WhatsApp-Style: «Mit YOLO bruchsch mir gar nid cho»
Aktualisiert

WhatsApp-Style«Mit YOLO bruchsch mir gar nid cho»

In der Schweiz werden Kurznachrichten vor allem in Dialekt geschrieben. Trotzdem: Rechtschreibung wird enorm geschätzt und englische Abkürzungen wie «OMG» sind verpönt.

von
Olaf Kunz
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Die Kommunikationskünste von Leser Marco.

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User K: Bei mir ging das SMS anstatt an mein Mausi (Freundin) an meine Mama.

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Wieder mal war zuviel Gerstensaft Schuld ab der Misere.

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Um den Erhalt des Schweizerdeutschen müssen sich Sprachtraditionalisten auch im Zeitalter von Smartphones keinerlei Sorgen machen. Im Gegenteil: Dreiviertel der Nutzer geben an, SMS mehrheitlich in Dialekt zu verfassen. Bei WhatsApp-Nachrichten ist der Mundart-Anteil sogar noch höher – 84 Prozent schreiben über diesen Anbieter in Schweizerdeutsch. Das ist das Ergebnis einer nicht-repräsentativen Umfrage von 20 Minuten.

Dabei zeigt sich auch: Je jünger die Befragten, desto höher die Neigung, in Dialekt zu schreiben. Ausserdem steht Dialekt bei Bewohnern auf dem Land noch deutlich höher im Kurs als bei Städtern. Welche Schule besucht wurde oder wird – ob Real-, Sekundar, Berufs-, Maturitätsschule oder Gymnasium -, spielt bei der Dialektverwendung allerdings keine Rolle. Lediglich unter Akademikern ist der Dialekt-Anteil in Kurznachrichten geringer, wie aus den Antworten 3988 Teilnehmer deutlich wird.

Dumme Nachricht = dumme Schreiber

Die Hälfte der Befragten hat auch bei Kurznachrichten, die in Dialekt verfasst werden, kein Pardon wenn es um Rechtschreibung geht. Dabei klafft zwischen Anspruch und eigener Praxis offenbar eine Lücke. Denn nur 37 Prozent achten nach bestem Wissen und Gewissen darauf, Nachrichten fehlerfrei zu schreiben.

Nur die Minderheit nimmt sich übrigens die Zeit, die SMS oder WhatsApp-Nachricht vor dem Absenden noch einmal gründlich durchzulesen. Hinzu kommt, dass 86 Prozent die Autocorrect-Funktion an ihrem Handy deaktiviert haben. Dabei könnte sich das durchaus lohnen – zumal wenn dies mit einer Portion Selbstkritik geschieht. Denn für mehr als zwei Drittel spiegelt die Art und Weise, wie eine Kurznachricht verfasst wird, den Bildungsstand wieder. Wer schludrig schreibt, dem haftet schnell das Makel des Ungebildeten an. Nebst Rechtschreibung lohnt es sich dabei auch auf ein, zwei andere Dinge zu achten.

«OMG – WTF – das ist SWAG 0»

Kurznachrichten durch die Verwendung von Abkürzungen von Anglizismen zu komprimieren kommt nicht bei allen Empfängern gut an. Ob YOLO (=You only live once) über SWAG (Wörtlich übersetzt bedeutet «to swagger» stolzieren, prahlen oder schwadronieren und gibt den Coolness-Grad an – je mehr SWAG, desto cooler) bis hin zu OMG (=Oh my god) – ein Drittel geht bei solchen Buchstabenaneinanderreihungen der Hut hoch.

Und obwohl in Nachrichten via WhatsApp oder Viber der Ton noch legerer ist im Vergleich zum SMS-Stil, stossen auch hier Anglizismen wie «kiss» oder «miss you» nicht nur auf Gegenliebe. Ein Drittel verzichtet deshalb komplett auf die Verwendung. Damit bestätigen die Leser-Umfragewerte eine Studie vom Romanischen Seminar der Universität Zürich zu Anglizismen Kurznachrichten. Ganz anders sieht es aus mit Smileys. Lediglich 10 Prozent bauen :-), *g* oder :-P nie ein. Und auch Emoticons, also grafische Smileys und Symbole, fehlen in nur wenigen Nachrichten, die unter Handybesitzern verschickt werden.

Wahre Flut an WhatsApp-Nachrichten

Weltweit wurden laut einer Studie des britischen Marktforschungsunternehmenens Informa im Jahr 2012 17,6 Milliarden Kurznachrichten via SMS verschickt. Allein auf dem Swisscom-Netz werden derzeit pro Tag im Durchschnitt 7,7 Millionen SMS verschickt. Was überrascht: Das 160 Zeichen lange Briefchen scheint über alle Altersklassen hinweg etwa gleich beliebt. Es spricht also einiges dafür, dass die SMS allen Unkenrufen zum Trotz auf absehbare Zeit nicht aussterben wird. Diese Einschätzung teilt auch Olaf Schulze, Mediensprecher von Swisscom: «Wenn man sich die stabile Entwicklung der SMS-Zahlen anschaut, sieht man, dass WhatsApp und ähnliche Anbieter SMS nur in geringem Masse substituieren. Vielmehr werden sie ergänzend verwendet.»

Trotz allem: Die relative Bedeutung der SMS bei Kurznachrichten nimmt massiv ab. Selbst bei den über 40-Jährigen findet der IP-basierte Austausch von Mitteilungen grossen Anklang. So geben knapp 30 Prozent an, täglich 10 oder mehr Kurznachrichten über diesen Anbieter zu verschicken. Doch das ist kein Vergleich zu den Jugendlichen. Vier von fünf jüngeren Befragten schreiben pro Tag mindestens 10 Nachrichten via WhatsApp, 57 Prozent sogar über 30.

Eckdaten zur Umfrage

An der nicht-repräsentativen Umfrage von 20 Minuten haben sich im Zeitraum vom 11. Juni bis 17. Juni 2013 insgesamt 3988 Internetnutzer beteiligt. Die Hälfte der Teilnehmer ist zwischen 14 und 19 Jahren. Der Fragebogen umfasste 20 Fragen.

Alle Umfrage-Ergebnissen als PDF >>

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