Flüchtiger Ausbrecher: Mörder erhielt «humanitären Ausgang»
Aktualisiert

Flüchtiger AusbrecherMörder erhielt «humanitären Ausgang»

Er vergewaltigte, er tötete. Trotzdem genehmigte die Gefängnisleitung dem Ausbrecher von Georgier NE einen Ausflug. Nun ist er auf der Flucht - gejagt von dutzenden Polizisten.

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A. Müller / L.Hanselmann

Nun scheint klar, weshalb sich der flüchtige Mörder und Vergewaltiger mit zwei Gefängniswärtern ohne Handschellen in der Region Provence VD aufgehalten hat. «Die Gefängnisleitung hat dem Flüchtigen einen begleiteten Ausgang genehmigt, ohne dass wir informiert worden sind», sagt Christian Margot, Vorsteher Abteilung Straf- und Massnahmenvollzug des zuständigen Kantons Bern, zu 20 Minuten Online.

Aus humanitären Gründen sei es möglich, Verwahrten einen bis zu fünfstündigen «Ausflug» zu erlauben - ohne dass der Vollzugskanton etwas davon erfahre. Die Verantwortlichen könnten dabei selbst entscheiden, von wem sie den Straftäter während des Ausflugs überwachen lassen. Der flüchtige Mörder und Vergewaltiger werde seit 41 Jahren verwahrt, ohne dass er durch eine Therapie irgendwelche Fortschritte gemacht habe. «Wir hatten nicht im Sinn, ihm mehr Freiheiten zu lassen», so Margot. Die Gefängnisleitung wollte auf Anfrage keinen Kommentar abgeben und verwies an die Neuenburger Behörden. Diese wiegeln ebenfalls ab und haben für Mittwoch eine Pressekonferenz angekündigt.

Das Vorgehen der Neuenburger Behörden sorgt für Verwirrung: «Normalerweise dürften verwahrte Mörder oder Vergewaltiger die Anstalt nur für Beerdigungen von Familienangehörigen oder Spitalbesuche verlassen», sagt ein Insider aus Berner Justizkreisen zu 20 Minuten Online. In solchen Fällen würden sie oftmals von bewaffneten Polizisten begleitet und während des Transports Fussfesseln tragen. «Mit gemeingefährlichen Verwahrten werden aber normalerweise nicht einfach irgendwelche Ausflüge gemacht, schon gar nicht ungefesselt», so der Experte.

Fahndung mit schusssicheren Westen

Die Fahndung nach dem Flüchtigen läuft derweil weiter auf Hochtouren: Polizisten patrouillieren in der Gegend mit schusssicheren Westen, verteilen Flugblätter an die Bevölkerung und erstellen Strassensperren: «Wir haben alle Hebel in Bewegung gesetzt, um den gefährlichen Ausbrecher zu finden», so eine Sprecherin der Waadtländer Polizei zu 20 Minuten Online. Das unübersichtliche Gelände im Jura mit Rebbergen, Wäldern und Dörfern macht die Suche schwierig - bislang fehlt eine heisse Spur.

Peter Zimmermann*, wer hat hier versagt?

Wahrscheinlich alle: Das Gefängnis, die Therapeuten und die Berner Justiz. Dass jemand mit einer solchen Vergangenheit wie Jean-Louis B. ohne scharfe Bewachung und Fesseln in den Ausgang darf, ist ein Skandal.

Aber Sie sind doch dafür, dass Gefangene Ausgang erhalten.

Ja. Aber nicht ein klassischer, verwahrter Triebtäter wie B. Der wusste doch, dass er nie mehr freikommt und plante deshalb die Flucht lange voraus. Vermutlich gab er sich so lange als Mustergefangener aus und narrte alle, bis er Ausgang bekam. Dass er vor allem geflüchtet ist, um wieder zu vergewaltigen, ist wegen seiner Vorgeschichte äusserst wahrscheinlich.

Welche Folgen hat eine solche Riesenpanne?

Es müssen sicher Köpfe rollen. Reform 91 lanciert eine Petition an den Berner Grossrat. Wir wollen, dass eine Untersuchungskommission klärt, wie es zu diesem Justiz-Skandal kommen konnte und dass die Verantwortlichen zurücktreten. Wir akzeptieren nicht, dass es wegen der Schlamperei nun für alle Gefangenen schwieriger wird, Ausgang zu erhalten. hal

*Peter Zimmermann ist Ex-Häftling und Leiter der Selbsthilfegruppe für Strafgefangene Reform 91

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