Aktualisiert 03.06.2011 11:57

Motorrad-GP in Barcelona

Morddrohungen für Rossis Rivalen

Optisch erinnert Marco Simoncelli (34) mit seiner Frisur an John McEnroe. Auf der Rennstrecke fordert er Valentino Rossi (32) und die anderen MotoGP-Stars. Deshalb hat er Morddrohungen erhalten.

von
Klaus Zaugg, Barcelona
Der Italiener Marco Simoncelli bei der Rennkontrolle.

Der Italiener Marco Simoncelli bei der Rennkontrolle.

Valentino Rossi hat seit seinem Aufstieg in die Königsklasse (2000) fahrerisch alle Rivalen dominiert. Hin und wieder – wie letzte Saison gegen Jorge Lorenzo – verliert er zwar ein paar Duelle. Richtig gefährlich ist ihm auf gleichwertigem Material aber noch keiner geworden.

Doch nun ist Marco Simoncelli wie ein Naturereignis über die Königsklasse hereingebrochen. Der wilde Italiener hat beim letzten Rennen in Le Mans den dritten Rang (und den ersten MotoGP-Podestplatz) gegen Valentino Rossi nur verloren, weil er in einem skandalösen TV-Urteil nach einem riskanten Überholmanöver mit Kollision gegen Daniel Pedrosa (25) zu einer Boxendurchfahrt verknurrt worden ist. Pedrosa stürzte und zog sich einen Schlüsselbeinbruch zu. (20 Minuten Online berichtete). Der Unfall kann den Spanier den WM-Titel kosten. Er muss den GP von Katalonien in Barcelona an diesem Wochenende auslassen.

Dieser erstmalige direkte Eingriff der Jury in ein laufendes Rennen ist heftig umstritten. Wäre in den letzten 25 Jahren der gleiche Massstab für alle Fahrer abgewendet worden, wären selbst Superstars wie Kevin Schwantz, Wayne Gardner oder Randy Mamola laufend verurteilt worden.

«Bad Boy» der Szene

Der Bannstrahl der Jury hat einen Piloten getroffen, der gescholten und gerühmt wird wie kaum ein anderer. Endlich ist da wieder ein Fighter der alten Schule, der notfalls die Verschalung der gegnerischen Maschinen ritzt und beim Bremsen die Philosophie von Kevin Schwantz verinnerlicht hat: «Du sollst erst Bremsen, wenn Du Gott siehst.» Und eine grosse Klappe hat er auch und zelebriert den Macho.

Er ist der «Bad boy» der Szene wie einst John McEnroe im Tennis. Selbst sein Manager und väterlicher Freund Carlo Pernat sagt gegenüber 20 Minuten Online: «Marco hat es zuletzt übertrieben. Er muss in gewissen Situationen ruhiger und gelassener werden.»

Kann Simoncelli ein Grosser werden?

Er hat zumindest gewisse Chancen. Weil er der erste ist, der nicht sein will wie Valentino Rossi. Weil ja sowieso keiner sein kann wie Rossi. Er geht seinen eigenen Weg. Er ist kein Kommunikator. Er ist einfach ein wilder, mutiger Haudegen, im Wesen und Wirken durchaus ähnlich wie einst Kevin Schwantz.

Simoncelli hat bisher 12 GP bei den 250ern und zwei bei den 125ern gewonnen, 2008 war er 250er-Weltmeister. Inzwischen bestreitet er die zweite Saison in der Königsklasse. Aufs MotoGP-Podest ist er noch nie gefahren, im Vorjahr kam er in seiner ersten MotoGP-WM auf den 8. Platz und auch jetzt steht er auf dem 8. Zwischenrang.

Nach dem Crash mit Pedrosa im letzten Rennen in Le Mans steht kein anderer Pilot beim GP von Katalonien so sehr unter Beobachtung und unter Druck wie Simoncelli. Am Donnerstagabend musste er hier in Barcelona noch einmal vor der Rennjury antraben und sich ermahnen lassen. Brav hat der Italiener Besserung gelobt.

Morddrohungen aus Spanien

Inzwischen hat er wegen dem Crash in Le Mans gar Morddrohungen aus Spanien bekommen. Die werden so ernst genommen, dass er nun hier in Barcelona ständig von zwei Leibwächtern begleitet wird. Eine verrückte Situation, die es so in der Geschichte der Motorrad-WM (seit 1949) noch nicht gegeben hat.

Wir werden nun eine erste Antwort darauf erhalten, ob der Italiener tatsächlich ein Superstar werden kann: Hält er den Druck aus und fährt er weiterhin so, als ob es kein Morgen gäbe – dann kann er tatsächlich ein Grosser werden. Wenn er unter der Polemik der letzten Tage einknickt und brav wird, sich einordnet und nicht mehr anecken mag oder gar die Nerven verliert – dann wird er kein Superstar. Aber ein Farbtupfer im GP-Zirkus. Wie so viele andere auch. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

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