Zürcher Kesb-Präsident: «Mit etwas Distanz fällt man bessere Entscheide»

Aktualisiert

Zürcher Kesb-Präsident«Mit etwas Distanz fällt man bessere Entscheide»

Nach dem Familiendrama von Flaach stehen die Kindesschutzbehörden Kesb unter heftiger Kritik. Der Zürcher Kantonal-Präsident nimmt zu den Vorwürfen Stellung.

von
Marco Lüssi
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Nicolas (5) und Alessia (2) wurden am 1. Januar 2015 tot im Haus ihrer Eltern in Flaach ZH gefunden.

Nicolas (5) und Alessia (2) wurden am 1. Januar 2015 tot im Haus ihrer Eltern in Flaach ZH gefunden.

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Ihre Mutter Natalie K. (27) wurde unter dringendem Tatverdacht festgenommen. Sie hatte sich selbst Verletzungen zugefügt.

Ihre Mutter Natalie K. (27) wurde unter dringendem Tatverdacht festgenommen. Sie hatte sich selbst Verletzungen zugefügt.

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Mike K. ist der Vater der Kinder. Er und seine Frau Natalie waren Anfang November festgenommen worden - wegen des Verdachts auf Betrug. Zugleich wurden die Kinder des Paars in ein Heim in der Stadt Zürich eingewiesen.

Mike K. ist der Vater der Kinder. Er und seine Frau Natalie waren Anfang November festgenommen worden - wegen des Verdachts auf Betrug. Zugleich wurden die Kinder des Paars in ein Heim in der Stadt Zürich eingewiesen.

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Herr Winet, der Grossvater von Alessia und Nicolas erhebt in der Sonntagspresse schwere Vorwürfe gegen die Kesb. Er kritisiert, dass die Behörden die Kinder ins Heim steckten, obwohl er sie bei sich aufgenommen hätte.

Ruedi Winet: Zum konkreten Fall kann ich mich nicht äussern, da ich lediglich Präsident des kantonalen Kesb-Verbands bin und in dieser Funktion keinen umfassenden Einblick in die Akten habe. Generell gibt es in solchen Situationen durchaus gute Gründe, Kinder auch dann nicht bei Verwandten zu platzieren, wenn diese dazu bereit wären. So etwa, wenn eine umfassende psychologische Betreuung der Kinder gewährleistet werden muss.

Natalie K. wurde in Aussicht gestellt, dass die Kinder ab dem 19. Dezember wieder bei ihr leben dürften – dann aber machte die Kesb offenbar eine Kehrtwende, welche die Mutter schwer getroffen hat.

Ob und von wem die Rückkehr der Kinder zur Mutter in Aussicht gestellt wurde, kann ich nicht beurteilen. Schlussendlich muss die dreiköpfige Gesamtbehörde den Entscheid fällen und nicht eine einzige Person. Zudem gibt die Behörde ein Kind erst wieder in die Obhut der Eltern, wenn von einer ausreichend stabilen Situation in der Familie ausgegangen werden kann.

Was heisst das genau?

Wird ein Kind definitiv entlassen, ist der Heimplatz weg. Dies haben die Zuständigen natürlich immer im Hinterkopf. Denn sollte es bei der Rückkehr zur Familie doch nicht funktionieren und eine erneute Heimplatzierung nötig sein, kann sich die Situation für das Kind deutlich verschlechtern: Es muss sich in eine neue Institution eingewöhnen, die möglicherweise weiter entfernt vom Wohnort der Eltern ist als das vorherige Heim. Ein solches Hin und Her wollen die Behörden zum Wohl des Kindes vermeiden. Sie müssen deshalb sicherstellen, dass die familiären Verhältnisse stabil sind. Dies war im besagten Fall möglicherweise nicht gegeben.

Weshalb?

Gemäss der Stellungnahme der zuständigen Kesb sind mehrere Gefährdungsmeldungen bei der Behörde eingegangen. Es ist daher naheliegend, dass die Kesb genaue Abklärungen treffen und nicht überstürzt definitiv entscheiden wollte.

Sie erwähnten gegenüber der «SonntagsZeitung», dass ein «grauenvolles Missverständnis» vorgelegen hätte, weil die Mutter Natalie K. offenbar einen Satz im Kesb-Entscheid falsch interpretierte und daher glaubte, die Kinder müssten bis Ende Oktober 2016 im Heim bleiben. Liegt es nicht in der Verantwortung der Kesb, solche Missverständnisse zu verhindern?

Dafür kann man der betreffenden Kesb aus meiner Sicht keinen Vorwurf machen. Zu erklären, was ein Entscheid der Kesb im Detail bedeutet, ist Aufgabe des Rechtsvertreters der betroffenen Eltern. Und Frau K. hatte ja eine Anwältin. Die Kesb kann eigene Entscheide natürlich nicht mit der erforderlichen Objektivität erklären, und wenn sie es täte, würde dies von den involvierten Rechtsanwälten wohl nicht geschätzt. Aber natürlich sind die Kesb bereit, Fragen von Eltern zu beantworten, und sorgen für Unterstützung, wenn sie erkennen, dass Eltern Mühe haben, einen wichtigen Entscheid richtig zu verstehen. Da Frau K. anwaltlich vertreten war, war dies in diesem Fall wohl kein Thema.

Kritiker der Kesb fühlen sich durch das Drama von Flaach bestätigt. Was sagen Sie zu den Vorwürfen, die nun auf die Behörden einprasseln?

Die vorliegende Situation ist äusserst tragisch für alle Beteiligten. Doch es ist klar, dass wir auch im Rahmen unseres Kantonalverbands nun genau hinschauen und abklären, ob und wo Verbesserungen möglich sind, damit sich eine solche Tragödie möglichst nicht wiederholt.

Es heisst, die Kesb sei im Gegensatz zu den früheren Vormundschaftsbehörden der Gemeinden weit entfernt von der Lebensrealität. Was sagen Sie dazu?

Eine Fachbehörde kann mit etwas Distanz bessere Entscheide fällen. Sie soll einen klareren Blick auf das Wesentliche haben – das Kindswohl. Wer zu nahe dran ist, läuft eher Gefahr, sich von Antipathien oder Sympathien für die Betroffenen leiten zu lassen – oder von finanziellen Überlegungen.

Ist also das neue System besser?

Die Kesb bestehen erst seit zwei Jahren – noch ist nicht alles eingespielt und natürlich läuft nicht alles rund. Wir haben viel Arbeit vor uns, doch die Richtung stimmt.

Ruedi Winet ist Präsident der Vereinigung der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) im Kanton Zürich.

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