Aktualisiert 11.01.2012 01:28

US-PräsidentschaftswahlMitt Romney hat ein «Job-Problem»

Er entlasse gerne Leute – mit dieser Aussage hat Mitt Romney seinen Gegnern vor der zweiten Vorwahl Munition geliefert. Obwohl er es nicht so gemeint hat.

von
Martin Suter, New Hampshire

Mitt Romneys republikanische Rivalen hat der Mut der Verzweiflung gepackt. Der Ex-Gouverneur von Massachusetts liegt in den letzten Umfragen vor dem heutigen Primärwahltag in New Hampshire so klar vorn, dass sie ihm jetzt sogar vorwerfen, Kapitalist zu sein. Als ehemaliger Chef der Beteiligungsgesellschaft Bain Capital habe Romney mehr Arbeitsplätze vernichtet als geschaffen, behaupten die Kandidaten und tönen dabei so wie Demokraten.

Am Montag gab ihnen Romney zusätzliche Munition, als er sagte, er kündige gerne Lieferanten, wenn sie ihren Job nicht erfüllten. Die Formulierung «I like being able to fire people» – ich mag es, Leute entlassen zu können – wurde von den Rivalen sofort aufgenommen und, aus dem Kontext gerissen, gegen Romney verwendet. Dass die Republikaner mit solchen Argumenten den Demokraten Angriffsfläche liefern, hielt sie nicht von ihrem Verzweiflungsfeldzug ab.

Mitt Romneys umstrittene Aussage:

Wie sehr der knappe Sieger von Iowa auch in New Hampshire obenauf schwingt, ist an seinen Wahlkampfanlässen offensichtlich. Bei einem Auftritt Romneys am Sonntagabend in der High School von Exeter im Osten des Gliedstaats quillt der Parkplatz ebenso über wie die Turnhalle, wo sich der Ex-Gouverneur von seinen Fans beklatschen lässt. «Mitt, Mitt, Mitt» tönt es vielhundertfach, als der sportlich wirkende 64-Jährige im hellblau-karierten Button-Down-Hemd die Bühne betritt.

Was Romney dann von sich gibt, sind aber zumeist mit patriotischen Appellen gespickte Leerformeln. Er wolle die «amerikanischen Prinzipien» wieder zur Geltung bringen, verspricht er; es gelte, die «Leidenschaft für die Freiheit» aufleben zu lassen und die «Passion für eine kleine Regierung»: «Dieses Land soll wieder ein Land der Möglichkeiten sein.»

«Jeder ist besser als Obama»

Für Sue Corcoran reicht Romneys Darbietung aus. Die pensionierte Lehrerin aus dem Nachbarstädtchen Epping würde ja gern für Newt Gingrich stimmen, den früheren Vorsitzenden des Repräsentantenhauses. «Ich mag Newt wirklich», sagt sie. «Er ist ein smarter Typ, der dem Job gewachsen wäre. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er Obama besiegen wird.» Falls sie am Dienstag den Stimmzettel für Romney einlegen werde, dann vor allem wegen dessen besseren Chancen. Denn: «Jeder ist besser als Obama.»

Wie Sue Corcoran denken viele der auf etwa eine Viertelmillion geschätzten Primärwähler New Hampshires, wo nun die zweite «zählende» Etappe im Rennen um die Nomination von Obamas republikanischem Herausforderer ausgetragen wird. Aus diesem Grund hält Romney, den viele aus seiner Zeit als Gouverneur des Nachbarstaats Massachusetts kennen, in letzten Umfragen den Spitzenrang mit 33 bis 40 Prozent Zuspruch. Seine Verfolger liegen mindestens 13 Prozentpunkte zurück.

Hochbetrieb beim Pfandleiher

Newt Gingrich ärgert das ganz besonders. Der wortmächtigste Debattierer im Feld konnte sich im Dezember an die Spitze der Anwärterschar schwingen, wurde dann aber von einem Sperrfeuer negativer TV-Spots niedergemacht. Die Mehrheit der Spots bezahlte ein nominell unabhängiges Aktionskomitee, das in Wirklichkeit mit Romney verbündet ist. Dazu solle der Ex-Gouverneur doch stehen, fordert seither der sichtlich verbitterte Gingrich immer wieder.

In Lancaster, einer darbenden Kleinstadt im bergigen Norden des «Granite State», murrte Gingrich am Donnerstag vor einer mageren Zuhörerschaft. Die Stimme von Matthew Doyle hat er jedoch. «Von allen Kandidaten ist Gingrich der konservativste», meint der 66-Jährige. Dies sei die wichtigste Wahl zu seinen Lebzeiten, denn «Präsident Obama will in den USA einen europäischen Sozialismus einführen». Sandra Doolan ist von Gingrich angetan, seit er im Repräsentantenhaus 1994 die konservative Revolution anführte. «Ich habe ihn immer gemocht», sagt die Rentnerin.

Die kurze Ansprache des massigen Politikers hat mit der wirtschaftlichen Realität in dem Städtchen, das unlängst zwei Holzfällereien verlor, jedoch nichts zu tun. Die Sorgen der Einwohner werden sichtbarer in den übervollen Regalen des Pfandleihhauses «Tough Times» – harte Zeiten. Der erste «Pawn Shop» Lancasters, vor eineinhalb Jahren eröffnet, sei «super busy», sagt die Miteignerin Melissa Rodden: «Kunden verpfänden alles Mögliche, um Geld für Benzin, Lebensmittel und Heizöl zu erhalten.»

Veteranen feiern Ron Paul

Junge Menschen, deren Perspektiven sich in der Wirtschaftskrise verdüstert haben, können mit negativ klingenden Kandidaten wie Gingrich wenig anfangen. Den 18-jährigen College-Studenten Leif Becker hat vielmehr die konsequente Gradlinigkeit von Ron Paul überzeugt. Der libertäre Kandidat, wiewohl mit 76 Jahren am ältesten, hat die jüngste Fangemeinde von allen. «Ron Paul wird die Wähler nie anlügen», glaubt Becker. «Und er hat recht, wenn er sagt, dass wir nicht mehr den Weltpolizisten spielen können.»

Dass Paul nicht nur den Staat radikal schrumpfen will, sondern auch alle US-Truppen aus fernen Standorten abziehen möchte, hat ihm die Unterstützung vieler Kriegsveteranen beschert. An einem rauschenden Empfang des früheren Frauenarztes auf dem Flughafen von Nashua nahm am Freitag der Irak-Veteran Joshua Holmes teil. Obamas «geordneter» Truppenabzug aus dem Irak und Afghanistan sei ihm zu langsam, sagt Holmes. «In zwei Jahren Irak habe ich gelernt, was ein geordneter Abzug ist: rechtsumkehrt, vorwärts marsch!»

Paul findet in dem neuenglischen Gliedstaat einen fruchtbaren Boden vor. New Hampshires Motto heisst «Live Free or Die» (Lebe frei oder sterbe), und seine zähen, selbständig denkenden Bewohner wollen nicht bemuttert werden. Sie weigern sich bis heute, eine eigene Einkommenssteuer zu erheben. Ron Paul ist besonders beliebt bei nicht parteigebundenen Wählern, die sich an den Primärwahlen beteiligen können. Dennoch liegt er als Zweitplatzierter über zehn Prozentpunkte hinter Romney.

Es geht um die Plätze zwei und drei

Noch weiter abgeschlagen sind Utahs Ex-Gouverneur Jon Huntsman, ein Liebling von Mitte-Wählern, und der religiös-konservative frühere Senator von Pennsylvania, Rick Santorum. Beide erleben dieser Tage wachsenden Zulauf, und gemeinsam mit Gingrich haben sie in der letzten Fernsehdebatte am Sonntag Mitt Romney erstmals scharf kritisiert. Sie bezichtigten ihn der Scheinheiligkeit und der politischen Mutlosigkeit.

Die republikanischen Breitseiten gegen Romney – insbesondere jene gegen ihn als Chef von Bain Capital – könnten den Spitzenreiter mittelfristig schwächen. Doch bis zum heutigen Wahltag werden die Kontrahenten nicht zum Favoriten aufschliessen können. Es geht daher nicht in erster Linie um den Sieg, sondern um die Plätze zwei und drei. Das eigenwillige New Hampshire wählt selten den national siegreichen Kandidaten. Aber wer hier nicht mindestens einen Achtungserfolg erzielt, darf später nicht mehr auf einen Sieg hoffen.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.