Neue Enthüllungen: Mörder von Malcolm X auf freiem Fuss?
Aktualisiert

Neue EnthüllungenMörder von Malcolm X auf freiem Fuss?

Eine neue Biografie über Malcolm X birgt Brisantes. Das FBI wusste vom Mordkomplott gegen den Schwarzenführer. Der Haupttäter lebt unbehelligt bei New York.

von
Simone Kubli

Malcolm X, einer der prominentesten Schwarzenführer während der «Black Power»-Bewegung in den USA, ehemaliges Mitglied und Aushängeschild der radikalen «Nation of Islam», wurde im Februar 1965 während einer Rede in Harlem erschossen. Für die bis heute nicht vollständig geklärte Tat mussten drei Männer büssen. Diese sassen Jahrzehnte im Gefängnis. Der letzte, Thomas Hagan alias Talmadge Hayer, wurde vor knapp einem Jahr freigelassen. Hagan hatte als Einziger das Verbrechen zugegeben. Die beiden anderen mutmasslichen Attentäter, Thomas Johnson (Khalil Islam) und Norman 3X Butler sind seit den 80er-Jahren wieder frei (Johnson ist im August 2009 gestorben, wie BlackStarNews mitgeteilt hat). Sie beteuerten bis zuletzt ihre Unschuld. Auch Hagan selber schwörte, dass er mit drei anderen Komplizen (Leon David, Benjamin Thomas and William Bradley alias Al-Mustafa Shabazz) den Mord verübt hatte. Johnson und Butler seien unschuldig. Die genauen Hintergründe blieben aber bis heute ungeklärt.

Mordfall «Malcolm X» neu aufgerollt

Jetzt, 46 Jahre nach der Ermordung des charismatischen schwarzen Politikers, schreibt der renommierte afroamerikanische Historiker Manning Marable in «Malcolm X: A Life of Reinvention» eine neue Theorie über das Attentat von 1965. Diese birgt kriminalistischen Zündstoff: Laut Marable soll derjenige Mann, der den ersten tödlichen Schuss auf Malcom X abgegeben hat («This was the kill shot»), unbehelligt in Newark, einem Vorort von New York, leben.

Seit der Publikation der Biografie ist dieser Mann, der 72-jährige Al-Mustafa Shabazz - bevor er zum Islam konvertierte nannte er sich William Bradley - gefragt. Reporter der New Yorker Lokalzeitung «The Star Ledger» haben Shabazz aufgestöbert und ihn mit den neuesten Enthüllungen konfrontiert. Shabazz heiratete eine prominente Bürgerrechtlerin, Carolyn Shabazz, und wurde zum Vorzeigemuslim. Seine Frau bestritt vehement, dass ihr Mann am Mordkomplott gegen Malcom X beteiligt gewesen war. «Allah ist mein Zeuge, dass mein Mann keinerlei bösartige Gefühle gegen Malcom X gehabt haben könnte», wird sie in der Zeitung zitiert. Shabazz wurde in den 1970er mit dem Mord in Verbindung gebracht. Angeklagt wurde er aber nie. Historiker glauben, er wurde von «jemandem» geschützt.

In seiner fast 600-seitigen Biografie deutet Marable ausserdem die mögliche politische Dimension des Mordkomplottes, glaubt Spiegel Online: Laut Marable wussten das FBI und das New York Police Department (NYPD) von den Attentatsplänen auf Malcolm X. Sie hätten diese aber nicht verhindert. Marable zitiert einen ehemaligen Polizisten, der am Tag des Attentats den Schwarzenführer überwacht hatte. Man habe den damals 39-Jährigen als Unruhestifter gesehen und sich nicht weiter um dessen Schutz gekümmert, sagte dieser Marable.

Zunehmende Distanz zur Nation of Islam

Das NYPD dementierte diese Darstellung: «Die New Yorker Polizei war nicht mitschuldig am Attentat auf Malcolm X, es ist absolut falsch, sowas nur schon anzudeuten», wird Behördensprecher Paul Browne auf Mail Online zitiert.

Doch Marable sieht genügend Gründe für ein Komplott. 1964, anlässlich seiner Reise durch Afrika und den Nahen Osten, traf sich Malcom X mit zahlreichen afrikanischen Oberhäuptern, aber auch mit kubanischen und chinesischen. Dieser Umstand machte die US-Regierung nervös. Sie überlegte laut Marable sogar eine strafrechtliche Verfolgung.

Auf dieser Reise distanzierte sich Malcolm X auch von den radikalen Ideen der «Nation of Islam» und proklamierte den Panafrikanismus. Die Feindschaft zwischen dem Bürgerrechtler und der Nation of Islam wuchs. Das Attentat an ihm nur wenige Monate danach sei denn auch erst eine klare Verschwörung gewesen - und später eine Vertuschung. Fünf «Nation of Islam»-Mitglieder hätten den Mord durchgeführt, schreibt Marable, als Haupttäter habe William Bradley alias Al-Mustafa Shabazz figuriert - unter den Augen der Justiz.

Die Ermordung von Malcolm X (historisches Material, nach 32 Sekunden soll William Bradley zu sehen sein, der bei der Verhaftung von Hagan dabei war und eine Zeitung oder ähnliches in der Manteltasche hatte, YouTube)

Die letzte Szene aus dem Film «Malcolm X» von Spike Lee aus dem Jahr 1992.

Ein Interview mit Manning Marable mit Democracy Now! (Teil 1) (YouTube)

(Teil 2) (YouTube)

Manning Marable war einer der renommiertesten afroamerikanischen Historiker und unterrichtete an der Columbia Universität in New York. Er starb am 1. April 2011 60-jährig, zwei Tage vor der Publikation seines Lebenswerks, an einer Lungenentzündung. Marable publizierte zahlreiche Studien über afroamerikanische Geschichte, die zu Standartwerken avancierten.

Für seine Malcolm X-Biografie, die am 3. April 2011 veröffentlicht wurde, hat Marable 6000 Aktenseiten des FBI, der CIA und der New Yorker Staatsanwaltschaft durchgesehen. Er führte zahlreiche Interviews mit Vertrauten und dem damaligen Sicherheitsteam von Malcolm X sowie mit Augenzeugen des Mordanschlages. Neben der Theorie über das Attentat dekonstruiert Marable Malcolm X unsanft: So sei Malcolm X in frühen Jahren bisexuell gewesen, hätte sich als Callboy verkauft und hätte Kontakte zum Ku-Klux-Klan und zur Nazi-Partei Amerikas gepflegt. (kub)

Deine Meinung