Mafia-Patin Scalisi: «Mit ihr legt sich keiner an»
Aktualisiert

Mafia-Patin Scalisi«Mit ihr legt sich keiner an»

Bei einer grossen Anti-Mafia-Razzia sind 109 Personen festgenommen worden. Sie gehören dem sizilianischen Laudani-Clan an. An dessen Spitze steht eine Frau.

von
gux
Concetta «Concettina» Scalisi, heute 60 Jahre alt, bei einer Festnahme im April 1999.

Concetta «Concettina» Scalisi, heute 60 Jahre alt, bei einer Festnahme im April 1999.

Keystone/ANSA/Ragonese/Scardino

«Die Mafia-Frauen sind kein bisschen weniger grausam als ihre Männer», sagt Umberto Santino vom Mafia-Dokumentationszentrum Giuseppe Impastato aus Palermo. «Auch sie führen die Geschäfte mit Gewalt.» Das gilt auch für die drei Frauen, die am Mittwoch in einer gross angelegten Razzia auf Sizilien mit 106 weiteren Mitgliedern des einflussreichen Laudani-Clans der Cosa Nostra verhaftet wurden: Concetta «Concettina» Scalisi (60), Maria Scuderi (51) und Paola Torrisi (52). Die «drei Königinnen von Caltagirone» sollen die weitverzweigte kriminelle Organisation bereits seit Jahrzehnten befehligt haben.

Während Scuderi für die Finanzen und Torrisi für die Netzwerkpflege verantwortlich waren, thronte Scalisi unangefochten an der Spitze des Clans. «Sie ist der Boss, die Nummer eins des Clans», sagte Enzo Montemagno von der Anti-Mafia-Einheit in Catania bereits 1999 in einem Interview. «Sie ist der Kopf der Organisation und zieht alle Fäden. Mit ihr legt sich keiner an.»

Scherben in den eigenen Bauch gerammt

Wie unerbittlich Scalisi ist, zeigte sich bei einer Verhaftung im Jahr 1999. Nachdem ihr dreimal die Flucht gelungen war, überraschte die Polizei sie in der Wohnung einer Freundin. Statt sich ihrem Schicksal zu ergeben, zerschlug Scalisi eine Flasche und rammte sich die Scherben in Bauch und Arme, um statt ins Hochsicherheitsgefängnis ins Spital überführt zu werden. Bis 2010 stand sie unter Hausarrest – angeblich verbot eine chronische Krankheit einen Gefängnisaufenthalt. Findige Anwälte taten das Ihre, um Scalisi immer wieder aus dem Knast zu holen.

Die Chefin des Laudini-Clans war Ende der 1990er-Jahre zur Machthaberin aufgestiegen. 1982 war der von ihr über alles verehrte Vater, der Mafiaboss Antonio Scalisi, erschossen worden. Bruder Salvatore erging es 1987 nicht anders. So übernahm «Concettina» Scalisi die Geschäfte, band zwei ihrer Neffen in die Führungsspitze ein und spannte, nachdem die beiden 1997 verhaftet worden waren, mit der 'Ndrangheta, der Mafia in der süditalienischen Region Kalabrien, zusammen. Von da an herrschte die Frau unangefochten und im Schutz des 20'000-Einwohner-Dorfes Adrano. «In einer so kleinen Stadt, wo die Scalisi-Familie viel Unterstützung erfährt, ist es schwierig, jene zu überwachen, die sich im Dunstkreis von Concetta aufhalten, ohne dass man selbst bemerkt wird», sagte ein Polizeibeamter damals.

Zwei Raktenwerfer aus dem Jugoslawienkrieg

Das Geschäftsfeld von Concetta Scalisis Clan: Schutzgelderpressung, Entführungen, Drogen- und Waffengeschäfte und Morde. Die Familie galt als enorm brutal in ihrem Vorgehen. Unternehmer und Ladenbesitzer wurden entführt und so lange geschlagen, bis sie sich mit Abgaben einverstanden erklärten. Kaum jemand wagte, zur Polizei zu gehen.

Dem Clan werden bis zu 100 Morde angelastet, darunter die an einem Polizeiinspektor und einem Anwalt. Scalisi persönlich soll drei Auftragsmorde orchestriert haben, in denen bei zeitgleichen Anschlägen in Acireale und Adrano 1994 drei Konkurrenten aus dem Weg geräumt wurden. Dazu kamen mehrere Anschläge auf Polizeiposten. In den 1990er-Jahren konnte Schlimmeres verhindert werden, als die Polizei nach einem Tipp ein Waffenarsenal aushob und dabei zwei Raktenwerfer aus dem Jugoslawienkrieg fand.

Patinnen sind keine Seltenheit mehr

Concetta Scalisi ist bei weitem nicht die einzige Mafia-Patin. Erst im Dezember war in Palermo die 38-jährige Teresa Marino festgenommen worden. Die Ehefrau des inhaftierten Mafia-Bosses Tommaso Lo Presti führte die Aufträge durch, die ihr ihr Mann aus dem Gefängnis gab. «Die Frauen haben innerhalb der Mafia an Ansehen gewonnen», so Mafia-Experte Santino. Diese Entwicklung sei auch nicht «weiter erstaunlich, da die Mafia keine Dogmen kennt und sich seit jeher den Umständen

angepasst hat».

Deine Meinung