Aktualisiert 11.01.2010 22:56

Schüsse auf Abtreibungsarzt

Mordprozess beginnt mit Verzögerung

Sechs Monate nach den tödlichen Schüssen auf US-Abtreibungsarzt George Tiller hat der Prozess gegen den geständigen Täter mit einem Streit um Verfahrensfragen begonnen.

von
Roxana Hegeman, AP
Hat den Mord gestanden: Scott Roeder.

Hat den Mord gestanden: Scott Roeder.

Die Geschworenen sollen nun erst am Mittwoch berufen werden, ursprünglich war dies bereits für den Montag geplant. Die Anklage wirft dem 51-jährigen Scott Roeder Mord vor. Roeder hat auf nicht schuldig plädiert, weil seine Tat eine gerechtfertigte Massnahme zum Schutz ungeborener Kinder sei.

Der zuständige Bezirksrichter Warren Wilbert in Wichita im US-Staat Kansas hat entschieden, dass die Verteidigung den Fall als vorsätzliche Tötung darstellen darf. Dieser Tatvorwurf wird vom Gesetz in Kansas definiert als «unbilliger aber ernsthafter Glaube, dass die Umstände tödliche Gewalt rechtfertigten» und wiegt weniger schwer als der Vorwurf des Mordes.

Gegen diese richterliche Entscheidung legte die Staatsanwaltschaft am Montag Einspruch ein. Eine Anhörung dazu ist für Dienstag geplant.

Tillers Klinik führt Spätabtreibungen durch

Der prominente und umstrittene Abtreibungsarzt Tiller wurde am 31. Mai auf dem Weg zur Kirche in Wichita erschossen. Die Klinik des 67-Jährigen war eine von nur dreien in den USA, in denen Schwangerschaftsabbrüche nach der 21. Woche durchgeführt werden.

Tiller war bereits mehrfach Ziel von Anschlägen und Protestaktionen gewesen. 1993 schoss ihm ein Angreifer in beide Arme, 1985 explodierte ein Sprengsatz in seinem Krankenhaus. Die Klinik Women's Health Care Services war wegen zahlreicher Drohungen, Übergriffe und Anschlägen unter anderem mit kugelsicheren Scheiben gesichert. Die Abtreibungsdebatte in den USA wird immer wieder von gewaltsamen Zwischenfällen überschattet.

«Dies wird kein Prozess über das Thema Abtreibung», sagte Richter Wilbert am Freitag. «Er wird auf die Ansichten Herrn Roeders begrenzt sein.» Der Richter hat erklärt, er werde während des Prozesses alle Beweise und Argumente der Verteidigung prüfen und dann entscheiden, ob er es den Geschworenen freistellt, eine Verurteilung Roeders wegen eines weniger schwerwiegenden Tatvorwurfs als Mord in Erwägung zu ziehen.

Zugleich machte Wilbert deutlich, dass es für Roeders Anwälte schwer werden dürfte zu zeigen, dass der Angeklagte ernsthaft daran geglaubt habe, dass er zur Verteidigung des Lebens Dritter tödliche Gewalt einsetzen müsse. Im Fall einer Verurteilung wegen Mordes droht Roeder lebenslange Haft, auf vorsätzliche Tötung stehen etwa fünf Jahre Gefängnis.

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