Experiment: Mit schlechtem Lebenslauf zum Job-Erfolg
Aktualisiert

ExperimentMit schlechtem Lebenslauf zum Job-Erfolg

Ein junger Amerikaner versendet Bewerbungen mit schlechten Referenzen an Firmen – und hat damit mehr Erfolg als mit klassischen Jobgesuchen.

von
M. Kempf
Eine Bewerbung voller Schwachpunkte stiess in den USA auf ein positives Echo. Wer Schwächen zeigt, hat aber nicht überall Erfolg.

Eine Bewerbung voller Schwachpunkte stiess in den USA auf ein positives Echo. Wer Schwächen zeigt, hat aber nicht überall Erfolg.

Hat man mit einem ehrlichen Bewerbungsschreiben eine Chance? Das wollte der Amerikaner Jeff Scardino herausfinden und testete dies im Rahmen eines Experiments, das er «The relevant résumé» taufte (Résumé dt. Lebenslauf). Scardino schrieb für sein Experiment zwei Fassungen seines Lebenslaufs und bewarb sich damit für dieselben Stellen, allerdings unter Verwendung unterschiedlicher Namen.

Im klassischen Lebenslauf stellte er sich selbst von der üblichen Sonnenseite dar. Gute Referenzen, jede Menge Berufserfahrung und als Person ein Gewinn für jedermann. In der zweiten Fassung ging er hart mit sich selbst ins Gericht. «Ich hätte eigentlich Design studieren sollen», schreibt er unter seine Ausbildung als Copywriter. Auch habe ihn die Liebe zu einem Mädchen sein gesamtes erstes Studienjahr gekostet.

Seine Schwächen streicht Scardino ganz bewusst heraus. Anstatt Skills (dt. Fähigkeiten) schreibt er Non-Skills und listet darunter auf, was er nicht kann. «Ich könnte pünktlicher sein» oder «Ich habe Mühe, mir Namen zu merken» sind nur zwei von fünf Punkten, die ihm Schwierigkeiten bereiten. Zu seiner Berufserfahrung fügt er an: «Im gesamten ersten Jahr bei meinem jetzigen Arbeitgeber habe ich nichts Nennbares produziert.»

Rückmeldung trotz Schwächen

Dann die Überraschung: Auf die klassische Bewerbung bekam Scardino nach vielen Versuchen nur eine Antwort und keine Einladung für ein Vorstellungsgespräch. Ganz anders bei seiner ehrlichen Bewerbung. Acht Unternehmen antworteten auf dieses Schreiben, von fünf erhielt er gar eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch.

Scardino ist von seinem Konzept überzeugt. In der Zeitschrift «Business Insider» sagt er: «Das ist ein kreativer Weg, um einen Fuss in die Türe zu bekommen.» Wenn man danach zum Vorstellungsgespräch eingeladen werde, habe man die Chance, die konkreten Fakten zu präsentieren.

«Nur in der Kreativ-Branche möglich»

Diese Taktik ist umstritten. «In einer Bewerbung sollten vor allem die harten Fakten stehen», ist Sabine Kohler überzeugt. Die Personal-Beraterin bei Dr. Bjørn Johansson Associates in Zürich sieht in der Geschäftswelt eher Nachteile, wenn jemand als Erstes seine Schwächen offenlegt. «In einem zweiten Schritt, also beim Vorstellungsgespräch, kann das Einräumen von Schwächen aber durchaus Sympathiepunkte generieren», sagt Kohler.

Es komme auch immer auf die Berufsgruppe an, die man mit einer solchen Bewerbung ansprechen möchte. «Für einen Job im Kreativbereich kann eine Bewerbung mit Non-Skills durchaus herausstechen und zum Erfolg führen.» Aber je höher die angestrebte Position sei, desto schwieriger werde es. «Wenn ich mich für eine Kaderstelle bewerbe, hat eine Bewerbung, die meine Schwächen unterstreicht, praktisch keine Chancen.»

Jeff Scardino bietet sein Bewerbungsschreiben zum Download an.

Haben Sie auch schon Bewerbungen geschrieben, die nicht der Norm entsprechen? Dann schreiben Sie Ihre Erfahrungen in die Kommentarspalte.

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