Hass gegen Politiker: Morddrohungen, Kugeln und Sperma in der Post
Aktualisiert

Hass gegen PolitikerMorddrohungen, Kugeln und Sperma in der Post

Von Warnungen im Internet über Farbanschläge bis zu Patronen im Briefkasten: Politiker aller Parteien müssen sich vermehrt mit expliziten Drohungen auseinandersetzen.

von
J. Pfister

«Zur Person von J. L.: Ein Ar... ist und bleibt ein Ar...! Schade, FL hat die falschen getroffen!». Mit diesen Worten hat ein User auf der Internetseite der armeefreundlichen Gruppe Giardino den Gsoa-Mitbegründer Jo Lang verunglimpft. Lang war beim Amoklauf in Zug im Parlament dabei, als Fritz Leibacher 14 seiner Kollegen erschossen hat. Obwohl sich die Sache mittlerweile erledigt hat (siehe Box) - es ist nicht die erste Morddrohung, die Lang diesen Monat verarbeiten musste.

Am 8. April schickte ihm K.S* ein Mail mit den Worten: «Wenn ich dich erwische, schneide ich dir mit einem Sackmesser die Kehle durch. Es muss einmal ein Exempel statuiert werden.»

Für Lang, der sagt, er habe kein Problem, als «Arschloch» betitelt zu werden, gehen solchen Mails klar zu weit. «Wenn direkt mit Gewalt gedroht wird, muss man die Polizei einschalten.» Heute bereut er, dies nicht getan zu haben.

Pistolenkugeln, weisses Pulver

Lang ist kein Einzelfall. «Ich erhalte regelmässig anonyme Drohungen», sagt SVP-Politiker Hans Fehr. Einmal waren sogar zwei Pistolenkugeln in einem Brief verpackt. «Klar hat die Person damit eine Grenze überschritten, doch ich versuche solche Menschen als Spinner abzutun und nicht weiter darauf einzugehen.»

Gleich hält es FDP-Präsident Philipp Müller: «Solange die Familie nicht mit reingezogen wird, beachte ich solche Drohungen nicht.» Der Weg von Worten zu Taten sei dann doch ein grosser. Die Polizei eingeschaltet haben beide bisher nicht.

Sperma mit der Post

Anders CVP-Präsident Christophe Darbellay. Er alarmierte die Walliser Kantonspolizei nachdem ihn ein unbekannter Mann an seinem Wohnort angerufen und wüst beschimpft hatte. «Da kriegte ich es mit der Angst zu tun.» Der Täter konnte jedoch nicht ausfindig gemacht werden, weil dieser ihn von einer Telefonkabine aus kontaktierte.

Ebenfalls nicht ermitteln konnte man eine Person, die Darbellay mit der Parlamentspost einen Brief mit weissem Pulver geschickt hatte - was sich als Mehl und Sand herausstellte. Laut dem CVP-Präsidenten hat sich die Situation in den letzten Jahren verschärft. «Ich hoffe, dass wir uns nicht in Zukunft wie die Deutschen Politiker Personenschutz zulegen müssen.»

Auch SP-Nationalrätin Chantal Galladé, in deren Wohnung vor vier Jahren unbekannte Täter einen Farbanschlag verübt hatten, macht die Entwicklung Sorgen. «Ich stelle allgemein ein Verlust der Respektkultur fest.» Wie weit manche gehen, zeigt das Beispiel einer anderen Nationalrätin. Diese erhielt Sperma mit der Post und einer Warnung, sie müsse aufpassen, dass sie nicht vergewaltigt werde.

«Ton in politischer Debatte verschärft»

Für Politberater Louis Perron hat die Entwicklung mit der zunehmenden Polarisierung in der Schweizer Politik zu tun. «Der Ton in der politischen Debatte hat sich während der letzten Jahre verschärft.» Damit begonnen habe die SVP in den 90-er Jahren als sie das System herausgefordert und die Politlandschaft umgepflügt hat. «Heute exponieren sich auch die Präsidenten der Mitteparteien mit scharfen Aussagen.» Diese neue Streitkultur übertrage sich auch auf das Volk. «Hinzu kommt, dass man sich heute nicht mehr Zeit für einen Brief nehmen muss, sondern schnell ein E-Mail rauslassen oder auf den sozialen Medien Dampf ablassen kann.»

* Name der Redaktion bekannt

Entschuldigung bei Lang

Der User, der Jo Lang auf der Website der Gruppe Giardino den Tod gewünscht hat, hat sich in der Zwischenzeit reuig gezeigt. «Ich entschuldige mich hiermit in aller Form bei den Betroffenen. Leider war der Ärger im Moment so gross, dass ich den Rahmen des Üblichen überschritten habe», schreibt dieser auf der Homepage. Für Lang ist die Sache damit vom Tisch, wie er gegenüber 20 Minuten sagt.

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