Umstrittene Praxis: Mormonen taufen Eltern von Simon Wiesenthal
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Umstrittene PraxisMormonen taufen Eltern von Simon Wiesenthal

Die umstrittene Religionsgemeinschaft der Mormonen hat zahlreiche Holocaust-Opfer nachträglich getauft. Eigentlich dürfte sie das nicht mehr – doch jetzt wurde ein neuer Fall bekannt.

von
pbl
Nazi-Jäger Simon Wiesenthal starb 2005 in Wien.

Nazi-Jäger Simon Wiesenthal starb 2005 in Wien.

Mitt Romney ist derzeit nicht zu beneiden. In den Umfragen wird der republikanische Präsidentschaftskandidat von seinem erzkonservativen Rivalen Rick Santorum bedrängt. Sein knapper Sieg bei der Vorwahl in Maine am letzten Sonntag wird angezweifelt. Und nun sieht er sich auch noch mit negativen Schlagzeilen konfrontiert, welche die Mormonen betreffen, jene umstrittene Religionsgemeinschaft, der Romney selber angehört.

Dabei geht es um die Taufe von Verstorbenen, die von der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, der mit Abstand grössten Mormonen-Gemeinde, ausgiebig praktiziert wird. Die Seele des oder der Verstorbenen soll die Möglichkeit erhalten, das Jenseits-Konzept der Mormonen nachträglich anzunehmen. Offiziell ist die Totentaufe nur für Vorfahren von Kirchenmitgliedern möglich, in der Praxis ist sie längst ausser Kontrolle geraten. Zahlreiche historische Figuren, von Hitler bis Papst Johannes Paul II., wurden posthum getauft.

Seit 1995 verboten

Auch mehrere hunderttausend Opfer des Nazi-Holocaust kamen in den «Genuss» dieser Prozedur, ohne dass deren Nachkommen gefragt worden wären. Der neuste Fall datiert vom Januar: In den US-Bundesstaaten Arizona und Utah wurden Asher und Rosa Rapp Wiesenthal, die Eltern des legendären Nazi-Jägers Simon Wiesenthal, nachträglich getauft. Beide sind längst tot: Asher Wiesenthal fiel im Ersten Weltkrieg, Rosa wurde ein Opfer des Holocaust. Simon Wiesenthal starb 2005 mit 96 Jahren in Wien.

Das nach dem Nazi-Jäger benannte Simon Wiesenthal Center in Los Angeles zeigte sich empört darüber, «dass weiterhin solche unsensiblen Handlungen in den Mormonen-Tempeln durchgeführt werden». Denn eigentlich hatte die Mormonen-Kirche nach heftigen Protesten von jüdischer Seite 1995 ein Verbot für Taufen von Holocaust-Opfern verfügt. Michael Purdy, ein Sprecher der Kirche, äusserte gegenüber der Nachrichtenagentur AP sein «aufrichtiges Bedauern». Es handle sich um «einen schweren Verstoss gegen unsere Richtlinien».

Elie Wiesel zur Taufe vorgemerkt

Verantwortlich sei ein «einzelnes Kirchenmitglied», das die Namen der Wiesenthals in die genealogische Datenbank der Kirche eingetragen habe, sagte Purdy. Aufgedeckt wurde der Fall von Helen Radkey, einer Ex-Mormonin aus Salt Lake City, die regelmässig die Datenbank absucht. Dabei stiess sie zudem auf den Holocaust-Überlebenden und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel. Er und Angehörige seiner Familie sollen als potenzielle «Taufobjekte» vermerkt worden sein.

Der 83-jährige Wiesel hatte sich in der Vergangenheit selbst um ein Verbot der Totentaufe von Holocaust-Opfern bemüht. Nun appellierte er gemäss «Washington Post» an Mitt Romney als «derzeit bekanntesten und wichtigsten Mormonen» in den USA. Er sei zwar nicht schuld, «moralisch» aber müsse er reagieren und sagen: Hört auf! Auch Abraham Cooper vom Wiesenthal Center meinte, Romney könne «ein starkes Signal aussenden», wenn er sich an der Beilegung der Kontroverse beteilige.

Nicht als christliche Religion anerkannt

Eine Sprecherin des ehemaligen Gouverneurs von Massachusetts erklärte jedoch, sein Wahlkampfteam werden keinen Kommentar abgeben. Seine Religionszugehörigkeit macht Romney in den Augen vieler streng gläubiger Christen ohnehin suspekt. Die Totentaufe ist einer der Gründe, warum Katholiken und Protestanten die Mormonen nicht als christliche Religion anerkennen, obwohl diese sich selber auf Jesus Christus berufen.

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