Aktualisiert 04.03.2011 13:00

Entführungsfall«Mit jeder Stunde steigen die Befürchtungen»

Trotz internationaler Grossfahndung bleiben die Zwillinge Alessia und Livia verschollen. Bei der Familie wächst die Angst vor dem Schlimmsten – auch beim Cousin der Mutter in Süditalien.

von
fum

«Wir erleben derzeit einen unglaublichen Albtraum», sagt Roberto Mestichelli, Cousin der Mutter der beiden entführten Zwillinge, «es braucht mittlerweile schon viel guten Willen, noch an ein einigermassen versöhnliches Ende der Geschichte zu glauben.» Die Hoffnung auf ein glückliches Auffinden von Alessia und Livia sei aber noch nicht verloren, versichert der Anwalt aus dem mittelitalienischen Städtchen Ascoli Piceno.

Die Banden der Familie Mestichelli sind stark: Trotz der geographischen Distanz – ein Teil der Grossfamilie wohnt in der Schweiz – versucht man, so regelmässig wie möglich in Kontakt zu bleiben. «Meine Cousine und ihre Zwillinge habe ich letztmals im Sommer anlässlich eines runden Geburtstags gesehen. Die beiden Sechsjährigen haben die ganze Zeit mit meiner Tochter gespielt», sagt Roberto Mestichelli am Telefon. Matthias S. – der Ehemann seiner Cousine, der sich am vergangenen Donnerstag das Leben nahm – sei damals nicht dabei gewesen. «Spätestens dann war mir klar, dass etwas nicht mehr stimmte in ihrer Ehe», so Mestichelli. Nie hätte er sich aber vorstellen können, dass der Ingenieur der Tabakfirma Philip Morris zu solch einer Entführung fähig gewesen wäre: «Er liebte seine beiden Mädchen über alles.»

Mit der Fähre nach Korsika?

Der Verbleib von Alessia und Livia bleibt weiterhin im Dunkeln: Unklar ist insbesondere, ob Matthias S. mit ihnen in Marseille eine Fähre bestieg, um nach Korsika oder eventuell gar Sardinien zu gelangen. «Mit Sicherheit können wir einzig sagen, dass Matthias S. im Zentrum von Marseille ein Ticket für drei Personen kaufte und dieses danach entwertet wurde», sagt Marc Reverchon, Generaldirektor des Fährunternehmens «La Méridionale» auf Anfrage von 20 Minuten Online. Man werde nun in den nächsten Stunden alle betroffenen Seeleute befragen und erhoffe sich dadurch wichtige Erkenntnisse: «Aber auch falls Matthias S. an Bord war, ist es durchaus möglich, dass die Mädchen bei der Ticketkontrolle unerkannt im Auto blieben», so Reverchon.

Die französische Polizei hofft in ihren Ermittlungen unter anderem auf die Bilder von Überwachungskameras. Diejenigen des Fährbetreibers werden allerdings nicht aufschlussreich sein: «Die Videobänder werden standardmässig nach 48 Stunden wieder überschrieben. Im vorliegenden Fall kam der Hinweis zu spät», sagt Reverchon. Bleibt zu hoffen, dass die Überwachungsbilder vom Hafen länger aufgezeichnet bleiben.

Offene Fragen im Fall

Leben die Mädchen noch? Gesicherte Hinweise gibt es weder dafür, dass Alessia und Livia am Leben sind noch dafür, dass die Zwillinge tot sind. Die Mutter ist überzeugt, dass Matthias S. seinen Kindern nichts angetan hat. Er habe sie über alles geliebt, sind sich alle Verwandten und Bekannten einig. Zudem spricht das Testament von Matthias S. dafür, dass die Mädchen noch leben. Gemäss dem Schriftstück hinterlässt er ihnen den grössten Teil seines Besitzes. Angepasst hat er es drei Tage bevor er mit den Mädchen durchbrannte. Trotz dieser Hoffnungsschimmer sinkt mit jeder Stunde, die die Mädchen länger verschollen bleiben, die Chance auf einen glücklichen Ausgang für Alessia und Livia.

wo sind die Mädchen? Die Polizei hat die Suche in der Schweiz intensiviert. Durchsucht wurden Boote und der See in der Nähe des Wohnortes sowie zahlreiche Liegenschaften in St-Sulpice. Alessia und Livia wurden dort zuletzt lebend gesehen und nicht – wie bisher von der Polizei kommuniziert – in Marseille beim Ticket-Kauf für die Fähre nach Korsika.

Was hat es mit der Fähre auf sich? Matthias S. hat drei Tickets für die Fähre von Toulon nach Propriano auf Korsika gekauft. Die Fahrkarten wurden am Hafen gescannt, ob der Vater die Fähre bestiegen hat, ist ebenso unklar wie ob die Mädchen dabei waren. Gesicherte Hinweise gibt dazu keine, teilte die Polizei explizit mit. Dagegen sprechen würde, dass der Vater unter anderem in Genau gesehen worden ist. Die Fahrt nach Korsika und mit der Fähre weiter nach Genua würde viel länger dauern als die Fahrt mit dem Auto dorthin. Es gab nach den bisherigen Erkenntnissen keinen Grund für Matthias S., diesen Umweg zu machen.

Wieso fuhr S. gerade Italien? Nach Informationen von «Le Matin dimanche» wollte sich S. offenbar im Geburtsort seiner Mutter das Leben nehmen. Die Annahme bleibt aber nicht zuletzt ein Gerücht, weil Matthias S. sich im Ort täuschte und sich im Nachbarort vor den Zug warf. Was Matthias S. zwischen dem Kauf der Fähren-Tickets und dem Pizzaessen machte, ist unbekannt. Die italienische Polizei konzentriert sich deshalb mit ihrer Suche auf das Gebiet bei Neapel und auf Cerignola – bisher ohne Erfolg. Es gibt weder Spuren auf Aufenthaltsorte von S. noch auf das Schicksal von Alessia und Livia.

wo ist das Geld? Im Raum steht die Idee, dass der Vater möglicherweise jemanden bezahlt hat, der auf die Kinder aufpasst. Allerdings hätte sich die Person angesichts des europaweiten Aufsehens inzwischen bei der Polizei melden müssen. (amc)

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