Diego in love: Mit viel Liebe ins Achtelfinale
Aktualisiert

Diego in loveMit viel Liebe ins Achtelfinale

Diego Maradona führte Argentinien mit dem Punktemaximum in die Achtelfinals. Sein Führungsstil fusst auf Liebe, Harmonie und Herzlichkeit.

von
Karin Leuthold

Über Maradona wurde schon viel Widersprüchliches geschrieben und noch mehr gesagt. Doch für einmal sind sich alle einig: Der argentinische Nationalcoach hat seine Höchstform erreicht. Klar in seinen Gedanken, bestimmt in seinen Entscheidungen, dezidiert in seinem Konzept. Und trotzdem: Bei aller Rigorosität pflegt Diego Maradona eine zusätzliche Eigenheit, die ihn von anderen Trainern zu unterscheiden scheint: die Liebe zu seinen Spielern.

Der Schmusekurs scheint Wunder zu wirken: Das Team gewinnt, die Spieler sind zufrieden, statt einzelnen Diven stehen 11 Freunde auf dem Platz. Carlos Tevez sagte vor dem Südkorea-Spiel, er stelle persönliche Ambitionen zurück, weil das Team nun im Vordergrund stehe. Ohne Bitterkeit und mit einem ehrlichen Blick erklärte er, dass er ja gerne Tore schiessen würde, aber sich zum Wohl der Mannschaft zurückhalte. Von solchen Aussagen kann ein Raymond Domenech nur träumen: Seine «Bleus» schieden in der Vorrunde aus, völlig zerstritten und gedemütigt.

Wie viel Liebe darf es denn sein?

Maradonas Zärtlichkeit gegenüber seinen Jungs ist auffallend. Vor wenigen Tagen stellte ein britischer Journalist während einer Pressekonferenz eine kühne Frage: «Herr Maradona, Sie sind sehr liebevoll zu Ihren Spielern, es gibt viele Umarmungen und Küsse. Glauben Sie, dass Sie mit Liebe eine WM gewinnen können? Sind Sie von Natur aus ein liebevoller Mensch?». Maradona reagierte sehr erstaunt und verneinte mit dem Kopf, ohne den Journalisten aus den Augen zu lassen: «Ich mag Frauen», wiederholte er mehrmals. «Ich habe eine Freundin, Veronica, sie ist 31. Fangen Sie ja nicht damit an, es ist nicht so, wie Sie meinen», meinte er fast drohend.

Etwas entspannter erklärte er daraufhin, dass die Liebe zu seinen Spielern eine Art Dankbarkeit «für die geleistete Arbeit» sei. Das Erfolgsrezept hat allerdings noch eine zweite Komponente: Vertrauen. Den besten Beweis lieferte gegen Ende des Griechenlandspiels Martin Palermo. Der Boca-Juniors-Spieler, der während zehn Jahren darauf wartete, in die Nationalmannschaft berufen zu werden, erhielt eine Chance, als Maradona zum Coach ernannt wurde. Die Zeit gab «dem Diego» Recht: Der 36-jährige Palermo schoss in der 89. Minute das 2:0.

Vor versammelten Medien lachte sich Maradona tags darauf ins Fäustchen. Er habe sich auf der Bank mit seinen Assistenten beraten, erzählte er. Hector Enrique und Alejandro Mancuso empfahlen, Gonzalo Higuain für die letzten Spielminuten einzusetzen. Doch Maradona, stur wie er ist, sagte: «Nein, bring mir Martin». Bevor Palermo aufs Spielfeld rannte, flüsterte Maradona seinem Spieler mit der Nummer 18 ins Ohr: «Geh hin und entscheide es.» Er war sich sicher: Palermo würde ein Tor schiessen. Und so wars. Der grau melierte Stürmer im Fussball-Rentneralter machte für Argentinen den Sieg klar. Und für den Trainer Maradona scheint, angesichts des glücklichen Händchen Gottes, auch an der Seitenlinie ein Platz auf dem Fussballolymp gesichert zu sein.

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