irrglaube, dass die Krankheit aufgrund von mangelhafter Hygiene auftritt, hält sich stark. Das müsste nicht sein, denn Krätze kann jeden treffen», so Schlagenhauff. Vier 20-Minuten-Leser*innen erzählen von ihrer Leidensgeschichte:

Mann, 31 Jahre: «Ich kratzte die Milbe mit einer Nadel aus meiner Hand»

«Meine Freundin und ich litten wochenlang an starkem Juckreiz, bis ich durch Online-Recherche herausfand, dass wir Krätze hatten. Auf schnelle Linderung hoffend, ging ich mit dieser Selbstdiagnose zu meiner Hausärztin. Dort traf mich der Schlag: Ich hätte nur zu trockene Haut, meinte sie, und schickte mich mit dem Rezept für eine Feuchtigkeitscreme wieder nach Hause.

Ich war unglaublich wütend und kratzte in meiner Verzweiflung mit einer Sicherheitsnadel eine Milbe direkt aus ihrem Fressgang aus meiner Hand. Mit einem alten Schulmikroskop konnte ich die Milbe beobachten. Sie bewegte sich noch – vor lauter Ekel kriegte ich Gänsehaut. Da ich lange auf einen Termin beim Hautarzt warten musste, besorgte ich mir im Ausland eine Krätze-Salbe, die in der Schweiz verschreibungspflichtig ist. Über mehrere Tage trugen wir dann die weisse flüssige Creme auf unsere Körper auf. Gleichzeitig stellten wir sämtliche Textilien in meiner Wohnung inklusive der Vorhänge und Teppiche in Müllsäcken auf den Balkon, glücklicherweise war es bereits sehr kalt draussen, sodass die Viecher abstarben. Die Bettwäsche hatten wir täglich gewaschen.

Mit dieser Behandlung bin ich die Biester auf Anhieb losgeworden. Der Juckreiz ist heftig, am schlimmsten war jedoch die Zeit der Ungewissheit, bis die Diagnose feststand.»

Bettina Schlagenhauff: «Die Häufigkeit von Skabies wird unterschätzt. Gemäss einer deutschen Studie sind die Skabies-Fälle von 2009 bis 2018 um das Neunfache gestiegen. In der Schweiz können wir uns eine ähnliche Zunahme vorstellen. Verdächtig sind der starke Juckreiz und die Hautveränderungen mit kleinen geröteten Knötchen an typischen Stellen wie Handgelenken, Fingerzwischenräumen, Leisten und im Schambereich. Die Erkrankung kann den ganzen Körper betreffen, meist jedoch ohne das Gesicht. Oft leiden Familienangehörige oder Freundinnen und Freunde, zu denen enger Körperkontakt besteht, unter denselben Symptomen. Allerdings sollte man nicht mit einer Stecknadel oder ähnlichem an sich selbst operieren. Milben sind sehr klein und können nur unter einem stark vergrössernden Mikroskop richtig erkannt werden.

Frau, 37: «Die Ärzte kamen in voller Schutzmontur»

«Es begann im Sommer 2019 in meinen Ferien in Griechenland. Der Ausschlag war so schlimm, dass ich dort zum Arzt musste. Er meinte, ich hätte eine Gürtelrose und verschrieb mir Medikamente, die wirkungslos waren. Als ich zurück aus den Ferien kam, war der ganze Körper betroffen. Ich ging direkt zum Arzt. Der schaute sich meine Haut mit einer Lupe an und verliess das Zimmer, um sich einen Kollegen für eine Zweitmeinung zu holen. Zurück kamen sie in voller Schutzmontur – ich ahnte Schlimmes! Sie waren sich sicher, dass es Krätze war, ich bekam Medikamente und behandelte von da an meine ganze Familie mit der Salbe, wusch zwei Wochen lang alles und reinigte die ganze Wohnung täglich. Dann war der Spuk zum Glück vorbei. Ich möchte so etwas nie wieder erleben.»

Bettina Schlagenhauff: «Bei Diagnosestellung muss richtig behandelt werden, in erster Linie mit Permethrin-Creme. Dabei muss auf die korrekte Anwendung, Isolierung der Kleidung, Bettwäsche, Handtücher und Plüschtiere und auch die zeitgleiche Behandlung von Kontaktpersonen geachtet werden. Wenn Letzteres nicht gemacht wird, gibt es Ping-Pong-Infektionen. Zudem ist eine Wiederholung der Behandlung nach sieben bis zehn Tagen zu empfehlen. Man sollte nicht vergessen, eine Nachbehandlung mit juckreizstillenden Hautpflegeprodukten durchzuführen. Denn der Juckreiz kann trotz erfolgreicher Behandlung noch über Wochen weiterbestehen.»

Als sie an Krätze erkrankte, machte eine 31-jährige Frau die Fressgänge der Milben mithilfe von Tinte sichtbar und beobachtete sie unter dem Mikroskop.

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Frau (31): «Ich tötete die Milben einzeln und wurde zum Krätze-Profi»

«Mein Partner und ich litten 2019/2020 an Krätze. Während die vom Arzt verschriebene Behandlung bei ihm funktionierte, brachten aus irgendeinem Grund die Permethrin-Crème, die Entwurmungs-Tabletten und das tägliche Waschen aller Textilien bei mir nichts. In meiner Not spürte ich die Milben daraufhin alle einzeln auf, indem ich meinen Körper nach ihnen absuchte. Mithilfe von Tinte machte ich die Fressgänge an den verdächtigen Stellen sichtbar und konnte die Milben mit Stecknadeln aus der Haut fischen und töten. Damit sie möglichst wenig Eier legen konnten, suchte ich meinen Körper regelmässig nach neuen Milbengängen ab. Fündig wurde ich nur an den Händen, während die Abwehrreaktion des Immunsystems in Form von Juckreiz den ganzen Körper befiel. Ich wurde dadurch regelrecht zum Krätze-Profi. Nachdem die anfängliche Abscheu etwas abgeklungen war, begann ich, die zappelnden Viecher mit dem Kindermikroskop zu beobachten, zu filmen und mit ihnen zu experimentieren: Etwa sperrte ich sie in ein Glas ein oder tunkte sie in Permethrin-Crème und schaute, wie lange sie überlebten. Das Schlimmste war, dass mir die Ärztinnen und Ärzte anfangs nicht glaubten, dass die Behandlung nicht wirkte, und behaupteten, dass ich mir das Ganze einbilde und die Hygienemassnahmen nicht voll durchziehen würde. Nach einem rund fünfmonatigen Kampf wurde ich die Viecher mittels Stück-für-Stück-Ausrottung los.»

Bettina Schlagenhauff: «Mit Stecknadeln auf Milbenjagd zu gehen, ist nicht zu empfehlen. Niemals erreicht man damit alle Milben und Eier. Für eine Therapieresistenz gibt es verschiedene Gründe, wie etwa eine fehlerhafte Anwendung der Creme. Es ist nämlich gar nicht einfach, lückenlos die nötigen Körperregionen zu behandeln! Weiters kann es passieren, dass Betroffene die Begleitmassnahmen, also das Waschen und Isolieren der Kleider, nicht gründlich genug einhalten. Und: Es ist essentiell, die Kontaktpersonen korrekt mitzubehandeln – ansonsten droht ein Ping-Pong-Effekt. Seltener gibt es auch eine verminderte Empfindlichkeit von Skabiesmilben auf den Inhaltsstoff Permethrin. Wenn die Therapie mit Permethrin nicht wirkt, verschreiben wir ein gegen die Skabiesmilben wirkendes Mittel in Tablettenform oder alternative Substanzen in Cremeform, die jedoch weniger wirksam sind. Ganz wichtig sind aber in jedem Fall die drei genannten Punkte. Wenn diese nicht eingehalten werden, dann hat die Behandlung keinen Erfolg.»

Frau, 41 Jahre: «Für meine knapp zweijährige Tochter war das Jucken nur draussen an der Kälte ertragbar»

«Unzählbare Nächte habe ich im Winter 2019 mit meiner fast nackten, nicht mal zwei Jahre alten Tochter im Kinderwagen auf unserer Quartierstrasse verbracht. Nur so konnte sie das Jucken am ganzen Körper ertragen.

Trotz Krätzefall in der Kita taten Kinderärztin und Hautarzt die Pusteln auf dem Körper meiner Kleinen als Ekzem ab. Es folgten Besuche bei der Ärztin für Traditionelle Chinesische Medizin, beim nächsten Kinderarzt, wieder beim Hautarzt, Bäder in Toniken, Teebaumöl, Kisten voller verschiedener Salben – bis wir schliesslich in der Notaufnahme des Spitals landeten. Dort wurde eine kleine juckende Stelle an meinem Unterarm untersucht – und wir erhielten endlich die Diagnose Krätze. Völlig übermüdet und mit den Nerven am Ende flehte ich um stationäre Aufnahme. Doch wir wurden wieder nach Hause geschickt, wo wir uns fortan mit einer Ganzkörpersalbe behandelten. Ich packte alle Textilien in Säcke und stellte sie in den Keller. Wir schliefen auf dem Boden, zugedeckt mit täglich abgekochten Leintüchern, bis wir nach weiteren vier Monaten endlich keine Symptome mehr hatten und nach und nach Kleider, Plüschtiere und Textil-Spielzeuge wieder in die Wohnung hochnehmen konnten.

Es war eine schreckliche Zeit. Ich isolierte uns völlig, um die Milben niemandem anzuhängen. Und lange glaubte mir niemand. Und je länger das Schlafmanko anhielt, desto öfter hatte ich emotionale Aussetzer. Bitte, liebe Betroffene, besteht auf eine Diagnose, wenn ihr einen berechtigten Verdacht habt! Und bitte ihr Ärztinnen und Ärzte da draussen: Hört euren Patientinnen und Patienten zu und akzeptiert, dass ein Krätzebefall nicht immer wie aus dem medizinischen Bilderbuch aussieht.»

Bettina Schlagenhauff: «Bei Schlafproblemen aufgrund des Juckreizes kann ein Antiallergikum eingenommen werden – am besten eines, das auch etwas müde macht. Für Kinder gibt es Antihistaminika in Tropfenform.

Leider wird nicht immer sofort an eine Skabies gedacht, denn die Hautveränderungen sind häufig nicht ganz typisch. Es gibt andere, viel häufiger vorkommende Hauterkrankungen, die klinisch fast nicht von der Skabies zu unterscheiden sind. Da hilft nur eine genaue Befragung der Patientinnen und Patienten sowie eine sorgfältige Untersuchung der Haut durch den*die Arzt*in.»

Was ist Krätze?

Krätze, auch Skabies genannt, ist eine durch Parasiten verursachte Hautkrankheit. Sie wird von 0,3 bis 0,5 Millimeter grossen Krätzemilben ausgelöst, die sich in die oberste Schicht der Haut – vorzugsweise in warmen Körperregionen wie den Genitalien, zwischen Fingern und Zehen oder in der Achselgegend – einnisten. Der Körper reagiert mit starkem Juckreiz auf den Eindringling. Krätze ist keine Geschlechtskrankheit an sich, kann aber beim Geschlechtsverkehr übertragen werden. Ansteckungen geschehen durch längeren Hautkontakt zwischen Partnern, Partnerinnen oder Eltern und Kindern – kurze Berührungen, wie etwa eine Umarmung, reichen für eine Übertragung normalerweise nicht aus. Entgegen der landläufigen Meinung, nur unsaubere oder arme Menschen seien von der Hautkrankheit betroffen, kann Krätze jeden treffen.

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