Ungewollte Nacktbilder: «Mit zwölf Jahren bekam ich zum ersten Mal ein Dickpic»
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Ungewollte Nacktbilder«Mit zwölf Jahren bekam ich zum ersten Mal ein Dickpic»

Als Mädchen erhielt Julie Nacktfotos eines 40-Jährigen, später bedrohte er sie. Sie ist nicht allein: Jede zweite Frau wird mit Dickpics belästigt. Ein neues Online-Tool soll es Frauen einfach machen, die Absender innert Sekunden anzuzeigen. Doch die Polizei ist skeptisch.

von
Deborah Gonzalez
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Bereits mit zwölf Jahren hat Julie ungewollte Dickpics von älteren Männern erhalten.

Bereits mit zwölf Jahren hat Julie ungewollte Dickpics von älteren Männern erhalten.

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Darum gehts

  • Mit zwölf erhielt Julie zum ersten Mal ein Dickpic.

  • Um sich zu rächen, hat die heute 20-Jährige Screenshots von etlichen Nachrichten veröffentlicht.

  • Laut einer Studie haben 53 Prozent der Frauen bereits Dickpics erhalten.

  • Männer geben in einer Studie an, dass sie die Empfänger*innen erregen wollen und sich im Gegenzug ebenso ein Bild wünschen.

  • Ein neues Schweizer Online-Tool soll es ermöglichen, die Absender mit wenigen Clicks anzuzeigen.

  • Verschiedene Kantonspolizeien sind sich einig: Ganz so leicht ist es nicht.

Jede zweite Frau hat schon einmal ein sogenanntes Dickpic, also ein Bild eines männlichen Geschlechtsteils, erhalten. Zu diesen Frauen gehört auch die mittlerweile 20 Jahre alte Julie. Schon früh hat sie Erfahrung mit Dickpics gemacht: «Mit zwölf Jahren habe ich zum ersten Mal ein solches Bild erhalten. Ich war schockiert.» Die Aargauerin hatte damals noch kein eigenes Handy, sie durfte aber täglich das Telefon ihrer Mutter nutzen, wo sie Instagram installiert hatte. Dort schrieb ihr ein 40-Jähriger. «Ich antwortete ihm, anfangs war noch alles normal», betont Julie.

Aus dem Nichts habe er ihr dann einen Screenshot eines Pornovideos geschickt. Sie liess es unkommentiert. Einige Tage später bekam Julie Nacktfotos von ihm. Auch darauf antwortete sie nicht. Plötzlich wurde der Mann fordernder: «Er fing an mich zu erpressen. Er sagte, dass er wisse, wo ich wohne und dass er mir und meiner Familie etwas antun würde, wenn ich ihm keine Bilder von mir sende.»

Wieso werden Dickpics verschickt?

Eine Studie von «The Journal of Sex Research» aus dem Jahr 2019 zeigt: 48 Prozent der 1087 befragten Männer haben schon mal ungefragt/unaufgefordert ein Penisfoto verschickt, weil sie die Empfänger*innen damit erregen wollten. Sie hofften, im Gegenzug ebenfalls intime Bilder zu erhalten.

Julie hatte Angst, trotzdem weigerte sie sich, ihm Nacktfotos von sich zu schicken. «Ich habe mich nur geschämt. Ich habe ihn ignoriert und gehofft, dass es aufhört», sagt sie. Doch es hörte nicht auf. Vier Monate lang behielt Julie die Nachrichten für sich, bevor sie ihrer Mutter alles beichtete. «Sie hat geweint, aber sie war nicht sauer auf mich. Das war eine Erleichterung.» Daraufhin habe sie den Kontakt blockiert und nie wieder etwas von ihm gehört.

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Egal, ob Facebook, Snapchat oder Instagram – überall bekommt Julie Dickpics zugeschickt.

Egal, ob Facebook, Snapchat oder Instagram – überall bekommt Julie Dickpics zugeschickt.

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Immer wieder erhält Julie sogenannte Dickpics. Als ihr der Kragen platzte, veröffentlichte sie die Bilder mit dem Namen des Senders.

Immer wieder erhält Julie sogenannte Dickpics. Als ihr der Kragen platzte, veröffentlichte sie die Bilder mit dem Namen des Senders.

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Dass als Kontaktaufnahme statt einem netten «Hallo» ein Dickpic im Posteingang landet, kennt ein Grossteil der Frauen. Laut einer Studie von «Pew Research Center», die bei 4248 Frauen und Männern bezüglich ihrer Erfahrungen mit Online-Belästigung nachgefragt haben, haben 53 Prozent der Frauen angegeben, mindestens einmal ein ungewolltes Genitalien-Foto erhalten zu haben.

Dickpics mit einem Mausklick anzeigen

Julie hatte keine Lust mehr, immer wieder Dickpics in ihrem Posteingang zu sehen, also entschied sie sich dazu, ein Zeichen zu setzen: «Egal, ob bei Facebook, Instagram oder Snapchat – überall habe ich ungefragt Nacktbilder erhalten. Irgendwann ist mir dann der Kragen geplatzt, also habe ich die Nachrichten gespeichert und in meiner Instagram-Story veröffentlicht – zuvor habe ich die Geschlechtsteile unkenntlich gemacht. Ich wollte mich wehren, denn ich kenne keine Frau, der sowas noch nicht passiert ist.»

Ist das Versenden von Dickpics strafbar?

Wer solche Bilder an unter 16-Jährige verschickt, macht sich gemäss Art. 197, Abs.1 StGB, der Pornografie, schuldig. Wer derartige Bilder an Erwachsene verschickt, macht sich auf Antrag wegen sexueller Belästigung strafbar (Art. 198 StGB).

Dem Problem hat sich der Verein Netzcourage angenommen, denn das Versenden von Nacktbildern kann strafbar sein. Letzte Woche wurde der erste Schweizer Anzeigengenerator Netz Pigcock lanciert. Dort sollen ungewollt erhaltene Penisbilder innert 60 Sekunden zur Anzeige gebracht werden können: Screenshot hochladen, die Angaben des Einsenders eingeben, Anzeige erstatten. Die Webseite generiert ein offizielles Schreiben, das per Post oder persönlich bei der Polizei abgegeben werden kann. Schicke man die Unterlagen ein, würde der für viele Frauen beschämende Gang zur Polizeistation wegfallen, heisst es bei Netzcourage.

Doch das stimmt so nicht ganz, wie mehrere Kantonspolizeien auf Anfrage von 20 Minuten präzisieren. Die Meldung könne zwar problemlos online erfolgen, trotzdem müsse die Person für die Befragung vor Ort kommen, lassen die Kapos Zürich, Bern und St. Gallen verlauten. Auch im Aargau könne es sein, dass das Opfer bei ergänzenden Abklärungen oder Ermittlungen zu einer protokollarischen Befragung auf den Polizeiposten vorgeladen wird.

Deutscher Vorreiter «Dickstinction» zeigt, wie es geht

Doch selbst, wenn das Gespräch auf dem Polizeiposten dennoch stattfindet, glaubt Hanspeter Krüsi von der Kantonspolizei St. Gallen, dass das Tool hilfreich sein kann: «Wenn derart schnell und einfach Anzeige erstattet werden kann, fällt vermutlich die Hemmschwelle. Es kann gut sein, dass dadurch mehr Anzeigen eingehen.»

In Deutschland, wo es mit «Dickstinction» seit einigen Monaten ein vergleichbares Tool gibt, scheint Krüsis Vermutung zuzutreffen: Erst kürzlich teilten die Initianten in einem Interview mit der Zeit mit, dass «Dickstinction» derart viele Penisbilder erreicht hätten, dass die Webseite zwischenzeitlich zusammengebrochen sei. Für Julie, die noch immer Dickpics erhält, ändert der Anzeigengenerator jedoch nichts: «Ich glaube nicht, dass es etwas bringt, Anzeige zu erstatten – egal ob online oder persönlich. Von Freundinnen, die das angezeigt haben, weiss ich, dass dem nicht wirklich nachgegangen wird, und wenn doch, ist die Busse lächerlich.»

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