Annäherung zwischen Erzfeinden: «Mit eritreischer Diktatur ist kein Frieden möglich»
Publiziert

Annäherung zwischen Erzfeinden«Mit eritreischer Diktatur ist kein Frieden möglich»

Der Krieg zwischen Eritrea und Äthiopien ist beendet. Schweizer Politiker wollen deshalb ein Migrationsabkommen. Der Eritreer Negasi Sereke hat Zweifel.

von
P. Michel
1 / 6
Negasi Sereke (41) kam vor zehn Jahren in die Schweiz. Dem Frieden, den Eritrea und Äthiopien Anfang Juli geschlossen haben, traut er nicht: «Es ist nicht einmal im Detail bekannt, was im Friedensabkommen steht und ob Eritrea wie Äthiopien auch bereit ist, den bisher umstrittenen Grenzverlauf von 2002 zu akzeptieren.»

Negasi Sereke (41) kam vor zehn Jahren in die Schweiz. Dem Frieden, den Eritrea und Äthiopien Anfang Juli geschlossen haben, traut er nicht: «Es ist nicht einmal im Detail bekannt, was im Friedensabkommen steht und ob Eritrea wie Äthiopien auch bereit ist, den bisher umstrittenen Grenzverlauf von 2002 zu akzeptieren.»

Facebook
Das eritreische Regime habe seine Bevölkerung immer nur angelogen, sagt Sereke. Er sei überzeugt, dass dies leider auch bei diesem Friedensabkommen der Fall sein werde.

Das eritreische Regime habe seine Bevölkerung immer nur angelogen, sagt Sereke. Er sei überzeugt, dass dies leider auch bei diesem Friedensabkommen der Fall sein werde.

epa/Stringer
Doch welches Interesse hat Äthiopien, den jahrzentelangen Konflikt jetzt aufzulösen? Sereke vermutet wirtschaftliche Interessen: «Äthiopien möchte durch Eritrea Zugang zum Roten Meer erhalten. Zudem ist in Äthiopien ein neuer Premier an der Macht, der nicht mehr nur die Interessen der bisherigen politischen und wirtschaftlichen Elite vertritt und Konflikte beenden will.»

Doch welches Interesse hat Äthiopien, den jahrzentelangen Konflikt jetzt aufzulösen? Sereke vermutet wirtschaftliche Interessen: «Äthiopien möchte durch Eritrea Zugang zum Roten Meer erhalten. Zudem ist in Äthiopien ein neuer Premier an der Macht, der nicht mehr nur die Interessen der bisherigen politischen und wirtschaftlichen Elite vertritt und Konflikte beenden will.»

epa/Daniel Getachew

Nach 20 Jahren Krieg haben Eritrea und Äthiopien Anfang Juli ein Friedensabkommen geschlossen. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie davon erfahren haben?

Ich konnte mich nicht freuen. Denn im Gegensatz zum äthiopischen Premierminister Abiy Ahmed, der bereits eritreische Gefangene freigelassen und die Annäherung eingeleitet hat, hören wir von der Seite des eritreischen Diktators Isayas Afewerki nichts. Es ist nicht einmal im Detail bekannt, was im Friedensabkommen steht und ob Eritrea wie Äthiopien auch bereit ist, den bisher umstrittenen Grenzverlauf von 2002 zu akzeptieren. Das eritreische Regime hat seine Bevölkerung immer nur angelogen. Ich bin überzeugt, dass dies leider auch bei diesem Friedensabkommen der Fall sein wird.

Sie gelten als Influencer der eritreischen Diaspora in der Schweiz, auf Facebook haben Sie über 4000 Freunde. Welche Reaktionen hat der Friedensschluss in ihrem Netzwerk ausgelöst?

Es gibt natürlich auch in der Schweiz Anhänger des Regimes, die Frieden mit Äthiopien ablehnen. Die meisten aber wünschen sich Frieden, wissen aber auch: Warum soll der Diktator jetzt plötzlich einlenken? Warum würde er, der sein Regime und den Militärapparat mit dem Krieg gegen den verhassten Nachbarn begründet, den Frieden suchen? Die Mehrheit der Eritreer in der Schweiz weiss: Mit der Diktatur ist kein Frieden möglich.

Warum möchte Äthiopien Frieden mit einem Diktator?

Ich denke, es geht um wirtschaftliche Interessen. Äthiopien möchte durch Eritrea Zugang zum Roten Meer erhalten. Zudem ist in Äthiopien ein neuer Premier an der Macht, der nicht mehr nur die Interessen der bisherigen politisch und wirtschaftlichen Elite vertritt und Konflikte beenden will.

Bürgerliche Politiker fordern nun aufgrund des Friedensabkommens, dass die Schweiz ein Rückübernahmeabkommen aushandelt. Damit sollen Eritreer in der Schweiz zurückgeschickt werden, da keine Diktatur mehr herrsche. Was halten Sie davon?

Natürlich nutzen Politiker sofort die Möglichkeit, Ereignisse nach ihren Interessen auszuschlachten. Das ist ein Spiel. Ein Migrationsabkommen mit Eritrea zu fordern, ohne ein glaubwürdiges Bekenntnis des eritreischen Regimes zum Frieden zu haben, ist unprofessionell. Die Zustände in Eritrea sind weiterhin gravierend: Es gibt kein Parlament, keine freie Presse, und die Menschen werden zu einem willkürlichen Nationaldienst verpflichtet. Würden Eritreer aus der Schweiz zurückgeschickt, würde sie das Regime verfolgen. Denn es weiss: Jene Eritreer, die in der Schweiz Demokratie und Freiheit gesehen haben, werden nicht still sein.

Den eritreischen Nationaldienst, den viele Asylbewerber als Fluchtgrund angeben, befand das Bundesverwaltungsgericht Mitte Juli als keinen ausreichenden Grund, zwangsweise Rückschaffungen abzulehnen. Für eine Unzumutbarkeit der Rückschaffung brauche es ein hohes Risiko, dass das Zwangsarbeitsverbot erheblich verletzt werde. Sie waren selbst Polizist im Nationaldienst. Was halten Sie vom Urteil?

Für diese Einschätzung habe ich kein Verständnis. Ich bezweifle, dass ein Schweizer Gericht Zugang zu objektiven Berichten über die Situation in Eritrea hat, die nicht aus Regimequellen stammen. Ich war acht Jahre im Nationaldienst tätig, zuerst in der Polizei, dann als Gefängniswärter und im Geheimdienst. In dieser Zeit hatte ich zwei Wochen Ferien, um meine Familie zu sehen. Sie lassen dich nicht einmal nach Hause, wenn deine Mutter stirbt. Auch Lohn gibt es keinen. Was soll das anderes sein als Zwangsarbeit oder gar Sklaverei?

Es gebe keine Beweise für flächendeckende, unmenschliche Behandlung im Nationaldienst, findet das Bundesverwaltungsgericht.

Ich habe die Absurdität des Regimes selbst erlebt: Wir haben die Villa des Polizeichefs gebaut, wir haben nach Ablauf der offiziellen Dauer des Nationaldienstes von 1,5 Jahren ein Zertifikat erhalten, konnten aber nicht nach Hause, und einige meiner Polizeikollegen sind seit mittlerweile 20 Jahren in einem Dienst, aus dem sie nicht entkommen können. Der Grund, dass ein Schweizer Gericht diese Zustände nicht sieht: Sein Urteil basiert auf einer Fassade, die das Regime dem Ausland vorspielt.

Was meinen Sie konkret?

Einmal besuchten UN-Beobachter ein Gefängnis, das ich beaufsichtigte. Ich war überrascht: Plötzlich hatten alle Insassen ausreichend zu essen und man lobte die Zustände. Ein andermal war ich dabei, als Beobachter die Hauptstadt Asmara besuchten. Im Vorfeld hatte man 200 Nationaldienstler dazu abdelegiert, in Cafés zu sitzen und fröhliche Stimmung zu verbreiten.

Seit 2006 der eritreische Nationaldienst von der Schweiz als Asylgrund anerkannt wurde, ist die Zahl der Flüchtlinge stark angestiegen, seit 2011 ist Eritrea das wichtigste Herkunftsland. Nun sind die Zahlen rückläufig. Was sind die Gründe?

Die Diaspora in der Schweiz ist gut vernetzt. Es hat sich herumgesprochen, dass die Schweiz einen härteren Kurs gegenüber eritreischen Flüchtlingen verfolgt. Der Exodus aus dem Land geht trotzdem weiter: Täglich überqueren bis zu 4000 Eritreer die Grenze zum Sudan. Sie versuchen jetzt vermehrt nach Deutschland zu kommen, ertrinken im Mittelmeer oder bleiben in Libyen stecken.

Zur Person

Negasi Sereke (41) wurde im Alter von 18 Jahren in den eritreischen Nationaldienst eingezogen. Dieser dauert offiziell 1,5 Jahre. Für Sereke wurden daraus acht Jahre. Vor zehn Jahren, 2008, kam er in die Schweiz und engagiert sich seither gegen das eritreische Regime. Er organisiert Demonstrationen und versucht auf Facebook, Eritreer im Exil sowie vor Ort über die Missstände, die er gesehen hat, aufzuklären. Sereke war zudem Zeuge der Commission of Inquiry on Human Rights in Eritrea der UNO, die Menschenrechtsverletzungen 2016 in Eritrea dokumentiert hat.

Deine Meinung