«Mister Landesversorgung» über knappe Güter: «Mit einer solchen Virusinfektion hat niemand gerechnet»

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«Mister Landesversorgung» über knappe Güter«Mit einer solchen Virusinfektion hat niemand gerechnet»

In Krisenzeiten ist die Landesversorgung dafür zuständig, dass die Schweiz mit den wichtigsten Gütern versorgt ist. Deren langjähriger Chef erklärt, weshalb das bei Corona nicht optimal geklappt hat.

von
Daniel Graf
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Werner Meiers Mandat als Delegierter der wirtschaftlichen Landesversorgung wurde kürzlich bis 2023 verlängert.

Werner Meiers Mandat als Delegierter der wirtschaftlichen Landesversorgung wurde kürzlich bis 2023 verlängert.

BWL
Die wirtschaftliche Landesversorgung springt dann ein, wenn wichtige Güter aufgrund einer Krise oder extremen Mangellage knapp werden.

Die wirtschaftliche Landesversorgung springt dann ein, wenn wichtige Güter aufgrund einer Krise oder extremen Mangellage knapp werden.

20min
«Die Bilder aus Bergamo sind uns allen noch in Erinnerung», sagt Werner Meier.

«Die Bilder aus Bergamo sind uns allen noch in Erinnerung», sagt Werner Meier.

AFP

Darum gehts

  • Werner Meier ist Delegierter der wirtschaftlichen Landesversorgung der Schweiz.

  • Der Staat springt ein, sobald die Wirtschaft in einer Krise nicht mehr in der Lage ist, das Land mit wichtigen Gütern zu versorgen.

  • Mit einer Virusinfektion wie Corona habe niemand gerechnet, sagt Meier.

  • Ein Gespräch über fehlende Vorbereitung, Notvorräte und Lehren, die wir aus der Krise ziehen können.

Seit 2016 ist Werner Meier Delegierter für wirtschaftliche Landesversorgung, bereits seit 2003 war er in verschiedenen Funktionen für die Landesversorgung tätig. Deren Aufgabe ist es, sicherzustellen, dass die Schweiz auch in Krisenzeiten mit lebenswichtigen Gütern und Dienstleistungen versorgt ist. Meiers Mandat wurde erst kürzlich bis 2023 verlängert. Im Interview spricht er darüber, dass die Schweiz kaum Krisenerfahrung hat, über kommende Herausforderungen – und er erklärt, weshalb wir anfänglich zu wenig Masken hatten.

Wie viele Lebensmittel horten Sie zu Hause?

Ich und meine Frau haben sicher immer die empfohlenen Notvorräte an Lager. Da ich gern ab und zu auch Süssgetränke trinke, haben wir diese zusätzlich zum Wasser im Vorrat.

War die Schweiz auf eine Krise wie die Corona-Pandemie ausreichend vorbereitet?

Werner Meier: «Die Schweiz war auf eine Influenza-Pandemie gemäss Pandemieplan vorbereitet. Mit einer solchen Virusinfektion hat niemand gerechnet. Für die meisten westlichen Staaten war dies seit 100 Jahren die erste solche Erfahrung.»

Wann haben Sie als Chef der Landesversorgung erstmals gemerkt: In dieser Krise könnten Güter knapp werden?

Uns allen sind die Bilder aus Bergamo im Februar noch in Erinnerung. Damals wurde klar, dass wir es auch bei uns mit einem grösseren und langandauernden Ereignis zu tun haben.

Wie haben Sie reagiert?

Wir haben die Spitäler umgehend aufgefordert, ihre Vorräte zu überprüfen und wenn nötig anzupassen. Gleichzeitig gaben wir die 170'000 FFP2-Masken frei, welche aus den Pflichtlagern an die Kantone gingen. Bald darauf sind die internationalen Logistikketten zusammengebrochen. Der Bund begann dann über die Armeeapotheke Schutzmaterial für das Gesundheitswesen zentral zu beschaffen.

Trotzdem fehlte es im Frühling an Hygienemasken. Wie konnte es so weit kommen?

Der Bund verfügte am Anfang der Krise über rund 15 Millionen Hygienemasken und hat umgehend mit einer zusätzlichen Beschaffung begonnen. Im Pandemieplan wurden konkrete Vorgaben für die Materialreserven von Spitälern und Heimen gemacht. Die Umsetzung ist Sache der Kantone. Leider hat sich gezeigt, dass die Empfehlungen nicht voll umgesetzt wurden. Der Pandemieplan müsste hier in Zukunft wohl verbindlicher gemacht werden – womit der Bund aber in die Kompetenzen der Kantone eingreifen würde. Der Bevölkerung empfehlen wir im Notvorrat 50 Masken pro Person.

Viele Schweizer erleben gerade ihre erste globale Gesundheits-Krise überhaupt. Waren wir zu sorglos?

Die Schweiz war bisher sicher in einer besonderen Situation. Sie war kaum von Krisen betroffen und hatte dadurch keine Erfahrung im Umgang mit Krisen. Somit konnte die Vorbereitung auch nie in voller Realität getestet werden. Wichtig ist nun, Lehren für die Zukunft zu ziehen. Welche genau das sein werden, kann derzeit aber noch nicht gesagt werden.

Gab es neben den Masken weitere Güter, die knapp wurden?

Dadurch, dass für die Covid-Therapie laufend neue Medikamente gesucht wurden, kam es auch an dieser Front zu Engpässen, welche aber überbrückt werden konnten. Es konnten alle Patienten jederzeit korrekt versorgt werden.

An was mangelte es konkret?

Beim Schutzmaterial waren etwa bei Schutzanzügen und Überschürzen Engpässe zu verzeichnen, bei den Medikamenten hat die Behandlung der beatmeten Patienten den Bedarf an Sedativa und Muskelrelaxantien massiv ansteigen lassen.

Covid-19 wird möglicherweise nicht die letzte Pandemie bleiben. Wie können wir uns besser darauf vorbereiten?

Wir sind noch mitten in der Pandemie, da ist es zu früh, hierzu eine definitive Aussage zu machen. Es wird im Rahmen der Pandemieplanung zu überprüfen sein, wo in den vorbereiteten Massnahmen Anpassungen gemacht werden müssen.

Pandemien sind nicht die einzige Gefahr. Worauf bereiten Sie sich sonst noch vor?

Wir erstellen gemäss unserem Zyklus dieses Jahr wieder eine grundsätzliche Gefährdungsanalyse. Dabei stützen wir uns auf die Einschätzungen von unseren Experten, Risikoanalysen seitens der Wirtschaft wie auch des Bundes. Dazu werden sämtliche Wirtschaftssektoren gemäss unserer Organisation einbezogen. Im Vordergrund stehen Unterbrüche der Logistikketten, wie wir sie in den vergangenen Jahren mehrmals erlebt haben. Aber auch ein Ausfall der Stromversorgung oder Telekommunikationssysteme sind mögliche Szenarien, auf die wir vorbereitet sein müssen.

So funktioniert die Landesversorgung

Die Versorgung mit Gütern ist in der Schweiz in erster Linie Aufgabe der Wirtschaft. Erst in einer Krise, wenn die Wirtschaft die Versorgung nicht mehr sicherstellen kann, greift der Staat ein. Das war etwa 2018 der Fall, als der trockene Sommer zu einem sehr tiefen Wasserstand des Rheins führte und die Schiffe nicht mehr voll beladen werden konnten. Um die Versorgung sicherzustellen, wurde der Markt zusätzlich mit Diesel, Benzin, Flugpetrol und Stickstoffdünger aus den Pflichtlagern versorgt. Pflichtlagerfreigaben für Futtermittel und Speiseöle waren geplant, mussten dann aber nicht beansprucht werden. Die Pflichtlager sind ein wichtiger Teil der wirtschaftlichen Landesversorgung: In verschiedenen Lagern sind ständig Grundnahrungsmittel für mehrere Monate gelagert, dazu kommen etwa Benzin oder Treibstoffe für den Luftverkehr oder auch Medikamente. Auch diese Lager werden von privaten Firmen im Auftrag des Staats betrieben.

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