Long-Covid – Forschende entdecken mögliche Ursache in veränderten Blutkörperchen

Publiziert

Veränderte BlutkörperchenMögliche Ursache für Long Covid entdeckt

Die Folgen einer Corona-Infektion können sich über Monate hinziehen. Nun haben Forscher im Blut eine mögliche Ursache für das sogenannte Long Covid entdeckt.

Aline (27) erzählt, was Long Covid wirklich bedeutet.

H. Müller/A. Zingg

Darum gehts

  • Die Ursachen von Long Covid sind noch ungenügend erforscht.

  • Forschende in Deutschland haben nun eine mögliche Ursache gefunden.

  • Sie untersuchten die Blutzellen von Erkrankten.

  • Dabei stellten sie Veränderungen bei den Blutkörperchen fest, die die Sauerstoff- und Nährstoffversorgung des Gewebes beeinträchtigen.

Rund ein Viertel der Corona-Infizierten leiden auch nach einem halben Jahr noch an Kopfschmerzen, Muskelschwäche, Müdigkeit, Atemnot und sogar Depressionen. Diese Long Covid genannten Langzeitfolgen können auch Patienten und Patientinnen treffen, deren Covid-Erkrankung lediglich einen milden Verlauf genommen hatte (siehe Box). Die Ursachen für die Spätfolgen sind dabei noch weitgehend unklar.

Nun hat ein Forschungsteam des Max-Planck-Zentrums für Physik und Medizin in Erlangen (MPL), der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) sowie des Deutschen Zentrums für Immuntherapie, unter Anwendung eines selbst entwickelten Verfahrens, neue Erkenntnisse gewonnen. Die Forschenden fanden heraus, dass Grösse und Steifigkeit der roten und weissen Blutkörperchen durch die Infektion mit dem Virus verändert wurden – und das über Monate hinweg, wie sie im Fachblatt «Biophysical Journal» berichten. «Diese Ergebnisse können dabei helfen, zu erklären, warum manche Betroffene noch lange nach einer Infektion über Beschwerden klagen», schreiben sie in einer Mitteilung.

Klar sei, dass im Zuge einer Erkrankung oft die Blutzirkulation beeinträchtigt ist, es zu gefährlichen Gefässverschlüssen kommen könne und der Sauerstofftransport im Blut nur eingeschränkt funktioniere, schreibt das Team. Alles Phänomene, bei denen die Blutzellen und ihre physikalischen Eigenschaften eine Schlüsselrolle spielten.

Vier Millionen Blutzellen untersucht

Die Forschenden untersuchten deshalb den Zustand von mehr als vier Millionen Blutzellen. Das untersuchte Blut stammte von 17 akut an Covid-19 erkrankten Patientinnen und Patienten, von 14 Genesenen und 24 Gesunden als Vergleichsgruppe. «Dabei haben wir deutliche und langanhaltende Veränderungen der Zellen messen können – während einer akuten Infektion und auch noch danach», sagt Jochen Guck, Direktor am Max-Planck-Institut für die Physik des Lichts, in der Mitteilung.

Forschende aus Deutschland untersuchten das Blut von 55 Studienteilnehmenden.

Forschende aus Deutschland untersuchten das Blut von 55 Studienteilnehmenden.

MPI für die Physik des Lichts

Sauerstoffversorgung beeinträchtig

Bei den Erkrankten schwankten Grösse und Verformbarkeit der roten Blutkörperchen wesentlich stärker als bei gesunden Personen, was auf eine Schädigung dieser Zellen hindeutet. Die fehlende Flexibilität der roten Blutkörperchen könnte das erhöhte Risiko von Gefässverschlüssen und Embolien der Lunge erklären, so die Forschenden.

Rote Blutkörperchen haben keinen Zellkern, was sie normalerweise äusserst flexibel macht, um auch noch in die hintersten Endausläufer des Gefässsystems zu gelangen, wo sie das Gewebe mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgen und Stoffwechselreste abtransportieren. Ist die Sauerstoffversorgung des Gewebes beeinträchtigt, sind Atemnot, Müdigkeit und Konzentrationsstörungen die Folge – alles Symptome von Long Covid.

«Zellskelett verändert»

Weisse Blutkörperchen aus der Gruppe der Lymphozyten waren dagegen bei Corona-Patientinnen und -Patienten deutlich weicher als bei Gesunden, was auf eine starke Immunreaktion hinweisen kann. Zudem stellten die Forscher bei einer weiteren für die angeborene Immunabwehr verantwortlichen Gruppe weisser Blutkörperchen auch sieben Monate nach einer akuten Infektion noch drastische Veränderungen fest.

«Wir vermuten, dass sich das Zellskelett der Immunzellen, welches massgeblich für die Zellfunktion verantwortlich ist, verändert hat», erklärt Markéta Kubánková, Erstautorin der Studie.

Long Covid

Die Langzeitfolgen nach überstandener Corona-Erkrankung nennen Experten Long Covid. Betroffene klagen unter anderem über Kopfschmerzen, Muskelschwäche, Müdigkeit, Atemnot und sogar Depressionen. Häufig treten solche Beschwerden nach einem schweren Verlauf einer Corona-Erkrankung auf. Aber auch bei Menschen mit leichten Krankheitssymptomen können plötzlich schwere neurologische Ausfälle, Herzprobleme, chronische Erschöpfung auftreten. Eine Schweizer Studie zeigte, dass 25 Prozent der genesenen Teilnehmenden an Long-Covid-Symptomen leiden. Unter den Betroffenen erleiden gemäss dem Studienleiter Milo Puhan zwei bis drei Prozent der Post-Covid Patienten «gravierende medizinische Langzeitprobleme».

Hast auch du mit Long Covid zu kämpfen? Der Verein Long Covid Schweiz sowie das Altea-Netzwerk sind Anlaufstellen, wo Betroffene Hilfe finden und sich austauschen können.

Schnelles Verfahren

Um die Blutzellen zu analysieren, nutzten die Forschenden ein selbst entwickeltes Verfahren namens Echtzeit-Verformungszytometrie, das vor Kurzem mit dem hoch dotierten Medical Valley Award ausgezeichnet wurde. Dabei werden Blutzellen durch einen engen Kanal geschossen und gestreckt, wobei sie von einer Hochgeschwindigkeitskamera fotografiert werden. Eine spezielle Software ermittelt anschliessend, um welche Zelltypen es sich handelt, wie groß und wie stark verformt sie sind. Bis zu 1000 Blutkörperchen lassen sich so laut Mitteilung pro Sekunde analysieren. Vorteil des Verfahrens: Es ist schnell und die Zellen müssen nicht aufwendig angefärbt werden.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

My 20 Minuten

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

Deine Meinung

64 Kommentare