Aktualisiert 21.01.2005 09:01

Mordprozess gegen Todespfleger eröffnet

Der Mordprozess gegen den Todespfleger von Luzern ist in Emmenbrücke eröffnet worden. Dem 36-jährigen Schweizer werden 24 Tötungen alter Menschen und drei Tötungsversuche angelastet.

Fünfmal plädiert die Anklage auf Mord. Im schwersten Fall von Serientötungen der Schweiz sind 17 Jahre Zuchthaus beantragt.

Das Luzerner Kriminalgericht führt den auf einen halben Tag angesetzten Prozess aus Platzgründen in Zentrum Gersag in Luzerner Vorortsgemeinde Emmenbrücke durch. Rund 150 Zuschauer und 50 Medienvertreter verfolgten den Auftakt der unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen eröffneten Gerichtsverhandlung. Dem im Gerichtssaal anwesenden Pfleger werden 24 Tötungen und drei Tötungsversuche in Innerschweizer Alters- und Pflegeheimen zwischen 1995 und 2001 vorgeworfen. Betroffen waren 23 Frauen und vier Männer im Alter zwischen 66 und 95 Jahren. Sie wurden mit sedierenden Medikamenten vergiftet oder mit einem Plastiksack erstickt, wobei der Täter die Methoden auch kombinierte. Die fünf erdbestatteten Opfer wurden exhumiert. Dabei zeigten sich zum Teil Verletzungen im Zungen- und Kehlkopfbereich sowie Rückstände von Sedierungsmitteln in der Leber.

Staatsanwalt Horst Schmitt plädiert in fünf Fällen auf Mord. Negative Gefühle gegen die Opfer stünden hier im Vordergrund, der Täter habe sich aus egoistischen Gründen «entlasten» wollen. Die Mordanklagen betreffen je zwei Opfer im Pflegeheim Eichhof in Luzern und im Heim am Schärme in Sarnen (OW) sowie einen Fall am Kantonsspital Obwalden in Sarnen. In 19 Fällen nimmt die Anklage eine vorsätzliche Tötung an, da der Täter als Motiv Mitleid, Erlösenwollen und Überforderung geltend mache. Bei den drei vollendeten Tötungsversuchen war nicht klar, ob sein Handeln den Tod verursacht hatte.

Die Anklage hält fest, dass bei Serientötungen für den einzelnen Tötungsfall kaum ein klares Motiv aufscheine. Es gehe durchwegs um eine «mehrschichtige Motivlage». Auch der Pfleger habe ausgesagt, es sei schwierig, das Motiv jedes Mal zu erklären. Er ist gemäss psychiatrischen Gutachten voll zurechnungsfähig.

Laut Anklage waren alle Opfer schwer geistig und zum grossen Teil auch schwer körperlich reduziert. «Sie waren dem Angeklagten nicht nur anvertraut, sondern ausgeliefert», heisst es. Eigenverantwortliches Handeln, etwa die Zustimmung zur Tötung, sei auszuschliessen. Der Pfleger gab an, er habe aus Mitleid aktive Sterbehilfe geleistet. Nur allmählich gestand er die totale Überforderung in der Langzeitpflege ein. Er sprach von einem «Teufelskreis» - immer wieder die gleiche Situation mit Menschen in schlechtem Zustand, zum Teil aggressiv und körperlich zerfallen. Es sei überhaupt nicht der richtige Beruf für ihn gewesen. «Der Angeklagte handelte zumindest ebenso sehr aus Selbstmitleid wie aus Mitleid», so die Anklage.

Die Anträge von Verteidiger Hans Jörg Wälti waren vorerst nicht bekannt.

Aufgeflogen war der Pfleger, nachdem die Polizei am 11. Juni 2001 über eine Häufung von Todesfällen im Pflegeheim Eichhof orientiert worden war. Er gestand darauf Tötungen an früheren Arbeitsorten. Im Pflegeheim Eichhof waren es neun, im Pflegeheim am Schärme in Sarnen zwölf Menschen. Dazu kamen vier Fälle im Pflegeheim Seematt in Küssnacht am Rigi (SZ) sowie ein Fall am Kantonsspital Obwalden und eine weiterer Pflegefall in Sarnen.

Das Urteilsdispositiv soll frühestens am kommenden Freitag an die Medien versandt und bis zum 2. Februar gesperrt sein. (dapd)

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