Arctic Sea: Moskau dementiert Waffenschmuggel

Aktualisiert

Arctic SeaMoskau dementiert Waffenschmuggel

Der mysteriöse Fall der Arctic Sea heizt die Spekulationen an: Kaperten Umweltaktivisten den Frachter? Waren Marschflugkörper an Bord? Moskau dementiert heftig.

von
dhr

Solche Spekulationen seien «Fantasie» und «lächerlich», hiess es aus Moskau. Der russische Nato-Botschafter Dmitri Rogosin räumte gegenüber der Regierungszeitung «Rossijskaja Gaseta» zwar ein, der Einsatz der Schwarzmeerflotte zur Befreiung des Schiffes sei ein ungewöhnlich grosser Aufwand gewesen. Grund dafür seien jedoch die russischen Seeleute an Bord gewesen – nicht mögliche Raketen. Bei dem Fall geehe es nicht um Waffenschmuggel, sondern um eine neue Dimension internationaler Piraterie.

Abenteuerliche russische Version

Alle Länder müssten aus der Geschichte um die von Seeräubern entführte Arctic Sea ihre Lehren ziehen, damit sich eine solche Kaperung in der Ostsee nicht wiederholen könne, sagte Rogosin.

Nach offizieller russischer Darstellung hatten Piraten den Frachter bereits am 24. Juli vor der schwedischen Küste in ihre Gewalt gebracht. Rogosin sagte, der Überfall sei das jüngste Beispiel für die bestens organisierte und finanzierte Piraterie. Diesem neuen «internationalen Übel» solle sich auch der NATO- Russland-Rat annehmen, betonte der Diplomat.

Im TV-Sender Rossija behauptete einer der mutmasslichen Entführer, er und seine Mitstreiter seien «Mitglieder einer Umweltschutz-Organisation». Beim vermeintlichen Kapern des Schiffes habe die Gruppe keine Waffengewalt angewendet, sagte er im Fernsehen. Das Verhältnis zur Besatzung sei «gut» gewesen.

Raketenschmuggel vermutet

Militärexperten vermuten allerdings, dass die Arctic Sea auch Waffen geschmuggelt haben könnte. Russische und ukrainische Zeitungen schrieben, dass es sich um Marschflugkörper handeln könnte.

So seien mit Atomsprengköpfen bestückbare Raketen vom Typ X-55, die aus Sowjetzeiten stammten, bereits in der Vergangenheit in den Iran geschmuggelt worden, berichtete die Moskauer Zeitung «Nowye Iswestija» (Donnerstag). Die Ukraine hatte 2005 den Schmuggel von Raketen dieses Typs an den Iran und China eingeräumt.

Die Raketen können von dem Jagdbomber Suchoi SU-24 abgefeuert werden, die Flugzeuge sowjetischer Bauart gelten als Rückgrat der iranischen Luftwaffe.

Iran-Connection

Die ukrainische Internetzeitung «Obosrewatel» («Beobachter») berichtete ohne Angabe von Quellen, dass vier X-55-Raketen bei einer Reparatur der Arctic Sea in der russischen Ostseeregion Kaliningrad um die frühere Stadt Königsberg an Bord gebracht worden seien. Allerdings hätten sich in den Kisten keine atomaren Sprengköpfe befunden.

Die Autoren des Artikels gehen davon aus, dass Geheimdienste mehrerer Länder in den Fall verwickelt sind. Die Arctic Sea habe die Raketen an Islamisten in Algerien übergeben wollen, die wiederum über ihre Kanäle eine Lieferung der X-55 an den Iran geplant hätten.

Verhör geht weiter

Die acht angeblichen Piraten sowie die meisten Seeleute wurden inzwischen von der russischen Luftwaffe nach Moskau geflogen. Der Kapitän der Arctic Sea sowie drei weitere Seeleute hielten allerdings weiter Wache auf dem angeblich mit Holz beladenen Frachter, der noch vor der westafrikanischen Küste des Inselstaats Kap Verde liegt.

Das russische Staatsfernsehen zeigte, wie die angeblichen Seeräuber aus Lettland, Estland und Russland aus dem Flugzeug über das Rollfeld von Unformierten abgeführt wurden. Am Mittwochabend hatten die russischen Behörden auch erstmals Bilder von der befreiten Besatzung veröffentlicht. Die Männer wirkten gesundheitlich wohlauf. Die russische Seefahrergewerkschaft appellierte in einem offenen Brief an die Führung in Moskau, endlich den Kontakt zwischen den befreiten Seeleuten und ihren Angehörigen herzustellen.

Alle Besatzungsmitglieder würden erst freigelassen, wenn klar sei, dass sie nicht mit dem Überfall auf die Arctic Sea Ende Juli in Verbindung stehen, meldete die Agentur Interfax unter Berufung auf Ermittlerkreise.

Nach Medienberichten werden sowohl die angeblichen Seeräuber als auch die befreiten Seeleute weiter vom russischen Geheimdienst verhört. Die Vernehmungen im früheren KGB-Gefängnis Lefortowo hätten am Donnerstag bis tief in die Nacht gedauert und seien am Freitag fortgesetzt worden. (dhr/sda)

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