Arbeitgeberverband: «Mitarbeiter müssen sich selber managen können»

Aktualisiert

Arbeitgeberverband«Mitarbeiter müssen sich selber managen können»

Soziologen beklagen die Vermischung von Freizeit und Beruf. Jürg Zellweger vom Arbeitgeberverband spricht über die Gründe und sagt, wie teuer ausgebrannte Mitarbeiter sind.

von
J. Büchi
Jürg Zellweger ist Mitglied der Geschäftsleitung des Arbeitgeberverbands.

Jürg Zellweger ist Mitglied der Geschäftsleitung des Arbeitgeberverbands.

Herr Zellweger, fordern die Chefs heute mehr persönliches Engagement von Mitarbeitern als früher?

Die Anforderungen haben sich sicher verändert, und zwar so, dass die Person des Mitarbeiters wichtiger wird: Wissens- und Teamarbeit stellen hohe Anforderungen an persönliche und fachliche Kompetenzen. Arbeiten nach genauer Anweisung des Chefs werden in der Arbeitswelt tendenziell seltener, vereinbarte Ziele stehen im Vordergrund. Die Zielerreichung setzt persönliches Engagement voraus. Starre Arbeitszeiten und -orte werden unwichtiger.

Bei den meisten Menschen führen flexible Arbeitsmodelle laut Experten dazu, dass sie mehr arbeiten, als sie es sonst tun würden.

Viele sehen die Vorteile dieser Modelle: Sie können Arbeit und Privates flexibler abstimmen und Verantwortung übernehmen. Andere empfinden die zusätzliche Verantwortung als Belastung. Das Gesamtpaket muss natürlich für Arbeitgeber und die Arbeitnehmende stimmen. Sowohl eine dauernde Über- als auch Unterbelastung ist zu verhindern. Hier ist von den Unternehmen Führungsarbeit gefragt: Auch Wissensarbeit muss sinnvoll organsiert werden und Ziele müssen realistisch gesetzt sein. Die Mitarbeitenden müssen ihrerseits in der Lage sein, sich selber zu managen.

Haben die Arbeitgeber überhaupt einen Anreiz, ihre Angestellten vor einem Burnout zu bewahren? Wenn jemand ausfällt, findet sich in der Regel schliesslich schnell Ersatz.

Ja, selbstverständlich. Erstens einmal sind die Arbeitgeber und die Arbeitnehmenden miteinander persönlich verbunden. Es ist ein ethisches Interesse der Unternehmensführung, Arbeit zu bieten, die gesund und motiviert ausgeführt werden kann. Zweites kostet die Neueinstellung und Einarbeitung eines neuen Mitarbeitenden rund einen Jahreslohn. Knowhow-Verluste gehen ins Geld, von Reputationsschäden ganz abgesehen. Eine Häufung von solchen Problemen wäre ein Alarmzeichen, dass organisatorisch im Betrieb etwas nicht stimmt. Ein solches Unternehmen könnte längerfristig nicht erfolgreich wirtschaften.

Laut Gewerkschaftsbund wäre eine bessere Erfassung und Kontrolle der Arbeitszeiten das effektivste Mittel, um die Arbeitnehmer zu schützen.

Die Vorstellungen der Gewerkschaften kommen noch aus der Zeit der Industrialisierung. Die Trends und Erfordernisse der Arbeitswelt sprechen immer mehr gegen ein altertümliches Stempeln. Aber natürlich müssen die Entschädigung und die Arbeitszeit schlussendlich korrespondieren und die Arbeitszeitvorschriften müssen eingehalten werden.

Experten sprechen davon, gewisse Firmen würden es geradezu darauf anlegen, dass Mitarbeiter Arbeits- und Freizeit vermischen. Die Rede ist von sektenhaften Zuständen: Betriebsausflüge und Angebote auf dem Firmencampus zielten darauf ab, die Angestellten über das normale Mass hinaus ans Unternehmen zu binden. Entspricht das Ihrer Wahrnehmung?

Sie sprechen ein Phänomen aus den USA an, das in der Schweiz kaum Fuss gefasst hat. Grundsätzlich ist es doch Ausdruck der Wertschätzung, ein gutes Betriebsklima zu schaffen und entsprechende Angebote für die Mitarbeitenden bereitzustellen. Die Vermischung von Arbeit und Privatem kennen wir übrigens gut im Bereich von Familienunternehmen oder Kleinbetrieben: Hier fühlt sich die Belegschaft oft stark verbunden.

Aber die Paradebeispiele für diese Entwicklung – Google, Novartis & Co. – sind ja eben gerade keine Familienbetriebe, sondern Grosskonzerne.

Solche Unternehmen sind mit der Herausforderung konfrontiert, dass ihr Personal aus unterschiedlichsten Nationen an gemeineinsamen Projekten kreativ und produktiv zusammenarbeiten muss. Es ist nicht einfach, eine entsprechende Firmenkultur zu pflegen. Vielleicht mag das von aussen etwas künstlich erscheinen. Nicht zu vergessen, dass solche Belegschaften auch sehr stark von ihrem Fachgebiet geprägt sind: wenn die weltweit besten Spezialisten zusammenarbeiten, erfordert dies ein besonderes Umfeld.

Wie sieht denn das Arbeitsverhältnis der Zukunft aus? Verschmelzen wir komplett mit unserem Job?

Nein, die heutige wie auch die zukünftige Generation ist gut ausgebildet und tritt selbstbewusst auf: Auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird beispielsweise viel Wert gelegt. Die Arbeitgeber sind dringend auf diese Generation angewiesen. Deshalb wird man Lösungen finden, die für beide Seiten passen. Teilzeitarbeit und flexiblere Arbeitsmodelle wären hier die Stichworte.

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