Aktualisiert 20.10.2006 10:14

Mit Web-Inseraten zum Multi-Millionär

Craig Newmark meidet das Rampenlicht und zieht die Fäden aus dem Hintergrund. Mit seiner Webseite verdient er jedes Jahr Millionen.

Dass die US- Zeitschrift «Time» ihn zu den «100 einflussreichsten Menschen der Welt» zählt, wird man von ihm kaum erfahren. Newmark ist der Erfinder und Betreiber von Craig's List, einer Webpage, mit der Leute ihr gesamtes Leben organisieren. Bei www.craigslist.org gibt es alles: Zimmer, Mitbewohner, Jobs, alte Kleiderschränke, Katzen, Hundesitter, Wanderpartner, Liebhaber.

Mehr als zehn Millionen Menschen suchen jeden Monat ebenso viele Kleinanzeigen durch. Was 1995 mit einer Anzeigenrubrik für den Grossraum San Francisco begann, umspannt jetzt 52 Länder - von Argentinien über Deutschland bis Vietnam. Vier Milliarden Mal wird die Seite pro Monat angeklickt. Sie rangiert an siebter Stelle auf der Hitliste der weltweit populärsten Webseiten, gleich nach den Internetseiten von Rupert Murdochs Medien-Imperium News Corp. Dort arbeiten 38 000 Angestellte, Newmark hat eine Truppe von 22 Leuten.

«Es sieht aus wie in einer Bruchbude», meint Newmark, eher stolz als entschuldigend, bei einer Tour durch sein «Hauptquartier» in einem Studentenviertel von San Francisco. Die Wohnzimmer eines viktorianischen Hauses dienen als Büros. Die Farbe blättert ab, die alte Holztreppe knarrt. Newmark teilt sein Büro mit dem zweiten Mann bei Craig's List, Geschäftsführer Jim Buckmaster. 10 bis 20 Millionen Dollar sollen die Betreiber im letzten Jahr verdient haben, schätzen Marktbeobachter, doch Newmark schweigt dazu. Lukrative Kaufangebote, die aus ihnen über Nacht Multimillionäre machen würden, haben sie abgelehnt.

Auf den ersten Blick ist die Webseite so farblos wie ihr Erfinder. Einfach nur Rubriken in blauer Schrift auf weissem Grund. «Doch da steckt eine Menge witziges und verrücktes Zeug drin», meint Geschäftsführer Buckmaster. «Eine nackte Bibelgruppe sucht neue Mitglieder. Jemand will einen toten Waschbären gegen eine Sopranos- DVD tauschen. Besitzer diabetischer Katzen erteilen Ratschläge. Man kann alles finden und alles anbieten», sagt Buckmaster mit einem Grinsen. So sucht eine New Yorkerin unter der Überschrift «Billiges Zimmer für extreme Katzenliebhaberin» eine Mitbewohnerin, die 17 Katzen und entsprechend viel Dreck toleriert.

Für den eigenen Zweck macht Newmark von der Internetbörse nur selten Gebrauch. Ein paar Elektrogeräte habe er sich dort besorgt und sein zehn Jahre altes Auto verkauft, meint der Eigenbrötler. Es liegt ihm fern, damit zu prahlen, dass die Webpage seinen Namen trägt. Das war nicht seine Idee, sondern ein Vorschlag von Freunden. «Die meisten Nutzer wissen gar nicht, dass es einen echten Craig gibt», meint Newmark. «Und das ist mir so Recht.» (dapd)

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