Verhafteter Militärchef: Mladic' langer Tanz um die Schlinge
Aktualisiert

Verhafteter MilitärchefMladic' langer Tanz um die Schlinge

Offiziell war Ratko Mladic 15 Jahre auf der Flucht. Zehn Jahre lang lebte er allerdings mitten in Belgrad - besuchte regelmässig das Grab seiner Tochter, ging an Fussballspiele und feierte auf Partys.

von
amc

Die Suche ist beendet: 15 Jahre nach dem ersten Haftbefehl gegen Ratko Mladic wurde er gefasst. Etwas dünner, etwas älter aber immer noch als der ehemalige Militärchef der bosnischen Serben erkennbar. Nur 70 Kilometer von der serbischen Hauptstadt Belgrad entfernt, schnappte eine Sondereinheit Mladic im Haus eines Verwandten. Wie konnte sich der meistgesuchte Mann des Balkans, auf dessen Verhaftung eine Prämie von zehn Millionen Euro ausgesetzt war, die gesamte Zeit über verstecken?

Die Antwort ist simpel: Lange Zeit musste sich der mutmassliche Kriegsverbrecher gar nicht verstecken. Ratko Mladic ist bis 2001 nie komplett aus der Öffentlichkeit verschwunden. Von 1996 und dem ersten Haftbefehl bis zur Verhaftung von Slobodan Milosevic 2001 gab es immer wieder öffentliche Auftritte des Ex-Militärchefs (siehe Bildstrecke). Er besuchte regelmässig das Grab seiner Tochter in Belgrad – gerüchteweise bis 2004. 1999 gab er ein Interview in dem er die «Vorfälle in Bosnien» bestritt. 2000 besuchte er in Belgrad das Länderspiel zwischen Jugoslawien und China. Mladic bezog gemäss Medienberichten sogar bis 2005 noch eine Rente. Während der gesamten Zeit bestritt die serbische Regierung, dass Mladic im Land war.

Belgrad: Reaktionen auf die Festnahme

Mladic genoss Schutz des Militärs

Erst mit der Verhaftung von Slobodan Milosevic und der Machtübernahme der prowestlichen Regierung von Zoran Dindic zog sich «der Schlächter von Srebrenica» aus der Öffentlichkeit zurück. Es gilt inzwischen als offenes Geheimnis, dass Militär und Geheimdienst in der Folge Mladic schützten. Mehrmals gab es Anhaltspunkte, dass der Ex-General in Kasernen und anderen Militäranlagen versteckt wird. Gemäss dem Nachrichtensender «B92» wurde Mladic im Februar 2002 in ein sicheres Gebäude bei Valjeva gebracht, im Juni wechselte er dann offenbar in die Militäranlage «Cer» oder «Krcmer». Im gleichen Monat verliess er seine militärischen Verstecke und tauchte in Belgrad ab.

Ratko Mladic am Tag seiner Verhaftung

Nach der Verhaftung von Slobodan Milosevic kündigte der damals amtierende Präsident Zoran Dindi an, hart gegen Kriegsverbrecher vorzugehen und mit dem Haager Tribunal zu kooperieren. Seine Ankündigung kostete ihn in der Folge wohl das Leben: Er wurde im August 2003 von einem Angehörigen der paramilitärischen Einheit «Rote Barette» getötet.

Mladic verhandelt mit Karremans

Hinweise auf seine Aufenthaltsorte

Gemäss einer Auflistung von «B92» soll sich Mladic bis 2005 in Belgrad aufgehalten haben. Im Monatsrhythmus soll er in der Folge aus einer Wohnung in die andere gewechselt haben, bis er an die Juri-Gargari-Strasse zog. In der Liegenschaft mit der Hausnummer 118 soll er – mit Unterbrüchen - bis am 31. Dezember 2005 gelebt haben. In diesem Zusammenhang wird auch der Tod zweier junger Soldaten von 2004 in der Kaserne «Topcider» in Belgrad erwähnt. Es wird vermutet, dass die unter mysteriösen Umständen erschossenen Wehrmänner Mladic gesehen haben und nicht schweigen wollten. Der Fall ist noch immer nicht abgeschlossen.

«Er ist ein Monster und Verbrecher»

Komplett verlor sich Mladic' Spur gemäss «B92» erst 2006 mit der Verhaftung von Stanko Ristic. Der Helfer von Ratko Mladic hätte die Behörden wohl zum gesuchten Kriegsverbrecher geführt. Er wurde aber nicht observiert, sondern gleich verhaftet. Eine serbische Nachrichtenagentur meldete damals sogar irrtümlicherweise die Verhaftung von Mladic.

Die zufällige Verhaftung ist kein Zufall

Mit den Verhandlungen über eine EU-Anbindung von Serbien im Oktober 2006 wuchs auch der Druck auf die Behörden. Die Suche wurde intensiviert, erste Erfolge begannen allerdings erst mit der zweiten Amtszeit des prowestlichen Präsidenten Boris Tadic. Unter seiner Regierung ist es nun innerhalb von drei Jahren zur zweiten grossen Verhaftung gekommen: Erst schnappten die Behörden 2008 Radovan Karadzic und nun Ratko Mladic.

Der meistgesuchte Kriegsverbrecher wurde scheinbar zufällig nach 15-jähriger Flucht einen Tag vor dem Besuch der Vizepräsidentin der Europäischen Kommission geschnappt. Der Bericht von Serge Brammertz, Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs zur Kooperation von Serbien bei der Suche nach Kriegsverbrechern, hat sich damit erledigt. Brammertz wollte im Juni vor den Uno-Sicherheitsrat treten und eine «negative Bilanz» präsentieren. Entsprechend zufrieden sagte Boris Tadic nach der Verhaftung von Ratko Mladic an der Pressekonferenz, dass der Bericht nun «ins Wasser falle».

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