Russlands Botschafter über Sputnik-V-Angebot: «Wir haben das BAG informiert – viel mehr können wir nicht machen»
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Russlands Botschafter über Sputnik-V-Angebot«Wir haben das BAG informiert – viel mehr können wir nicht machen»

Sergei Garmonin, Moskaus Botschafter in der Schweiz, erklärt im Interview mit 20 Minuten, dass der Schweiz der russische Impfstoff Sputnik V zweimal angeboten wurde – jeweils ohne Antwort.

von
Ann Guenter

Herr Botschafter Garmonin, alles redet vom russischen Impfstoff Sputnik V. Allein der Name ist doch eine Provokation.

Wir haben als erste einen Sputnik ins Weltall geschickt, das ist wahr, und wir sind die weltweit erste Nation, die einen Corona-Impfstoff herausgebracht hat. Aber das halte ich für keine Provokation. Sie müssen wissen, dass wir in Russland unsere besten Produkte traditionell Sputnik nennen.

Kann das Vakzin auch in der Schweiz hergestellt werden?

Ja, genau darum geht es: Dass unser Impfstoff in verschiedenen Ländern produziert werden kann. Grundsätzlich sind jene Länder mit einer starken Pharmaindustrie im Vorteil. Deswegen ist es umso erstaunlicher, dass Südkorea Sputnik V herstellen lässt, nicht aber die Schweiz.

Standen Russland und die Schweiz in der Sache denn in Kontakt?

Wir haben das Schweizer Bundesamt für Gesundheit BAG am 17. August 2020 in einer Note darüber informiert, dass in Russland ein wirksamer Impfstoff entwickelt wurde und dass der russische Direkt-Investitionsfonds für die kommerzielle Vermarktung dieses Vakzines zuständig sei. Ich zitiere aus unserer Note: Der Direkt-Investitionsfonds ist bereit, allfällige Vorbestellungen des Impfstoffes, Fragen zur Herstellung des Impfstoffes und zu klinischen Tests zu besprechen.

Was geschah dann?

Nicht viel. Am 22. Dezember haben wir das BAG erneut benachrichtigt, dass die 3. Testphase beendet wurde. Wir teilten mit, dass die Effizienz des Vakzins bei über 90 Prozent liegt, der Preis um zehn Dollar pro Dose liegt und dass er bei 2 bis 8 Grad Celsius aufbewahrt werden kann. Erneut haben wir Bereitschaft für die Möglichkeit einer Vorbestellung für die Schweiz signalisiert und unser Angebot zu Auskünften zur Herstellung und zum Technologietransfer wiederholt.

Welche Antwort haben Sie aus Bern erhalten?

Gar keine.

Wie erklären Sie sich das?

Anfangs gab es Sputnik V gegenüber viel Skepsis und Ablehnung. Die Haltung änderte sich mit der Publikation des Wissenschaftsmagazins The Lancet Anfang Februar. Darin attestieren britische Wissenschaftler Sputnik V einen stabilen, effizienten Schutz vor Corona ohne Nebenwirkungen.

Was erhoffen Sie sich jetzt von Bern?

Der Schweizer Bundesrat hat mittlerweile Vereinbarungen zum Kauf von Impfstoffen von Pfizer/ BioNTech, Moderna oder Curevac unterschrieben. Wir möchten hoffen, dass die Schweizer Behörden jetzt auch unseren Sputnik V anerkennen. Das BAG betont ja, dass Effizienz und Sicherheit beim Kauf der Vakzine im Vordergrund stehen - und Sputnik entspricht diesen Kriterien vollkommen.

Hat Russland denn ein Zulassungsgesuch für Sputnik eingereicht?

Wie gesagt, wir haben unsere Bereitschaft zweimal signalisiert, um ins Gespräch zu kommen. Bevor man etwas einreicht, muss man doch erst das Grundsätzliche besprechen. In der Presse wird immer wieder erwähnt, dass bei Swissmedic keine Anfragen von Russland eingegangen seien. Aber ich möchte betonen, dass Russland die Schweizer Seite früh- und rechtzeitig informiert hat. Der Ball liegt jetzt bei der Schweiz.

Aber wenn sich Russland nie darum beworben hat, in der Schweiz produzieren zu dürfen …

… dann wäre diese Aussage so nicht ganz exakt. Ich verweise auf unsere Note, in der die Kontakte der Ansprechpersonen auf unserer Seite ausdrücklich festgehalten sind. Es war klar: Wir fragten, ob Interesse bestehe. Wenn sich bei uns darauf niemand meldet, können wir nicht viel mehr machen. Ich denke, wir haben alles Nötige getan. Ich überlasse Ihnen die Beurteilung, welche Seite mehr Interesse und Initiative gezeigt hat.

Wurden Sie selbst mit Sputnik geimpft?

Noch nicht. Aber wir erstellen gerade eine Liste mit Botschaftsmitarbeitern, die sich damit impfen lassen wollen. Unser Aussenministerium in Moskau muss das alles noch organisieren.

Haben Sie eine Vermutung, wieso Wladimir Putin noch nicht mit Sputnik V geimpft wurde?

Seine Tochter war eine der ersten, die sich hat impfen lassen. Denn in Russland werden zuerst Personen unter 60 Jahren geimpft. Herr Putin ist aber wie ich 65 Jahre plus, auch deswegen warten wir zu.

In Russland sind 2,2 Mio. Menschen geimpft, gleichzeitig gibt es über vier Mio. Neuinfektionen. Wieso impft man nicht erst im eigenen Land, bevor man in die Welt exportiert?

Eine berechtigte Frage. Natürlich will Russland zuerst die eigene Bevölkerung impfen lassen. Entsprechend müssen die Herstellungskapazitäten erhöht werden - eben auch durch Standorte im Ausland.

Was denken Sie: Überschätzt der Westen seine eigene Forschung oder unterschätzt er die Forschung Russlands?

Da sind mehrere Faktoren im Spiel. Ich schliesse nicht aus, dass man Russland unterschätzt bzw. der Westen sich überschätzt. Aber wir dürfen nicht vergessen: Die Vakzinherstellung ist ein riesiges Business, ein Milliardengeschäft, und der Wettbewerb ist auch unter den Impfproduzenten enorm. Man kann nicht ausschliessen, dass auch dies in die Beurteilung des russischen Impfstoffs einfliesst. Ich bin weder Kommunist noch Marxist - aber wie sagte Karl Marx doch: Wenn ein 300-prozentiger Gewinn in Aussicht steht, lassen sich Kapitalisten auf jedes Verbrechen ein.

Das sagt das BAG

Auf die Vorwürfe des russischen Botschafters, Russlands Angebote ignoriert zu haben, schreibt das BAG: «Da die Entwicklung der Pandemie schwierig einzuschätzen ist, steht der Bund weiterhin mit verschiedenen Impfstoffherstellern in Kontakt ̶ auch mit den Vertretern von Sputnik.» Seit wann man mit Russland in Kontakt stehe, lässt die Behörde offen. Sie dementiert damit auch nicht, dass die russischen Angebote im August und im Dezember unbeantwortet blieben. Allgemein schreibt das BAG weiter: «Ein Impfstoff muss durch Swissmedic zugelassen werden, bevor er in der Schweiz zum Einsatz kommen darf. Oberste Priorität bei jedem Impfstoff haben die Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit.» (pam)

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