Aktualisiert 28.11.2013 08:24

Zu bequem

Moderne Eltern lesen Kindern seltener vor

Tablets und TV statt Märlibücher: Eltern vernachlässigen das Vorlesen. Das kann sich negativ auf die Noten auswirken. Experten fordern von den Eltern mehr Einsatz.

von
Christoph Bernet
In vielen Familien wird den Kindern nicht mehr vorgelesen - darunter kann auch die schulische Leistung leiden. (Bild Colourbox)

In vielen Familien wird den Kindern nicht mehr vorgelesen - darunter kann auch die schulische Leistung leiden. (Bild Colourbox)

Eltern lesen ihren Kindern zu wenig vor. In fast jeder dritten Familie mit Kindern im Alter von zwei bis acht Jahren wird den Kindern gar nicht oder selten vorgelesen, zeigt eine deutsche Studie der Stiftung Lesen.

Auch Beat Zemp, Präsident des Schweizerischen Lehrerverbands, stellt fest, dass das Vorlesen zunehmend vergessen geht: «Früher hat man zu Hause auf Märchen- und Kinderbücher gesetzt.» Heute würden Kinder von ihren Eltern vermehrt mit Tablets oder anderer Unterhaltungselektronik beschäftigt.

Annette Cina vom Institut für Familienforschung der Universität Freiburg pflichtet bei: «Die dauernde Verfügbarkeit von neuen Medien führt dazu, dass das klassische Vorlesen mehr Konkurrenz bekommen hat.» Wenn man Kinder mit Tablets, Hörbüchern oder Fernsehen beschäftigt, hätten die Eltern weniger Aufwand als beim Vorlesen. «Viele Eltern stehen heute unter Zeitdruck und sie nehmen sich oft weniger Zeit, um ihren Kindern etwas vorzulesen», stellt Cina fest.

Schlechtere Lesefähigkeit

Das bleibt nicht ohne Folgen. «Die Pisa-Studien haben gezeigt, dass Schweizer Schüler Probleme mit der Lesefähigkeit haben», sagt Zemp. Kindern, denen vorgelesen werde, hätten bessere kognitiven Leistungen: «Lesen die Eltern den Kindern vor, verspüren sie Zuwendung. Und wenn die Kinder Zuwendung spüren, lernen sie besser», sagt Zemp. Ausserdem übertrage sich die Leidenschaft der Eltern für Bücher beim Vorlesen auch auf die Kinder.

Zwar unternehme man viel, um die Lesekompetenz bei den Kindern zu stärken. Aber die Bemühungen von Schulen, bei Kindern die Freude am Lesen zu steigern, seien unterschiedlich erfolgreich. «Bei bildungsfernen Schichten ist es schwierig», sagt Zemp. Es sei häufig zu spät, wenn man an einem Elternabend in der Schule den Ratschlag erteile, den Kindern zu Hause etwas vorzulesen. Die Förderung müsse bereits im Vorschulalter einsetzen, beispielsweise mit einer Sprachstandabklärung.

Das Grosi liest nicht mehr vor

Auch der Walliser SVP-Nationalrat Oskar Freysinger, der seit 27 Jahren zuerst als Lehrer und seit Kurzem als Walliser Bildungsdirektor im Erziehungsbereich tätig ist, stellt bei Schülern zunehmend schlechtere Lese- und Schreibfähigkeiten fest: «Das Niveau ist ganz klar gesunken».

Für ihn hat die schwindende Bereitschaft vieler Eltern, ihren Kindern vorzulesen, zu dieser Entwicklung beigetragen. Das hat für Freysinger gesellschaftliche Gründe: «Mit den veränderten Familienstrukturen hat die Zuwendung zu unseren Kindern abgenommen.» Die häufigere Vollzeitarbeit beider Elternteile und das weniger enge Verhältnis zu den Grosseltern hätten dazu geführt, dass in immer weniger Familien vorgelesen werde. «Heute werden die Kinder quasi mit einer Fernbedienung in der Hand geboren», bedauert Freysinger.

Vorlesen trotz vollem Terminkalender

Denise Bisang von Pro Juventute stellt in den Beratungen fest, dass «vielen Eltern nicht bewusst ist, wie wichtig das Vorlesen ist». Dabei sei die Sprache doch der Schlüssel zur Bildung und beim Vorlesen bilde sich bei den Kindern das Ausdrucksvermögen heraus und sie erweiterten ihre kommunikativen Fähigkeiten. Das Vorlesen sei ein wichtiges Ritual und ein schöner Moment, nicht nur im Bezug auf die Bildung der Kinder, «sondern auch fürs Familienleben». Bisang sagt: «Die Eltern sind gefordert, sich trotz voller Terminkalender Zeit zum Vorlesen zu nehmen.»

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