16.11.2020 18:31

Das musst du jetzt wissen «Bis im Sommer können wir die USA und Europa komplett impfen»

Moderna ist nach Biontech der zweite Impfstoffhersteller, der auf ein hochwirksames Vakzin gegen das Coronavirus hoffen lässt. Die Schweiz hat bereits 4,5 Millionen Impfdosen vorbestellt. Das sind die wichtigsten Fakten.

von
Fee Anabelle Riebeling
Pascal Michel

Kurz erklärt: Der Modern-Impfstoff kommt laut einer Studie auf eine Wirksamkeit von 94,5 Prozent.

Darum gehts

  • Die US-Firma Moderna hat bekanntgegeben, dass ihr Corona-Impfstoff eine Wirksamkeit von 94,5 Prozent hat.

  • BAG und die Eidgenössischen Kommission für Impffragen (EKIF) werden die Resultate nun im Detail prüfen. Das Zulassungsverfahren läuft bereits.

  • Wenn alles glattgeht, könnte im März 2021 mit dem Impfen begonnen werden.

  • Doch es gibt auch ein Aber.

Die Wirksamkeit liegt laut Moderna bei 94,5 Prozent – wie gut ist das?

Noch handelt es sich dabei um ein Zwischenergebnis. Die endgültigen Resultate der Studie liegen noch nicht vor. Doch viele Experten sehen die Ankündigung bereits als sehr positiv. Sollte sich die hohe Wirksamkeit aber bestätigten, wäre das laut Anthony Fauci, Direktor des amerikanischen National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID), hervorragend: «Besser wird es nicht.» Er selbst, so zitiert ihn die «New York Times» habe mit einer Wirksamkeit von 75 Prozent gerechnet. Auch das wäre sehr gut. Denn viele routinemässig eingesetzte Impfstoffe erreichen keine so hohen Werte. Diejenigen gegen Grippe erreichen im Schnitt 60 Prozent.

Der Bundesrat hat bereits 4,5 Millionen Moderna-Impfdosen reserviert. Wird die Bestellung nun erweitert?

«Wir freuen uns über diese ersten und vielversprechenden Resultate von Moderna», sagt Masha Foursova, Sprecherin des Bundesamts für Gesundheit zu 20 Minuten. In Zusammenarbeit mit der Eidgenössischen Kommission für Impffragen (EKIF) würden die Resultate im Detail geprüft.

Ob der Bund die Bestellung nun aufstockt, ist offen. Weder Swissmedic noch BAG wollen sich dazu konkret äussern. Foursova betont aber, dass der Bund nach wie vor auf eine «diversifizierte Strategie» mit mehreren Impfstoffen verschiedener Technologien (siehe Box) setze, «da die Sars-CoV-2-Impfstoffentwicklung- und Verfügbarkeit viele Unsicherheiten birgt».

Tatsächlich könnten gerade beim Moderna-Vakzin die USA Ansprüche anmelden. Dort hat Moderna seinen Hauptsitz und ist Teil der im Frühjahr 2020 von US-Präsident Donald Trump ins Leben gerufenen «Operation Warp Speed», die bis Ende des Jahres einen Impfstoff gegen das Coronavirus hervorbringen soll. Entsprechend gefördert wurde das Unternehmen in den letzten Monaten.

Drei Gruppen Impfstoffe

Impfstoffe aus Vireneiweiss: Einige Forscherteams arbeiten an einem Impfstoff aus Vireneiweiss, bei dem das Protein – und nicht das ganze Virus – die Immunantwort auslöst. Nach einem solchen Prinzip funktionieren etwa die Tetanus-, die Hepatitis-B- oder die Grippeimpfung.

Impfstoffe mit Virus-Transport: Eine zweite Gruppe forscht zu Impfstoffen mit sogenannten Vektorviren. Das heisst: Sie pflanzen in das Erbgut harmloser Viren wie dem etablierten Impfvirus Vaccinia das Gen für das Spike-Protein von Sars-CoV-2 ein. Sie verkleiden es gewissermassen. Wird dieses dann als Impfstoff injiziert, reagiert das Immunsystem so, als ob es sich um das echte Coronavirus handeln würde, und bildet Antikörper dagegen.

Impfstoffe aus Erbsubstanz: Dabei soll eine genetische Bauanleitung für das Spike-Protein des neuartigen Coronavirus gespritzt werden, wodurch das Immunsystem für eine begrenzte Zeit dazu gebracht werden soll, das Virusmolekül selbst zu erstellen, sodass Antikörper gegen Sars-CoV-2 aufgebaut werden. Einer der Vorteile dieses Ansatzes, den sowohl Biontech als auch Moderna gewählt haben: Die mRNA-Impfstoffe können im Gegensatz zu klassischen Impfstoffen (mit langwieriger Virenanzucht) schnell und kostengünstig in grossen Mengen produziert werden.

In den USA könnte es zu einer Notfallzulassung kommen – ist das auch in der Schweiz möglich?

Auch das ist noch unklar. Laut Swissmedic-Sprecher Lukas Jaggi kann «ein Entscheid über eine Zulassung erst dann getroffen werden, wenn aus Phase-III-Studien (siehe Box) genügend aussagekräftige Daten zur Beurteilung von Nutzen und Risiken verfügbar sind.» Wann das der Fall sei, sei schwierig abzuschätzen.

Doch selbst wenn es zu einer Notfallzulassung kommen sollte und die Bestellung der Schweiz aufgestockt werden sollte: Die Herstellung der Impfdosen stellt auch für Moderna eine grosse Herausforderung dar. Zwar hat das Unternehmen bereits im Juli mit der Produktion des Impfstoffs begonnen und bis Ende 2021 mindestens 520 Millionen Dosen in Aussicht gestellt, «aber die Herstellung wird für alle (Unternehmen; Anmerkung der Redaktion) ein dauerhaftes Problem sein», zitiert der «Spiegel» Moderna-Chef Stéphane Bancel. Selbst wenn alles klappe – die Zulassungen, die Herstellung, die Lieferung der Rohmaterialen – werde es auf absehbare Zeit zu wenig Impfstoff geben.

4,5 Millionen Dosen sind uns sicher. Ab wann ist frühestens mit mRNA-1273 in der Schweiz zu rechnen?

Während sich Swissmedic bedeckt hält, zeigt sich Modernas Europa-Chef Dan Staner konkreter. Wie er im Gespräch mit CH Media sagt, geht er davon aus, «dass die ersten ihrer Impfstoffe im ersten Quartal des nächsten Jahres in die Schweiz geliefert werden.» Vorausgesetzt mRNA-1273 erhalte die Zulassung für die Schweiz. Gegenüber der Tagesschau von RTS sagte Modernas Generaldirektor Stéphane Bancel, die Impfung sei zuerst für Risikopersonen vorgesehen. Doch bis zum Sommer soll es möglich sein, die gesamte Bevölkerung der Schweiz, Europas und der USA zu impfen. Bancel weiter: «Bis zum Sommer können wir in der Schweiz mit einer Rückkehr zur Normalität rechnen.»

Wenn alles gut geht, kann im März 2021 mit dem Impfen losgelegt werden, sagt Modernas Europachef Dan Staner.

Wenn alles gut geht, kann im März 2021 mit dem Impfen losgelegt werden, sagt Modernas Europachef Dan Staner.

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Phasen der Impfstoffentwicklung

Bevor ein Impfstoff zugelassen wird, durchläuft er – nach ersten Prüfungen im Labor und an Tiermodellen – drei klinische Testphasen:

In Phase I erhält eine kleine Anzahl gesunder Freiwilliger das Mittel. An ihnen wird untersucht, ob das Immunsystem reagiert und welche Nebenwirkungen auftreten. Auch Dosierungen können getestet werden.

In Phase II werden Impfungen auch an vorerkrankten Menschen erprobt. Zudem wird geprüft, ob das Medikament die Krankheit sicher verhindern kann. Mitunter werden Phase I und II kombiniert, um Zeit zu sparen.

Ob ein Mittel tatsächlich zugelassen wird, darüber bestimmt das Ergebnis aus den Phase-III-Studien. In diesen bekommen Zehntausende Freiwillige den Impfstoff verabreicht, um seine Wirkung und Sicherheit zu bestätigen.

Apropos Zulassung: Wie läuft die Prüfung ab?

Wie die beiden anderen Impfstoffkandidaten von Biontech und AstraZeneca, deren Zulassung für die Schweiz ebenfalls derzeit von Swissmedic geprüft wird, durchläuft auch Modernas Präparat eine sogenannt rollende Überprüfung (Rolling-Review-Verfahren), wodurch die Zulassung beschleunigt werden soll. Dabei werden fortlaufend Daten aus der klinischen Prüfung eingereicht und bewertet und nicht wie normalerweise erst nach Ende der Studie. «Damit bleibt einerseits eine Ungewissheit der so nachgewiesenen Schutzwirkung und andererseits das Risiko von nicht ausreichend bekannten Nebenwirkungen», teilt Swissmedic mit. Dies gelte es sorgfältig abzuwägen und zu berücksichtigen, damit die aktuell für die Bekämpfung von Covid-19 anvisierten stark beschleunigten Entwicklungs- und Zulassungszeiten für Arzneimittel nicht zu grösseren Sicherheitsrisiken führen. So besteht etwa die Möglichkeit einer «sehr limitierten Zulassung», beispielsweise, dass bestimmte Altersgruppen oder Vorerkrankte ausgeschlossen werden.

Sollte sich Modernas Kandidat durchsetzen, wäre es der erste mRNA-Impfstoff auf dem Markt. Spielt das beim Zulassungsverfahren eine besondere Rolle?

Nein, heisst es von Seiten des Schweizerischen Heilmittelinstituts Swissmedic, das für die Zulassung von Arzneimitteln zuständig ist. «Grundsätzlich gelten für Impfstoffe die gleichen hohen Zulassungsanforderungen wie für alle anderen Arzneimittel», so Sprecher Lukas Jaggi auf Nachfrage. Die Beurteilung der wissenschaftlichen Daten treffe Swissmedic auch während der Pandemie trotz der hohen Dringlichkeit gemäss den üblichen Standards. «Die Arzneimittelsicherheit und die Sicherheit der Empfängerinnen und Empfänger haben höchste Priorität.»

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Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Tel. 147

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