Waffe der Strassenschlachten: Molotowcocktails sind so gefährlich, sie zwangen schon Panzer in die Knie
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Waffe der StrassenschlachtenMolotowcocktails sind so gefährlich, sie zwangen schon Panzer in die Knie

So leichtfertig, wie Molotowcocktails heute mitunter eingesetzt werden, so gefährlich sind sie auch. Selbst Panzer waren gegen sie schon machtlos.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Molotowcocktails sind schnell zusammengebaut. (Im Bild: Demonstrant mit Molotowcocktail, Bahrain, 2015)

Molotowcocktails sind schnell zusammengebaut. (Im Bild: Demonstrant mit Molotowcocktail, Bahrain, 2015)

REUTERS/Hamad I Mohammed/File Photo
Eine Flasche mit brennbarer Flüssigkeit, ein Stück Stoff und Streichhölzer – mehr braucht es nicht, um ein solch explosives Wurfgeschoss herzustellen. 

Eine Flasche mit brennbarer Flüssigkeit, ein Stück Stoff und Streichhölzer – mehr braucht es nicht, um ein solch explosives Wurfgeschoss herzustellen.

REUTERS
So einfach wie ein Molotowcocktail entsteht, wird gerne vergessen, welch grossen Schaden ein «Molli» anrichten kann. 

So einfach wie ein Molotowcocktail entsteht, wird gerne vergessen, welch grossen Schaden ein «Molli» anrichten kann.

AFP

Darum gehts

  • Bei Molotowcocktails handelt es sich um mit einer brennbaren Flüssigkeit gefüllte Flaschen, die als Waffe eingesetzt werden.

  • Meist tauchen sie im Zusammenhang mit Strassenschlachten auf.

  • Früher wurden mit ihnen sogar Kriege bestritten.

  • Ihren Namen verdanken sie den Finnen, die sich damit gegen die Rote Armee zur Wehr setzten.

Viel braucht es nicht, um einen Molotowcocktail zu bauen: Eine Flasche mit brennbarer Flüssigkeit, ein Stück Stoff und ein Feuerzeug reichen schon aus, um grossen Schaden anzurichten. So wie zuletzt bei den Oster-Krawallen in St. Gallen. Die Bauanleitung finden Chaoten im Netz. Selbst im Duden ist eine genaue Beschreibung zu finden.

Werden sie heute eingesetzt, ernten die Werfer Empörung. In früheren Zeiten wurden mit den «Mollis», wie sie auch genannt werden, sogar Kriege bestritten.

Ursprung in der Antike

Wann zum ersten Mal eine Schlacht mithilfe solcher Wurfbrandsätze entschieden wurde, ist unklar. Verwendet wurden sie wohl schon – in ähnlicher Form – in der Antike. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts kamen sie dann öfter zum Einsatz, weil Petroleum und Benzin dank fortschreitender Technologien immer leichter erhältlich waren. Und so flogen sie auch schon einmal bei einem Arbeiteraufstand, so wie im Jahr 1863 in New York, in Richtung Gegenseite.

Den Ausdruck «Molotowcocktail» findet man in Dokumenten von damals allerdings nicht. Diesen bekamen die Wurfbrandsätze erst im Winterkrieg, der vom 30. November 1939 bis zum 13. März 1940 zwischen der Sowjetunion und Finnland ausgetragen wurde.

Blitzfeldzug und Fehlentscheidung

Damals hatte die Sowjetunion Finnland mit Gebietsforderungen in der Karelischen Landenge konfrontiert und sie mit unabdingbaren Sicherheitsinteressen für die Stadt Leningrad begründet. Doch Finnland lehnte die Forderungen ab. Daraufhin griff die Rote Armee am 30. November 1939 das Nachbarland an – Soldaten überquerten die finnische Grenze, Flugzeuge warfen Streubomben.

Der Einmarsch traf die Finnen völlig unvorbereitet – allerdings hatte man nicht bloss den Angriff der Sowjets nicht vorhergesehen: Man hatte es auch versäumt, seine Armee aufzurüsten. Während viele andere Länder bereits auf als unknackbar geltende Panzer setzten, hatte der finnische Ministerpräsident Aimo Kaarlo Cajander noch kurz zuvor stolz kundgetan, kein Geld für schnell veraltetes Kriegsmaterial verschwendet zu haben. Und so hatten die auch zahlenmässig unterlegenen finnischen Streitkräfte den Invasoren wenig entgegenzusetzen. Trotzdem konnten sie ihre Unabhängigkeit für weitere 105 Tage bewahren.

Findige Finnen

Möglich machten das zwei Umstände. So tat sich die Rote Armee äusserst schwer mit den in Finnland herrschenden 30 bis 40 Grad unter Null und den heftigen Schneemassen. Ausserdem hielten die Benzintanks der Panzer den Temperaturen nicht stand: Sie froren ein.

Die finnischen Streitkäfte waren dagegen an das Wetter gewöhnt. Und sie nutzten Dinge, von denen sie glaubten, dass es ihnen als Waffe dienen könnte, unter anderem Flaschen, Benzin, Zündschnur und Streichhölzer, die kombiniert äusserst schlagkräftige Brandsätze ergaben. Denn die beim Aufprall austretende brennende Flüssigkeit gelangte über Seh- und Lüftungsschlitze auch in die Panzer und zerstörte diese von Innen.

Molotows Brotkörbe und das passende Getränk dazu

Ihren Namen verdanken die Molotowcocktails dem besonderen Humor der Finnen: Sie antworteten dem Ausdruck auf einen Verschleierungsversuch des damaligen Premierminister Wjatscheslaw Michailowitsch Skrjabin. Dieser hatte sich, um härter zu klingen, bereits in Jugendjahren den Alias Molotow ausgedacht. Ein Begriff, der an das russische Wort für Hammer angelehnt war. Als seine Landsleute im Herbst 1939 Bomben auf Finnland abwarfen, behauptete er, es handele sich dabei um Nahrungsmittel für die hungernde Bevölkerung.

«Molotows Brotkörbe», nannten sie die Finnen spöttisch und präsentierten kurzerhand das entsprechende «Getränk» dazu. Der Molotowcocktail war geboren. Dieser wurde bald schon von der staatseigenen Firma Oy Alkoholiliike Ab (heute Alko) industriell gefertigt und fixfertig mitsamt Zündhölzern an die Front geschickt.

Siegreiches Wort

Insgesamt sollen es rund 540’000 Stück gewesen sein, mit denen die Rote Armee zunächst in Schach gehalten wurde. Dann startete die Sowjetunion eine zweite Offensive und die finnische Regierung musste sich geschlagen geben. Am 13. März 1940 endete der Krieg mit dem Friedensvertrag von Moskau. Finnland konnte seine Unabhängigkeit wahren, musste aber erhebliche territoriale Zugeständnisse machen.

Der Ausdruck Molotowcocktail war da längst um die Welt gegangen. Hinausgetragen hatte ihn laut Sprachwissenschaftler David Landau ein britischer Kriegsreporter, der am 17. Februar 1940 im schottischen «Dundee Courier» von den Brandwurfgeschossen mit diesem Namen berichtete. Fortan tauchte das Wort häufiger in der finnischen und britischen Presse auf. Heute findet die Bezeichnung in vielen Sprachen Anwendung – nur in Finnland nicht. Dort ist heute meist von «Polttopullo» die Rede, was so viel wie «Brandflasche» bedeutet.

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