Mit Fake-Livestreams aus der Ukraine profitieren Tiktoker von Spenden 
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Baustelle gefilmtMit Fake-Livestreams aus der Ukraine profitieren Tiktoker von Spenden 

Ein skurriler Tiktok-Trend rund um den Russland-Ukraine-Krieg zeigt, wie Streamerinnen und Streamer von der menschlichen Tragödie profitieren können. Eine Userin deckt auf. 

von
Lorena Wahrenberger
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Auf Tiktok kann man über Livestreams Spenden in Form von virtueller Tiktok-Währung entgegennehmen. Diese kann man dann in echtes Geld umtauschen. 

Auf Tiktok kann man über Livestreams Spenden in Form von virtueller Tiktok-Währung entgegennehmen. Diese kann man dann in echtes Geld umtauschen. 

imago images/Lobeca
Usern und Userinnen wird geraten, vorsichtig mit den Inhalten, die sie über die Plattform konsumieren, umzugehen. Besonders wenn es um Spenden geht!

Usern und Userinnen wird geraten, vorsichtig mit den Inhalten, die sie über die Plattform konsumieren, umzugehen. Besonders wenn es um Spenden geht!

20min/Simon Glauser
Die Livestreams «vor Ort» lösen beim Publikum grosse Emotionen aus. Sirenen und Schüsse sind meist im Hintergrund zu hören. Viele User und Userinnen spenden in Form der Tiktok-Währung, hier beispielsweise mit Rosen. Doch ein User warnt die Community: «Glaubt ihm nicht, er hat einen falschen Ton hinzugefügt!» Der Streamer sammle die Spenden.  

Die Livestreams «vor Ort» lösen beim Publikum grosse Emotionen aus. Sirenen und Schüsse sind meist im Hintergrund zu hören. Viele User und Userinnen spenden in Form der Tiktok-Währung, hier beispielsweise mit Rosen. Doch ein User warnt die Community: «Glaubt ihm nicht, er hat einen falschen Ton hinzugefügt!» Der Streamer sammle die Spenden.  

Tiktok

Darum gehts

Auf den sozialen Netzwerken – insbesondere auf Tiktok – wird die Situation in der Ukraine rund um Russlands Angriffe derzeit stark thematisiert. Viele Userinnen und User vor Ort berichten live vom ausserordentlichen Stau auf den Autobahnen, vloggen beim Vorrätebesorgen und filmen Luftangriffe in ihrer Nachbarschaft. Unter den Tiktok-Videos befinden sich jedoch auch einige Schwindel-Aktionen. Einige Userinnen und User täuschen mittels Fake-Livestream vor, in der Ukraine festzustecken, um an Spenden zu gelangen. 

Eine Tiktok-Userin namens «Deinelieblingsbeyza» deckte einen dieser Fake-Streams auf. Sie drehte ein eigenes Tiktok, in dem sie das Fake-Video, das mit Sirenen hinterlegt wurde, einbindet. Darauf ist eine heruntergekommene Hausecke zu sehen. Sie erzählt, dass der Streamer erzählte, in der Ukraine festzustecken. Stattdessen habe er sich jedoch in Deutschland aufgehalten. «Dieser User hat lediglich eine Baustelle in seiner Nachbarschaft gefilmt und die ernsthafte Lage in der Ukraine schamlos ausgenutzt», sagt sie. Zwischenzeitlich hätten 26’000 Menschen den Livestream mitverfolgt. Doch wieso würde ein User so etwas tun?

Livestreams geben einem die Möglichkeit, Spenden in Form von virtuellen Geschenken, beispielsweise einer Rose, entgegenzunehmen. Userinnen und User können die Tiktok-Währung in Form von sogenannten Münzen innerhalb der App kaufen und danach verschenken. Diese Münzen können gesammelt und - sobald die Tiktok-Währung umgerechnet einen Wert von 100 USD erreicht - via PayPal ausgezahlt werden. Somit lässt sich mit Livestreams echtes Geld verdienen.

«Ekelhaft, bin sprachlos»

«Es haben so viele Leute wahrscheinlich aus Mitleid gespendet», sagt die Tiktokerin. Schockiert über die Aktion geben sich auch viele in der Kommentarspalte. «Ekelhaft, bin sprachlos», schreibt etwa eine Userin. Andere berichten davon, viele solcher Livestreams gesehen zu haben: «Das ist leider nicht der einzige, meine ganze For-You-Page ist voll mit solchen Fakes», schreibt ein User. In den Kommentaren kommen weitere Details ans Licht. Jemand deckt beispielsweise auf: «Das ist eine Baustelle in Essen, Deutschland».

Jing Zeng, Social-Media-Forscherin an der Universität Zürich, beschreibt das Phänomen, dass Menschen Krisenereignisse auf sozialen Netzwerken ausnutzen und sogar davon profitieren, als nichts Neues. Auch Soziologin Katja Rost erklärt: «Kleinkriminalität beobachtet man immer, wenn Gelegenheitsstrukturen da sind».

Die Empathie und Hilflosigkeit des Publikums wird ausgenutzt

Speziell auf Tiktok bezogen sagt Zeng: «Das Besondere an den kurzformatigen Videos ist, dass sie dem Ersteller die Möglichkeit geben, eine sehr persönliche Geschichte auf intime Weise zu erzählen, sodass man leichter Vertrauen und Empathie gewinnen kann». Gerade in Krisensituationen wie dieser wollen Menschen helfen und würden sich hilflos fühlen. «Betrügerische Tiktok-Videos wie diese, scheinen diesen Raum zu füllen, und nutzen so die Gefühle der Menschen aus.»

Dennoch sei es wichtig, Augenzeugenberichte von «Bürgerjournalisten» in der Ukraine aus erster Hand zu haben. Dass Tiktok eine wichtige Rolle in der Verbreitung solcher Inhalte spielt, überrascht Zeng nicht. Doch genauso wenig ist sie von den vielen gefälschten Videos überrascht, auf die sie auch selbst gestossen sei. Bei den falschen Inhalten handle es sich häufig auch um alte Aufnahmen, die vor Jahren entstanden seien und auch aus anderen Regionen stammen können.

Beide Expertinnen betonen, dass auf sozialen Plattformen Vorsicht geboten sei und die Gesellschaft viel eher mit ihren Spenden auf seriöse Organisationen zugehen sollte. Verfolgt werden solche kleinkriminellen Aktionen laut Rost nur selten. Auch Zeng beobachtet, dass vonseiten der Plattform viel zu wenig unternommen werde. Rost sagt abschliessend: «Zivilbürgerliches Engagement wie eine solche Entlarvung sind deshalb sicher gut.»

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