Energiesicherheit: Moskau fürchtet um sein Image im Gasstreit
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EnergiesicherheitMoskau fürchtet um sein Image im Gasstreit

Zum wiederholten Mal seit Beginn der Gas-Krise beriet im grau-blauen Moskauer Gazprom-Büroturm ein Krisenstab über den sich verschärfenden Streit um den Gas-Preis. Um jede Schuld von sich zu weisen, schlägt Gazprom vor, die EU solle die Pipelines in der Ukraine überwachen.

Vor dem orthodoxen Weihnachtsfest am Mittwoch, 7. Januar wirkt die Hektik im Vergleich zur sonstigen Ruhe in der russischen Hauptstadt fremd. Doch Moskau will offenbar ein schnelles Ende des am Neujahrstag begonnen Konflikts. Schliesslich geht es inmitten der Finanzkrise auch um viel Geld: Mehr als 15 Prozent der russischen Exporteinnahmen stammen von Gazprom.

Zwar zeigten sich Kremlchef Dmitrij Medwedew und Regierungschef Wladimir Putin am Wochenende auf einer Werbetour für die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi einmütig beim Skifahren in dem Schwarzmeerort.

Aber die sportliche Idylle täuscht, hinter den Kulissen wird weiter an dem Thema gearbeitet: Längst hat sich Medwedew, der vor seiner Wahl im März 2008 Aufsichtsratsvorsitzender bei Gazprom war, in den Streit mit dem Nachbarland eingeschaltet.

Angst vor Image-Schaden

Nach Rücksprache mit Konzernchef Alexej Miller stimmte der Präsident einer Klage gegen die Ukraine beim internationalen Schiedsgericht der Stockholmer Handelskammer zu. Medwedew will auch verhindern, dass Russlands Image als verlässlicher Energielieferant Schaden nimmt.

Wie im Krieg mit dem Nachbarland Georgien im vergangenen August, fühlt sich Russland im aktuellen Konflikt mit der Ukraine um künftige Lieferpreise im Recht. Man sei aber damals für die Militäraktion international auch deshalb verurteilt worden, weil man seinen Standpunkt nicht deutlich gemacht habe, empfindet die politische Führung in Moskau heute.

Damit dies im Gas-Streit nicht geschieht, will Gazprom-Vizechef Aleksandr Medwedew in den nächsten Tagen in Berlin um Verständnis für Moskau werben. Der Krisenstab des Konzerns appellierte am Sonntag gar an die Europäische Kommission, als unabhängige Beobachter die Pipelines in der Ukraine zu kontrollieren.

Zwar wollen bereits an diesem Montag die EU-Botschafter in Brüssel über den Konflikt beraten. Und Polens Aussenminister Radoslaw Sikorski kündigte an, am 16. Januar in Kiew als erster EU- Politiker nach Ausbruch des Streits vermitteln zu wollen.

Prag lehnt Vermittlung ab

Allerdings halten es Experten derzeit für unwahrscheinlich, dass sich der bilaterale Zwist zu einer internationalen Krise auswächst. Die tschechische EU-Ratspräsidentschaft lehnte bereits eine Vermittlung ab.

Für Prag sind der Energiekonflikt sowie die blutigen Ereignisse im Gazastreifen die ersten Herausforderungen der noch jungen Amtszeit. Allerdings fand sich das Thema Energiesicherheit ohnehin in der tschechischen Agenda.

Am Wochenende warfen sich Moskau und Kiew gegenseitig «Erpressung» und «Boykott» vor und unterstellten der anderen Seite Desinteresse an weiteren Verhandlungen. Vermutlich ist eher das Gegenteil der Fall. Denn die Ukraine ist zum grossen Teil von russischem Gas abhängig, und rund 80 Prozent der russischen Gas- Lieferungen nach Westeuropa laufen durch das Nachbarland.

Der ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko stellte vor kurzem einen Vertragsabschluss bis zum orthodoxen Weihnachtsfest an diesem Mittwoch in Aussicht. Vielleicht liege eine Einigung ja wirklich unter der Jolka, dem russischen Tannenbaum, mutmasste ein Gazprom-Mitarbeiter am Sonntag. (sda)

Gasstreit ohne Folgen für die Schweiz

Der Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine hat für die Schweiz keine direkten Auswirkungen. Die Versorgung mit Erdgas erfolge ohne Einschränkung, und man erwarte im Zusammenhang mit dem Konflikt auch keinerlei Beeinträchtigungen der Versorgung, heisst es in einer Mitteilung des Verbands der Schweizerischen Gasindustrie (VSG) vom Samstag. Das in die Schweiz importierte Erdgas werde weitgehend in Westeuropa und Skandinavien gefördert.

Langfristige Importverträge bestünden in erster Linie mit grossen Lieferanten in Deutschland, Frankreich, Italien und Holland. Mit russischen Lieferanten gebe es hingegen keine direkten Verträge. Laut VSG erfolgt die Versorgung der Schweiz mit Erdgas seit über 30 Jahren stabil und unterbruchslos. Dies sei zu einem wesentlichen Teil die Folge eines ausgewogenen und breit diversifizierten Importportfolios. (AP)

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