Morales setzt weiter auf Verstaatlichung
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Morales setzt weiter auf Verstaatlichung

Nach der Verstaatlichung der Öl-und Gasressourcen will Boliviens Präsident Evo Morales weitere Wirtschaftszweige unter die Kontrolle des Staates stellen: Bergbau, Forst- und Landwirtschaft stehen auf seiner Liste.

Dies kündigte Morales am Montag (Ortszeit) in La Paz an. Wenige Stunden zuvor hatte der linksgerichtete Präsident sein Wahlversprechen vom Dezember erfüllt und den Öl- und Gassektor unter die Kontrolle des staatlichen Energiekonzerns YPFB gestellt.

«Es ist die Stunde gekommen, der historische Tag, an dem Bolivien wieder die absolute Kontrolle über seine Bodenschätze erlangt», sagte er, als er das Dekret unterzeichnete. Es sei ein Akt der «nationalen Souveränität».

Militär und die Polizei besetzten landesweit 53 Anlagen der Erdöl- und Erdgasindustrie, neben Förderanlagen auch Pipelines und Raffinerien. Bislang hatte der Staat nur die Lagerstätten besessen.

Betroffen sind 20 internationale Unternehmen, darunter die brasilianische Erdölgesellschaft Petrobras, die spanisch- argentinische Repsol-YPF, die British Petroleum, Total aus Frankreich und der US-Ölkonzern ExxonMobil.

YPFB werde während der kommenden 180 Tage über die neue Vergabe von Lizenzen, Fördermengen und Exporte entscheiden. In der Übergangsphase müssten die Unternehmen 82 Prozent der Einnahmen dem Staatskonzern überlassen.

Armenhaus Lateinamerikas

Bei den Verhandlungen wird Bolivien auf mehr Geld aus der Erdöl- und Erdgasgewinnung dringen. Dies werde der Konjunktur helfen und Arbeitsplätze in Bolivien schaffen, sagte Morales.

Das Land ist das ärmste Lateinamerikas; 70 Prozent der Bolivianer leben unterhalb der Armutsgrenze. Es ist nach 1937 und 1969 die dritte Nationalisierung der Branche in Bolivien. Die Ausbeutung der Öl- und Gasvorkommen macht etwa 15 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) aus.

Bolivien verfügt nach Venezuela über die grössten Erdgas- Reserven Südamerikas. Seine grössten Abnehmer sind Brasilien und Argentinien.

Die Erdölvorkommen fallen international hingegen nicht sehr ins Gewicht. Das Land produziert täglich etwa 40 000 Barrel Rohöl. Obwohl die Verstaatlichung kaum Auswirkungen auf die weltweite Ölversorgung haben dürfte, zogen die Preise leicht an.

Verhaltene Kritik

Erste Reaktionen waren von Zurückhaltung gekennzeichnet. Die EU äusserte sich am Dienstag besorgt. Es drohe ein weiterer Preisanstieg beim Erdöl, sagte ein Sprecher.

Das Nachbarland Brasilien kritisierte die Verstaatlichung als eine «unfreundliche Geste». Sie werde als Vertragsbruch verstanden. Präsident Luiz Inacio Lula da Silva berief eine Krisensitzung des Kabinetts ein. Petrobras kontrolliert bisher 14,5 Prozent von Boliviens Erdgasreserven.

Spaniens Regierung äusserte ihre «tiefe Besorgnis». Ein Sprecher des Repsol-Konzerns sagte, man sei völlig überrascht worden. Repsol YPF kontrolliert 25,5 Prozent der Erdgasproduktion Boliviens. Der Konzern hat fast 1 Mrd. Euro investiert und ist damit der wichtigste ausländische Investor des Landes.

Der weltgrösste Ölkonzern ExxonMobil hielt sich bedeckt. «Wir analysieren die Situation. Für eine Einschätzung ist es aber noch zu früh», sagte Konzernsprecher Bob Davis in Houston. Ähnlich äusserte sich ein Total-Sprecher. (sda)

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