Immer um Anerkennung gekämpft - Mit Vladimir Petkovic verliert die Nati den erfolgreichsten Coach aller Zeiten
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Immer um Anerkennung gekämpftMit Vladimir Petkovic verliert die Nati den erfolgreichsten Coach aller Zeiten

Vladimir Petkovic verlässt die Schweizer Nationalmannschaft und wechselt zu Bordeaux. Die positiven und negativen Highlights aus sieben Jahren Nati-Trainer Petkovic.

von
Florian Osterwalder
Nils Hänggi

Vladimir Petkovic verlässt die Schweizer Nationalmannschaft.

Darum gehts

  • Vladimir Petkovic hat um Auflösung seines Vertrags als Nati-Coach gebeten.

  • Er wird neuer Trainer bei Girondins Bordeaux in der französischen Ligue 1.

  • Petkovic war der Trainer mit dem besten Punkteschnitt aller Nati-Coaches.

  • Auf Pressekonferenzen sorgte er auch immer wieder für Gelächter.

Es ist vorbei. Die Zeit von Vladimir Petkovic als Nati-Trainer. Der erfolgreichste Nationalmannschafts-Coach aller Zeiten geht nach Frankreich. Der 57-Jährige wird Trainer des französischen Ligue-1-Clubs Girondins Bordeaux und damit Coach des Schweizers Loris Benito. Petkovic hat einen Vertrag bis 2024 unterschrieben. Seine Highlights aus sieben Jahren Schweizer Nationalmannschaft:

Favre und Koller sagen ab: Petkovic verliert sein Debüt

Einen Tag vor Heiligabend im Jahr 2013, also am 23. Dezember, wurde bekannt, dass Vladimir Petkovic der Nachfolger von Ottmar Hitzfeld wird, der nach der Weltmeisterschaft 2014 seine Trainer-Karriere beendete. Seine Wahl war umstritten. Er war nicht gerade erste Wahl. Lucien Favre und Marcel Koller hatten dem Schweizerischen Fussballverband (SFV) abgesagt. Sein Vorteil? Er kannte den Schweizer Fussball gut und besass Erfahrung aus einer grossen internationalen Liga. So gewann Petkovic mit Lazio Rom 2013 die Coppa Italia.

Blamabler Start und EM-Quali doch noch gerettet

Der Start in die erste EM-Kampagne ging so richtig in die Hose. Zuerst gab es eine 0:2-Pleite zu Hause gegen England. Dann kam eine blamable 0:1-Niederlage auswärts gegen Slowenien. Die erste EM-Quali für Petkovic war also nach zwei Spielen schon fast vorbei. Aber nur fast. So gelangen der Nati im Anschluss fünf Quali-Siege in Folge. Nur gegen England konnte man nicht gewinnen. Mit einem 1:0-Auswärtssieg gegen Estland schaffte die Nati dann am 12. Oktober 2015 die Qualifikation für die EM 2016 – Gruppenzweiter hinter England. Damit erreichte der Tessiner bei seiner ersten Station als Nationalmannschafts-Coach gleich die Qualifikation für ein grosses Turnier.

Bester Punkteschnitt und meiste Qualifikationen

Als Nachfolger von Trainer-Legende Ottmar Hitzfeld wurde der neue Nati-Trainer besonders beobachtet. Nach sieben Jahren an der Seitenlinie der Nati ist seine Bilanz sehr gut. Und wie sagt man so schön: Die Statistik lügt nicht. Mit 1,79 Punkten hat er den besten Durchschnitt aller Nati-Coaches. Zudem hat er alle Qualifikationen für die grossen Turniere während seiner Amtszeit erfolgreich absolviert. Die Schweiz war an der EM 2016, an der WM 2018 und an der EM 2020 mit dabei. Heisst: Er schaffte die meisten Qualifikationen in Serie!

Vladimir Petkovic zur Vertragsverlängerung mit dem SFV.

Die Ausbootung von Valon Behrami und dessen Vorwürfe

Eine der Krisen unter Vladimir Petkovic war die Ausbootung von Valon Behrami im Jahr 2018. Ausgangspunkt war ein Telefonat zwischen den beiden. Der Nati-Coach soll Behrami damals angerufen und ihm mitgeteilt haben, dass er nicht mehr mit ihm plane. Der Ehemann von Lara Gut-Behrami nahm wenige Stunden nach dem Telefongespräch Stellung im Tessiner Fernsehsender RSI: «Es war ein Anruf, mit dem er mich vor die Tür der Nati setzen wollte», so Behrami. Petkovic äusserte sich später, er habe ihn nicht rauswerfen wollen, sondern gesagt, er werde in den kommenden Nations-League-Partien auf jüngere Spieler setzen. Es sei kein Rauswurf.

War also alles nur ein Missverständnis? Auf jeden Fall beendete Behrami danach seine Karriere als Schweizer Nationalspieler. Und der 33-Jährige sagte gegenüber RSI weiter: «Petkovic kann sagen, was er will. Dieser Entscheid wurde von einer Person getroffen, die nichts vom Fussball versteht.» Damit zielte der Fussballer auf SFV-Generalsekretär Alex Miescher ab, der im Zuge der Doppeladler-Affäre keine gute Figur abgab.

Doppeladler-Affäre? Petkovic schweigt

Apropos Doppeladler-Affäre: An der WM 2018 jubelte Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri sorgte beim 2:1-Sieg gegen Serbien nicht nur mit Toren für Aufruhr – sondern auch mit dem Doppeladler. Der Schweizerische Fussballverband spielte den Vorfall herunter, doch in der Bevölkerung war der Aufschrei gross. Und der Tessiner? Der vertrat die Haltung, er sei «für den Sport zuständig». Überhaupt keine Hilfe war – wie erwähnt – auch der SFV-Generalsekretär Alex Miescher mit seiner Aussage betreffend Doppelbürgern. 

Spielerdebüts unter Vladimir Petkovic

33 Spieler haben unter Vladimir Petkovic ihr Debüt in der Schweizer Nati gegeben. Einige davon prägen heute als unumstrittene Stammspieler die Nationalmannschaft, wie zum Beispiel Manuel Akanji oder Nico Elvedi. Der erste Spieler, der unter Petkovic sein Nati-Debüt geben konnte, war Silvan Widmer. Und zwar am 14.10. 2014. Der Mainz-Spieler war damals noch in der Serie A bei Udinese Calcio unter Vertrag. Spannend ist, dass Widmer die Jahre danach keine grosse Rolle mehr spielte bei Petkovic. Doch für die EM 2020 nominierte der Ex-Nati-Coach Widmer wieder, dieser zahlte es ihm mit guten Leistungen heim. Die letzten vier Spieler, die ihr Debüt feiern durften, waren Jonas Omlin, Becir Omeragic, Simon Sohm und Jordan Lotomba. Dies im Rahmen eines Testspiels am 07.10. 2020 gegen Kroatien.

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2014 übernahm Petkovic von Ottmar Hitzfeld den Trainerposten bei der Schweizer Nati. 

2014 übernahm Petkovic von Ottmar Hitzfeld den Trainerposten bei der Schweizer Nati.

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Vladimir Petkovic ist der erfolgreichste Schweizer Nati-Trainer aller Zeiten. 

Vladimir Petkovic ist der erfolgreichste Schweizer Nati-Trainer aller Zeiten.

Claudio Thoma/freshfocus
Sein grösster Erfolg als Nati-Coach ist unbestritten der Achtelfinal-Sieg gegen Frankreich. 

Sein grösster Erfolg als Nati-Coach ist unbestritten der Achtelfinal-Sieg gegen Frankreich.

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Verhältnis zur Presse? Eher schlecht

Nati-Trainer Petkovic war nicht immer einverstanden mit der Berichterstattung der Medien. Vor allem die Deutschschweizer Presse war Petkovic so gut wie immer ein Dorn im Auge. Exemplarisch waren dafür die Aussagen vom ehemaligen Nati-Coach nach der 0:3-Niederlage gegen Italien bei der diesjährigen EM. Zu den Nebenschauplätzen wie etwa dem Coiffeurbesuch im Nati-Camp: «Diese Themen haben wir seit Jahren. Wir sind irgendwie Masochisten, die das auch manchmal provozieren. Und einige Zeitungen machen dann stets eine Kampagne daraus.» Medien in anderen Ländern würden ihr Nationalteam viel mehr unterstützen als in der Schweiz. Aber in der Tat: In den sieben Jahren als Nati-Trainer musste Petkovic auch viel von der Presse aushalten. Immer wieder mal wurde er in der Nati-Berichterstattung direkt angegriffen – bis zu Aufforderungen, dass er ausgetauscht werden solle.

«Man streicht sich mit Vaseline ein und lässt die Kritik abtropfen»

Es gab aber auch lustige Momente zwischen Vladimir Petkovic und der Presse. Immer wieder sorgte er während seiner Nati-Karriere mit Sprüchen für Schmunzler. Nutzte diese auch gezielt und intelligent, um unangenehmen Fragen auszuweichen. In seiner letzten Pressekonferenz als Nati-Trainer bot er etwa den Journalisten Provision für einen Transfer zu Zenit St. Petersburg an, statt Stellung zu den Gerüchten zu nehmen.

Ein weiteres Beispiel vor dem historischen Achtelfinal gegen Frankreich: Auf die Frage, wie Petkovic die Nebenschauplätze ausgeblendet habe, antwortet er: «Ich bin das seit sieben Jahren gewohnt. Ich habe mir ein bisschen Vaseline auf den Kopf gestrichen. So konnte das Wasser ablaufen. Ich spürte nichts.» Den Vergleich brachte Nati-Coach Petkovic bereits 2016. Damals sagte er: «Man streicht sich mit Vaseline ein und lässt die Kritik abtropfen.» Der Vaseline-Spruch überforderte wohl auch die Übersetzer der Uefa. Die französischen Journalisten lachten Tränen nach dem Spruch, da sie den Zusammenhang nicht kannten und einfach eine wortwörtliche Übersetzung erhielten.

EM-Viertelfinal: Petkovic schafft Historisches

Es war der wohl grösste Erfolg unter Trainer Petkovic. Der Achtelfinalsieg gegen Frankreich bei der EM 2020. Dank dem Sieg zog die Schweiz das erste Mal seit 54 Jahren in ein Viertelfinal eines grossen Turniers ein. Es war sogar die erste Viertelfinal-Quali bei einer EM. Besonders eindrücklich war die Art und Weise, wie die Schweiz Frankreich bezwang. Nach einem 1:3-Rückstand kam man zurück und gewann schlussendlich im Elfmeterschiessen. Und das gegen den amtierenden Weltmeister.

Bilanz von Vladimir Petkovic zur EM 2020.

20 Minuten

155 Tore in 78 Partien: mehr Tore als je zuvor

Nicht nur schaffte Petkovic die meisten Qualifikationen in Serie und hat den besten Punkteschnitt aller Nati-Coaches, nein. Ihm gelangen auch noch weitere Rekorde. So war kein einziger Vorgänger von Petkovic länger im Amt als er. Der EM-Viertelfinal gegen Spanien war seine 78. Partie als Nati-Trainer. Alleiniger Rekord! Und: Die Nati erzielte unter ihm 155 Tore in 78 Partien. Das macht rund zwei Tore pro Spiel im Schnitt. So viel wie unter keinem anderen Nati-Coach. Hinzu kommt: Als der 57-Jährige die Schweizer Nati übernahm, war das Land auf Rang 9 der Fifa-Weltrangliste. 2017 belegte die Nati dann Platz 4! So gut war die Mannschaft seit 1994 nicht mehr klassiert (damals war es gar Platz 3). Die aktuelle Nati lag vor der EM nur auf Rang 13.

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