08.06.2020 21:39

#MeTooMännermodels werfen Zürcher Agent sexuelle Belästigung vor

Mehrere junge Männer bezichtigen den Inhaber einer Modelagentur der sexuellen Übergriffe, darunter der Ex-Bachelorette-Sieger Kenny. In einem Fall ermittelt die Staatsanwaltschaft.

von
Qendresa Llugiqi, Daniel Graf, Schimun Krausz, Christina Duss
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Ein Insta-Kanal macht die Vorwürfe publik. Seither melden sich immer mehr männliche Models zu Wort.

Ein Insta-Kanal macht die Vorwürfe publik. Seither melden sich immer mehr männliche Models zu Wort.

Instagram 
Der Account veröffentlicht die Erfahrungsberichte mutmasslicher Opfer sowie Chatverläufe, die der Inhaber einer bekannten Zürcher Modelagentur mit ihnen geführt haben soll.

Der Account veröffentlicht die Erfahrungsberichte mutmasslicher Opfer sowie Chatverläufe, die der Inhaber einer bekannten Zürcher Modelagentur mit ihnen geführt haben soll.

Vorwürfe erhebt auch ein prominenter Name. So sagt Kenny Leemann, der Ex der ehemaligen Bachelorette Andrina Santoro, dass D. L. ihn als Minderjährigen – kurz vor seinem 18. Geburtstag – sexuell belästigt habe.

Vorwürfe erhebt auch ein prominenter Name. So sagt Kenny Leemann, der Ex der ehemaligen Bachelorette Andrina Santoro, dass D. L. ihn als Minderjährigen – kurz vor seinem 18. Geburtstag – sexuell belästigt habe.

Instagram

Darum gehts

  • Männermodels packen aus: Sie berichten von sexuellen Belästigungen durch den Inhaber einer bekannten Modelagentur.
  • Chatverläufe zeigen, wie er junge Männer auffordert, ihnen Nacktfotos zu schicken, um dem Traum von einer Karriere auf dem Laufsteg näherzukommen.
  • Starfotograf Walter Pfeiffer sagt: «Nacktfotos zu verlangen ist unseriös und extrem unprofessionell.»

MeToo im Männermodel-Business: Gemäss einem Insta-Kanal soll der Modelagentur-Inhaber D.L.* (33) über Jahre hinweg männliche Models sexuell belästigt haben. Der Account veröffentlicht die Erfahrungsberichte mutmasslicher Opfer sowie Chatverläufe, die der Inhaber einer bekannten Zürcher Modelagentur mit ihnen geführt haben soll. 20 Minuten hat mit gegen einem Dutzend junger Männer gesprochen, die sagen, sie seien belästigt worden.

Viele der Geschichten ähneln sich: L. nahm in den sozialen Medien Kontakt mit den jungen Männern auf, forderte sie auf, Nacktbilder zu schicken, um dem grossen Traum von einer Modelkarriere näherzukommen. Dann versprach er ein Shooting, bei dem es in mehreren Fällen zu Übergriffen gekommen sein soll.

Fall kam auf Instagram ins Rollen

Der Bericht eines jungen Mannes ist nur einer von zahlreichen Beiträgen auf Instagram: «Ich ging zweimal in sein Büro. Einmal wollte er Bilder im Lift machen. Dort zog er meine Shorts runter, berührte und küsste mich. Auch als ich ihm sagte, dass er aufhören soll. Und dann sagte er, ich soll ihm einen blasen, weil ich sonst nie Model werden würde.»

Schlüpfrige Konversationen

Chatverläufe, die 20 Minuten vorliegen, zeigen, dass L. auch schlüpfrige Konversationen mit den jungen Männern geführt hat. Laut Screenshots schrieb er etwa folgende Zeilen. «Offen für suck Saturday and fuck also? Wichtig zu wissen. Du weisst, wo ich dich hingebracht habe, oder?» und «Call me, but only nude (Ruf mich an, aber nur nackt)» oder «Zeig jetzt, oder ich nehme jemand anderes. Show you are hot and horny and not shy. Show me your want or bye bye (Zeig mir, dass du heiss und geil bist und nicht schüchtern. Zeig mir, dass du willst, sonst Tschau)».

Der Initiator der Insta-Seite sagt zu 20 Minuten: «Er hat mich letztes Jahr ebenfalls sexuell belästigt. Es hat ein ganzes Jahr gedauert, damit klarzukommen. Und er kommt weiterhin durch damit. Ich habe den Account erstellt, um ihn blosszustellen.» Er besitze rund 200 Nachrichten von verschiedenen Jungs, die aufzeigen würden, dass sich L. fehlverhalten habe. «Manche sind minderjährig», sagt der Ersteller, der anonym bleiben möchte, weil er Konsequenzen befürchtet: «Ich bin Model und habe Angst um meine Karriere.»

Kenny Leemann: «Er betatschte mich»

Vorwürfe erhebt auch ein prominenter Name. So sagt Kenny Leemann, der Ex der ehemaligen Bachelorette Andrina Santoro, dass D. L. ihn als Minderjährigen – kurz vor seinem 18. Geburtstag – sexuell belästigt habe: «Während eines Fotoshootings verschwand er mit mir in eine Putzkammer. Dort betatschte er mich. Ich wusste nicht, was ich machen soll.» Nach dem Vorfall habe er sich nicht mehr bei L. gemeldet.

«Vor zwei Jahren meldete er sich aber wieder und meinte, es tue ihm leid und er werde sich normal benehmen.» Kenny entschied sich, L. eine zweite Chance zu geben und traf ihn in seinem Büro: «Er erwähnte eine anstehende Milano-Fashion-Week und meinte dann: ‹Wenn ich dich an die Fashion-Week mitnehmen soll, dann musst du auch mal mit einem Designer/Typen ins Bett.› Und dann sagte ich gleich Nein und bin dann auch gegangen.»

Über L. sagt Kenny: «Ich denke, dass er die jungen Männer zu manipulieren versucht und auf solche hofft, die sich quasi opfern.» Die Art von L. habe ihn abgeschreckt: «Weil er meinte, es sei so in diesem Business, dachte ich mir: ‹Ja, gut, dann ist dieses Business wohl nichts für mich›.»

Mit Walter Pfeiffer gelockt

Der Schweizer Fotograf Walter Pfeiffer.

Der Schweizer Fotograf Walter Pfeiffer.

In einem Screenshot ist zu sehen, dass D. L. jemanden damit unter Druck setzt, dass dieser nach dem Sex mit ihm den bekannten Schweizer Fotografen Walter Pfeiffer kennenlernen würde. In einem anderen Fall verspricht er einem Model, dass er es mit Walter Pfeiffer zusammenbringe, wenn es Nacktbilder schicke. Davon liegt eine Sprachnachricht vor.

20 Minuten hat Pfeiffer damit konfrontiert. Dieser sagt, er arbeite fast nie mit Agenturen, meistens komme er via Freunde zu seinen Models. Pfeiffer sagt, er habe ein paar Mal Models via die Zürcher Modelagentur gebucht. Die Buchungen seien nicht persönlich, sondern via Pfeiffers Agentur in New York passiert. «Nach der ersten Buchung ging das Model recht durch die Decke, wurde sogar für Versace gebucht.» Da habe D. L. Blut geleckt und sich immer wieder persönlich bei Pfeiffer mit Model-Empfehlungen gemeldet.

Dass L. von seinen Models Nacktfotos verlangte, davon habe er nichts gewusst, sagt Pfeiffer. Das Vorgehen von L. verurteilt er. «Nacktfotos zu verlangen ist unseriös und extrem unprofessionell.» Pfeiffer erachtet das Vorgehen als Vorwand. Er verlange nie Nacktfotos.

Geschlechtsteile angefasst?

Auch der Zuger Thomas Kolm (22) erzählt seine Geschichte gegenüber 20 Minuten: «Ich war 17 Jahre alt, als mich D. vor gut vier Jahren in sein Studio eingeladen hat. Ich sollte mich ausziehen und er begann mich zu vermessen. Dabei fasste er mich mehrmals an, so etwa an der Brust. Bereits da hatte ich ein schlechtes Gefühl, aber ich machte weiter.» Darauf sei ein Probeshooting gefolgt: «Während er Bilder gemacht hat, hat er sich immer wieder selbst angefasst. Dann meinte er, er wolle mehr Gefühl sehen, kam zu mir und berührte mich an einer intimen Stelle, drückte mich an die Wand und versuchte, mich zu küssen.»

Er habe den Kontakt zu L. abgebrochen, doch vor einem Jahr habe sich dieser wieder bei Kolm gemeldet. «Er meinte, er wolle sich mit mir aussprechen. Also trafen wir uns in einem Café. Irgendwie glaubte ich ihm. Er lud mich auch zu einer Rooftop-Party am Abend ein. Die sollte gut für mich sein, um neue Leute zu treffen, die mich dann als Model und auch als Maler weiterbringen würden. Er nutzte die Gelegenheit aber wieder aus: Auf der Party nahm er meine Hände und hielt sie an sein Geschlecht. Danach war endgültig aus für mich.»

Zur Polizei ist Kolm nicht gegangen: «Ich konnte es irgendwie niemandem erzählen, auch dachte ich, dass ich der einzige bin. Dass es jetzt eine solche Aktion gibt, finde ich wichtig. Es gibt viele junge Leute mit einem Traum, die sich auf ihn verlassen haben. Ausserdem hört man sonst, dass nur Frauen Opfer werden, dabei ist es ein Problem, dass auch Männer betrifft.»

L. bestreitet die Vorwürfe

Der Modelagent hat einen Anwalt eingeschaltet. Dieser lässt ausrichten, dass für L. die Unschuldsvermutung gilt und die Vorwürfe bestritten werden. Derzeit ermittelt die Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich nach einer Anzeige wegen sexueller Nötigung und sexueller Belästigung gegen L. Sprecher Erich Wenzinger: «Bis zu einer rechtskräftigen Beurteilung des Vorgefallenen gilt die Unschuldsvermutung.» Bei der Kantonspolizei Zürich heisst es, mutmassliche Opfer von Sexualstraftaten würden gebeten, sich direkt bei der Polizei zu melden.

Kurz vor Mitternacht verabschiedete sich der Ersteller des Insta-Kanals. «Hey Leute, ich habe getan, was ich kann. Werde in zehn Minuten gelöscht sein.»

Der Insta-Kanal existierte rund 24 Stunden – bevor er Montagabend vom Ersteller gelöscht wurde.

Der Insta-Kanal existierte rund 24 Stunden – bevor er Montagabend vom Ersteller gelöscht wurde.

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