Twitter-Zoff – «Mobbing gegen Studierende» – Unispital-Mediziner kassiert Shitstorm
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Twitter-Zoff«Mobbing gegen Studierende» – Unispital-Mediziner kassiert Shitstorm

Nach der falschen Antwort eines Studierenden habe er rituellen Selbstmord begehen wollen, witzelte Neuropathologe Adriano Aguzzi auf Twitter. Studierende werfen dem Mediziner nun respektloses Verhalten vor.

von
Daniel Krähenbühl
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Der Neuropathologe Adriano Aguzzi ist Leiter des Instituts für Neuropathologie am Universitätsspital Zürich. Zusätzlich gibt es an der Universität Zürich Vorlesungen und nimmt Prüfungen ab. 

Der Neuropathologe Adriano Aguzzi ist Leiter des Instituts für Neuropathologie am Universitätsspital Zürich. Zusätzlich gibt es an der Universität Zürich Vorlesungen und nimmt Prüfungen ab.

USZ
Auf Twitter äusserte er sich zu den Prüfungsresultaten der Studierenden. 

Auf Twitter äusserte er sich zu den Prüfungsresultaten der Studierenden.

Twitter/AdrianoAguzzi
 «Ich finde es absolut unprofessionell, unangebracht und respektlos, sich so über Lernende zu äussern», sagt eine Studentin dazu. 

«Ich finde es absolut unprofessionell, unangebracht und respektlos, sich so über Lernende zu äussern», sagt eine Studentin dazu.

Andrea Zahler / Tamedia AG

Darum gehts

  • Der renommierte Neuropathologe Adriano Aguzzi äussert sich in mehreren Tweets zu den Prüfungen seiner Studierenden.

  • Sein als Witz gemeinter Kommentar, nach einer falschen Antwort Suizid begehen zu wollen, stösst jedoch auf heftige Kritik von Studierenden.

  • Aguzzi hat die Tweets mittlerweile gelöscht und sich entschuldigt. «Mit Twitter habe ich nur Ärger», so der Mediziner. «Vielleicht lasse ich bald ganz die Finger davon.»

Adriano Aguzzi, Leiter des Instituts für Neuropathologie am Universitätsspital Zürich und Professor an der Universität Zürich, äusserte sich am Donnerstag in einer Reihe von Tweets über die Antworten in den Pathologie-Prüfungen seiner Studierenden. Unter anderem schrieb er, dass er nach einer falschen Antwort rituellen Suizid begehen wollte: «Pathologieprüfungen, Staffel 1, Folge 2. Ein Kandidat sagte mir, dass Fibrin aus Fibroblasten besteht. Ich habe dann (erfolglos) versucht, Seppuku mit einer Lanzette zu begehen.»

Seppuku und Lanzette – was ist das?

Als Seppuku wird der rituelle Suizid bezeichnet, im Westen ist er auch als Harakiri (von Bauch schneiden) bekannt. Beim Seppuku wird der Bauch mit einem Kurzschwert oder Dolch nach strengen Regeln aufgeschlitzt. Während der japanischen Feudalzeit war die Suizidart den Samurai vorbehalten und stellte ein Privileg dar. Ein Mann, der wegen einer Pflichtverletzung sein Gesicht verloren hatte, konnte durch Seppuku seine eigene oder die Ehre seiner Familie wiederherstellen. Im Gegensatz zum christlichen Glauben ist die Selbsttötung in Japan keine Sünde.

Als Lanzette wird ein Medizinprodukt bezeichnet, das verwendet wird, um schnell eine kapillare Blutprobe zu gewinnen. Die Stahlklinge einer Lanzette ist nur wenige Millimeter lang, ein Plastikgriff ermöglicht es, das Instrument mit den Fingerspitzen zu halten.

Bei den Studierenden der medizinischen Fakultät kommt das nicht gut an: «Ich finde es absolut unprofessionell, unangebracht und respektlos, sich so über Lernende zu äussern. Ganz offensichtlich nimmt er sich selbst und sein Fach Pathologie viel zu wichtig», sagt etwa eine Medizinstudentin, die anonym bleiben möchte. Das Verhalten entspreche nicht dem öffentlichen Amt, das er bekleide, so die 25-Jährige.

Kritik von Studierenden

Auch auf der App Jodel wird der Post rege diskutiert: «Ich finde es tragisch, dass man das Gefühl hat, dass Mobbing und öffentliche Blossstellung akzeptierbar sei. Ich habe keine Lust, mit so einer Person zusammen zu arbeiten oder dieser unterstellt zu sein», schreibt eine Person. Ein weiterer User findet: «Ich finde es völlig daneben, dass er als Prüfer solche Sachen veröffentlicht.» Von verschiedenen Personen wird gefordert, dass das Uni-Dekanat das Prüfungsmandat Aguzzis streicht – nicht zuletzt, da es sich offenbar nicht um den ersten negativen Kommentar gegen seine Studierenden handelt.

Als Aguzzi im Dezember 2019 etwa erstmals Vorlesungen vor ETH-Medizinstudenten hielt, schrieb er: «Als UZH-Professor schmerzt es mich zu sagen, dass die ETH-Med-Studenten 1000-mal interessierter, interaktiver, aufmerksamer und sachkundiger waren als ihre Kollegen an der UZH.» Der Tweet ist längst gelöscht, im Internetarchiv jedoch noch abrufbar.

«Mit Twitter habe ich nur Ärger»

Auch die Tweets von Donnerstag hat Aguzzi mittlerweile gelöscht. Auf der Plattform hat er sich zudem entschuldigt. «Es tut mir leid, dass mein kläglicher Humor-Versuch so schlecht angekommen ist», sagt er auf Anfrage von 20 Minuten. Er habe wirklich nur einen Witz machen wollen. «Von ‹shaming› kann nur die Rede sein, wenn jemand öffentlich blossgestellt wird, was ich natürlich nicht getan habe.» Im Gegenteil – er habe viele Bestnoten vergeben, und sogar einem Studierenden gleich nach der Prüfung eine Stelle angeboten, weil er von seinem Wissen beeindruckt gewesen war, so Aguzzi.

In seinen 30 Jahren als Prüfer hätten zahlreiche seiner Prüflinge tolle Karrieren gemacht, betont der Mediziner. «Meine Prüfungen waren nie unfair. Es ist aber normal, dass sich Studierende über ihre Professoren aufregen, wenn sie durch die Prüfung rasseln.» Gleichzeitig sei es auch seine Aufgabe, jenen Personen mit ungenügenden Kenntnissen nicht einfach einen Freipass auszustellen. Er sehe jedoch ein, dass seine Tweets missverständlich interpretiert werden konnten. «Mit Twitter habe ich nur Ärger», so Aguzzi. «Vielleicht lasse ich bald ganz die Finger davon.»

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