Massaker an Armeniern: Mord in der Wüste
Aktualisiert

Massaker an ArmeniernMord in der Wüste

Vor 100 Jahren begann die Vertreibung und Ermordung der osmanischen Armenier. Die offizielle Türkei bestreitet bis heute, dass es Völkermord war.

von
Rolf Maag
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Während der Verschleppung der Armenier fanden zahlreiche Massaker statt.

Während der Verschleppung der Armenier fanden zahlreiche Massaker statt.

Keystone/str
Die Menschen wurden erschossen, verhungerten oder verdursteten.

Die Menschen wurden erschossen, verhungerten oder verdursteten.

Keystone/AP
Paramilitärische Einheiten zeichneten für die meisten Morde verantwortlich. Sie gingen teilweise mit unvorstellbarer Grausamkeit vor.

Paramilitärische Einheiten zeichneten für die meisten Morde verantwortlich. Sie gingen teilweise mit unvorstellbarer Grausamkeit vor.

Keystone/AP

Am 24. April 1915 wurden auf Anweisung des türkischen Innenministers Talaat Pascha Tausende von armenischen Gemeindeführern verhaftet. Viele wurden hingerichtet. Von Mai bis Juni wurden die in Ostanatolien ansässigen Armenier «ausgesiedelt»: Die männlichen Armenier wurden grösstenteils an Ort und Stelle getötet oder wie die Alten, Frauen und Kinder deportiert. Unterwegs wurden sie häufig von kurdischen Banden ausgeraubt, viele getötet; die meisten starben an Erschöpfung, verhungerten oder verdursteten. Ziel der Deportation war die Region um Aleppo. Von dort ging es weiter zum Wüstenort Deir ez-Zor. Wer diese Tortur überlebte, wurde im Bereich des Euphrats in die syrische Wüste getrieben. Von dort gab es kein Entkommen. Gegen 1,5 Millionen Menschen dürften den Tod gefunden haben.

Den unmittelbaren Anlass dieser Vorgänge bildete eine schwere Niederlage der Dritten Osmanischen Armee im Rahmen des Ersten Weltkriegs. Im Januar 1915 hatte sie eine Offensive begonnen, die zur Eroberung der ölreichen Region um Baku führen sollte, war aber von den wesentlich besser ausgerüsteten russischen Streitkräften vernichtend geschlagen worden. Weil auf russischer Seite armenische Freiwillige kämpften, unter ihnen auch osmanische, gab man den Armeniern kollektiv die Schuld an dem Desaster. Angeblich steckten sie alle mit dem Feind unter einer Decke.

Nationalismus und Konkurrenzneid

1908 hatte sich in Istanbul eine Bewegung an die Macht geputscht, die offiziell «Komitee für Einheit und Fortschritt» hiess. Besser bekannt waren ihre Vertreter unter der inoffiziellen Bezeichnung «Jungtürken». Den seit zwei Jahrhunderten anhaltenden Niedergang des einst so stolzen Osmanischen Reichs führten sie auf die angeblich mangelnde Zuverlässigkeit der ethnischen und religiösen Minderheiten, zu denen neben den Armeniern auch die an der Ägäis ansässigen Griechen zählten, zurück. Loyale Staatsbürger konnten in den Augen dieser extremen Nationalisten nur muslimische Türken sein. Diese Weltsicht führte dazu, dass die Griechen ab 1914 vertrieben, die Armenier aber massakriert wurden.

Dass die muslimische Bevölkerung die Gräueltaten hinnahm und teilweise unterstützte, lag auch daran, dass die christlichen Minderheiten durch ihren grösseren wirtschaftlichen Erfolg Neid erregten. Vor dem Krieg hatte die osmanische Statistik feststellen müssen, dass 66 Prozent des Binnenhandels, 79 Prozent der Industrie- und Handwerksunternehmen und 66 Prozent der akademischen Berufe sich in den Händen der Griechen und Armenier befanden. Innenminister Talaat Pascha teilte dem österreichischen Botschafter sogar unverblümt mit, es gehe auch darum, «unangenehme wirtschaftliche Konkurrenten» auszuschalten.

Genozid oder türkischer Abwehrkampf?

Die meisten Historiker, unter ihnen auch türkische, sehen in den Massakern an den Armeniern den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts. Dieser Ansicht waren bereits Zeitzeugen und sogar Täter. Am 7. Juli 1915 telegraphierte der deutsche Botschafter Hans von Wangenheim nach Berlin, es stehe nun ausser Zweifel, «dass die Regierung tatsächlich den Zweck verfolgt, die armenische Rasse im türkischen Reiche zu vernichten». Der Gouverneur der Provinz Diayarbakir, Mehmet Reschid, der sich durch besondere Grausamkeit hervorgetan hatte, verstand sein Wirken als Heilung des türkischen «Volkskörpers»: «Die armenischen Banditen waren wie Mikroben, die den Körper des Vaterlandes befallen hatten. War es nicht die Pflicht des Arztes, diese Mikroben zu töten?»

Die offizielle Türkei vertritt nach wie vor einen völlig anderen Standpunkt. In der Schule lernen türkische Jugendliche bis heute, in Wahrheit seien damals Türken von Armeniern angegriffen worden, von der Umsiedlung seien nur aufständische Armenier betroffen gewesen. Für diese Sichtweise spricht nahezu nichts, doch die jüngsten Verlautbarungen der türkischen Regierung lassen befürchten, dass sie ihre Haltung nicht so schnell ändern wird.

Dokumentation über den Völkermord. (Video: Youtube/Kalatiso)

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