Aktualisiert 06.02.2014 21:42

Kritische Gesellschaft

«Moralische Ansprüche sind gestiegen»

Ein vermeintlicher Saubermann am Pranger: Johann Schneider-Ammann stolperte über die gestiegenen Moralvorstellungen der Gesellschaft.

von
J. Büchi

Johann Schneider-Ammann ist nicht der Saubermann, der er vorgab zu sein. Mit der Enthüllung über die Steueroptimierungspraktiken seiner früheren Firma hat der Volkswirtschaftsminister für Empörung gesorgt . Es ist nicht in erster Linie eine Frage von Recht und Unrecht, sondern eine der Moral. Er habe Wasser gepredigt und Wein getrunken, lautet der Hauptvorwurf gegen den Magistraten.

Doch kann man einem Bundesrat einen Strick aus etwas drehen, das nicht einmal gegen das Gesetz verstösst? «In den letzten fünf bis zehn Jahren sind die moralischen Ansprüche an Personen in öffentlichen Ämtern klar gestiegen», sagt Markus Huppenbauer, Professor für Ethik an der Universität Zürich. «Wir schauen heute genauer hin: Wie lebt jemand, was tut er, ist er moralisch integer?» Während früher bestimmte Aktivitäten als Privatsachen behandelt worden seien, habe man heute Ansprüche an die Menschen als Ganzes: «Man unterscheidet nicht mehr zwischen den verschiedenen Rollen, die sie verkörpern.»

Gleiches Schicksal wie Schwarzer und Hoeness

Die Beispiele, in denen Personen des öffentlichen Lebens über eine private Handlung stolperten, sind denn auch zahlreich in der jüngeren Vergangenheit: die Feministin Alice Schwarzer mit ihrem Bankkonto in der Schweiz, FC-Bayern-Präsident Uli Hoeness, der Steuern hinterzogen haben soll, oder Ex-Nationalbank-Präsident Philipp Hildebrand, dem wegen eines Devisenkaufs seiner Frau Insiderhandel vorgeworfen wurde.

«Gerade wenn man wie Alice Schwarzer oder Uli Hoeness als moralische Instanz auftritt, können eigene Fehltritte schwer wiegen», so Huppenbauer. «Wer den Ansprüchen nicht genügt, die er selbst an die Gesellschaft stellt, steht schnell als Heuchler da.» Dies könne nun auch Bundesrat Schneider-Ammann zum Verhängnis werden: «Er repräsentierte den Werkplatz Schweiz – verkörperte den Patron, der sein Unternehmen mit Mass und Anstand führt.» Dieses Image sei durch die Vorwürfe arg angekratzt worden.

Die Elite in der Krise

Auch Kuno Schedler, Professor für Public Management an der Universität St. Gallen, stellt fest, dass sich die öffentliche Einstellung gegenüber der politischen Elite verändert hat. «Früher hatte man als Magistratsperson viel mehr Spielraum, um innerhalb der gesetzlichen Grenzen zu handeln.» Heute empfinde es der Normalbürger schnell als ungerecht, wenn einem Mitglied der Elite – etwa in Bezug auf die Steueroptimierung – Möglichkeiten offenstünden, die er selbst nicht habe.

Schedler spricht von einer Krise der Elite: «Früher brachte man Persönlichkeiten, die in der Gesellschaft Verantwortung übernehmen, Respekt entgegen – sie ‹waren jemand›.» Heute hingegen seien Bundesräte und Wirtschaftsführer in der öffentlichen Wahrnehmung «Normalsterbliche, die einen etwas anderen Job machen». Entsprechend würden die Vorteile dieser Amtsträger hinterfragt. «Die Anerkennung dafür, dass man sich exponiert, ist deutlich zurückgegangen.»

«Gefährlicher Sprengsatz»

Ethik-Professor Huppenbauer führt die Entwicklung darauf zurück, dass heute Kirchen oder Parteien nicht mehr die Autorität haben, über moralische Fragen zu entscheiden. «So ist der Einzelne kritischer geworden.» Dieses neue Bewusstsein habe durchaus Vorteile: «Man schaut hin, wo man früher nicht hinsah – die Kontrolle wird besser.» Auf der anderen Seite bestehe die Gefahr, dass man zu moralistisch werde. «Es ist zu befürchten, dass die Gesellschaft die Fähigkeit verliert, Grautöne zu sehen.» Man wolle nur noch völlig integere Menschen mit «strahlend weisser Weste» – «doch das gibt es nicht».

Auch Schedler befürchtet, dass die neuen Moralvorstellungen die Mischung für einen gefährlichen Sprengsatz bergen: «Wenn man es mit den moralischen Ansprüchen übertreibt, führt das dazu, dass man für wichtige Ämter keine guten Leute mehr findet.» Das Resultat: «Nur noch lauwarme Kandidaten wären verfügbar.» Für die Gesellschaft wäre das problematisch, so Schedler.

Keine «Kultur des Vergebens»

Besonders prekär ist die Entwicklung gemäss Huppenbauer, weil es in der Schweiz – etwa im Gegensatz zu den USA – keine Kultur des Vergebens gibt. «Wenn ein Politiker einmal diskreditiert ist, ist ein Neubeginn kaum mehr möglich.» So weit sei es bei Schneider-Ammann aber noch nicht, glaubt der Ethik-Professor. Zuerst müssten die Vorwürfe gegen den Bundesrat nun einmal untersucht werden. «In der heutigen Stimmungslage wäre es dabei aber essenziell, dass Johann Schneider-Ammann hinstehen und sich erklären würde.» Denn dann vergebe unsere moralisierende Gesellschaft einen allfälligen Fehltritt eher.

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