Gemüsetourismus: Mit High Heels ins Gewächshaus
Aktualisiert

GemüsetourismusMit High Heels ins Gewächshaus

Spargel stechen oder Beeren pflücken statt in Szenebars rumhängen: Die Städter zieht es aufs Land. Die Angebote boomen.

von
Jeremias Büchel
Die Städter sehnen sich nach Natur - die Touren müssen aber High-Heel-tauglich sein.

Die Städter sehnen sich nach Natur - die Touren müssen aber High-Heel-tauglich sein.

Schlafen im Stroh, 1.-August-Brunch auf dem Bauernhof oder Weine direkt beim Winzer degustieren: Der Agrotourismus in der Schweiz wächst, wie der Landwirtschaftliche Informationsdienst LID mitteilt.

Der neuste Trend ist der so genannte Gemüsetourismus. So bietet etwa die Tourismusregion Murtensee seit dieser Saison Gewächshaustouren an. Diese sind vor allem bei Städtern beliebt. «Die Leute wollen spüren und sehen, wie ihr Essen produziert wird», sagt Stephane Moret, Direktor von Murten Tourismus. Gesundes Essen aus der näheren Umgebung komme in den urbanen Gegenden schliesslich je länger je mehr auf dem Teller.

Touren durch Gewächshäuser seien bei urbanen Firmen und Vereinen beliebt. Insbesondere auch für Kaderausflüge, zum Beispiel bei Bankangestellten, so Moret. Wichtig sei, dass die Angebote speziell auf die Bedürfnisse der Städter zugeschnitten sind. So werde regelmässig danach gefragt, ob die Touren auch mit High Heels und Halbschuhen zu bewerkstelltigen sind.

Kaum mehr Bauern in der Verwandtschaft

Auch die Jucker-Farmen in Rapperswil-Jona SG, Rafz und Seegräben spüren den Boom im Agrotourismus. Seit Jahren wird das Angebot ständig erweitert. Seit einer Woche kann man zum ersten Mal Heidelbeeren selber pflücken. Auch Spargel stechen oder Kürbis schnitzen sind beliebte Aktivitäten für Städter auf den Jucker-Farmen.

Martin Jucker sieht den Naherholungstourismus auf seinen Farmen als Gegentrend zur Digitalisierung. Der Mensch habe trotz Smartphone und Computer nach wie vor die Sehnsucht nach der Natur und brauche diese als Ausgleich. «Auf unseren Höfen kann sich der Städter wieder erden.» Zudem sei für viele der Bezug zur Landwirtschaft wichtig, zum Beispiel selber Früchte ernten. «Früher hatte noch jeder einen Bauern in der Verwandtschaft und diesen auch mal beim Ernten unterstützt. Das ist heute nicht mehr der Fall», sagt Jucker. Deshalb seien die Erlebnisbauernhöfe bei den Städter so beliebt.

Staunen: So schmeckt eine Tomate wirklich

Selber ernten und degustieren können die Gemüsetouristen auch auf der Tour bei Gutknecht Gemüse in Ried bei Kerzers FR in der Region Grosses Moos, die auch «Gemüsegarten der Schweiz» genannt wird. «Die Leute staunen, dass man diverse Tomatensorten oder Snackgurken direkt ab Strauch essen kann, ohne diese vorher zu waschen oder mit Chemie zu behandeln», schmunzelt Gemüseproduzent Pascal Gutknecht, der selber die Touren führt.

Laut dem Inhaber von Gutknecht Gemüse geht das Staunen noch weiter, wenn die Besucher in die Tomaten beissen. Viele wundern sich ob der Geschmacksintensität. «Eine Tomate direkt ab Strauch schmeckt halt viel intensiver als eine, die gekühlt, gelagert und transportiert wurde.» Zudem hätten viele Städter keine Vorstellung, welche Gemüse oder Früchte am Boden wachsen und welche an Sträuchern oder Bäumen. «Die Besucher haben meistens mehrere Aha-Erlebnisse.»

Anhaltender Trend

Bereits sind neue Gemüsetourismusangebote in Planung. In der Region um den Murtensee werde die Spargelproduktion wieder hochgefahren, sagt Tourismusdirektor Moret. Da sei es denkbar, dass bald ein Spargelerlebnis für Touristen angeboten werde. Dieses könnte mit Spargelstechen beginnen, einen Spargelkochkurs einschliessen und mit einem feinen Essen rund um den Spargel abschliessen.

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