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Motorrad oder E-Bike? Jetzt kommen die Mischformen

Lange Zeit liessen sich Fahrräder und Motorräder gut voneinander abgrenzen. Doch mit der aufkeimenden E-Mobilität mehren sich die Beispiele von Zweirädern, bei denen die einst klaren Trennlinien unscharf werden.

von
Isabelle Riederer / A&W Verlag
29.12.2020

Als Ende des 19. Jahrhunderts das Motorrad aufkam, waren die frühen Modelle optisch und technisch mit dem Fahrrad noch eng verwandt. Im Laufe der Jahre entkoppelten sich jedoch beide Zweiradbereiche voneinander. Motorräder wurden grösser, stärker und schneller und verlangten nach ganz anderen und eigenen Lösungen. Mit der seit Jahren aufkeimenden E-Mobilität kommen sich beide Segmente wieder näher. Mittlerweile finden sich reichlich Beispiele von E-Bikes, die trotz Motor dem Fahrradsektor angehören, optisch hingegen an Motorräder erinnern. Zudem gibt es immer mehr Mischwesen, bei denen sich Elemente beider Welten auf verschiedene Art vermischen.

Unter anderem mehrt sich seit einigen Jahren die Zahl von Pedelecs, die optisch mit Motorrad-Ästhetik kokettieren. Dabei handelt es sich um Design-Fahrräder, die Elemente klassischer Motorräder und aus dem Chopper-Segment aufgreifen. Aus rein ergonomischer Sicht eignen sich diese Entwürfe kaum als Alltagsräder, doch dank E-Antrieb lassen sich auch solche Bikes als Transportmittel nutzen. Unter anderem setzt der fränkische Zweiradschmiede Ruff Cycles mit dem Pedelec The Ruffian auf Vintage-Motorrad-Look und E-Bike-Technik von Bosch.

The Ruffian von Ruff Cycles ist ein Pedelec im Vintage-Motorrad-Look mit E-Bike-Technik.

The Ruffian von Ruff Cycles ist ein Pedelec im Vintage-Motorrad-Look mit E-Bike-Technik.

Ruff Cycles

Das knapp 6000 Franken teure Elektrofahrrad eignet sich vor allem zum Cruisen und natürlich um Aufmerksamkeit zu erregen. In ähnliche Richtung tendieren auch die Entwürfe der spanischen E-Bike-Marke Rayvolt, deren um 3200 Franken teure Modelle Cruzer oder Torino vor allem als Hingucker taugen.

Auch der spanische E-Bike-Hersteller Rayvolt setzt mit seinen Modellen Cruzer …

Auch der spanische E-Bike-Hersteller Rayvolt setzt mit seinen Modellen Cruzer …

Rayvolt
… und Torino auf Streestyle im Vintage-Look.

… und Torino auf Streestyle im Vintage-Look.

Rayvolt

Mittlerweile gehen Motorradhersteller selbst dazu über, E-Bikes mit alter Motorradoptik aufzulegen. So hat Harley-Davidson kürzlich sein erstes Elektrobike vorgestellt. Das Serial 1 kommt im Frühling auf den Markt und erinnert optisch stark an das von Harley ab 1903 aufgelegte erste Motorradmodell.

Harley-Davidson hat erst kürzlich sein Elektrobike vorgestellt. Das Serial 1 kommt im Frühling 2021 auf den Markt.

Harley-Davidson hat erst kürzlich sein Elektrobike vorgestellt. Das Serial 1 kommt im Frühling 2021 auf den Markt.

Harley-Davidson

Inspiriert von Cross- und Enduro-Maschinen

Neben solchen Retro-Modellen finden sich noch einige Beispiele von Pedelecs, deren Styling von Enduros und Cross-Maschinen inspiriert ist. Imposantester Vertreter dieser Gattung ist das Carbon genannte Modell des italienischen Herstellers Moto Parilla, das mit seinen mächtigen Ballonreifen im Offroadstil und der wuchtigen Hinterradschwinge schon sehr nach Motorrad aussieht.

Das Pedelec Carbon von Parilla ist inspiriert vom Styling einer Enduro- und einer Cross-Maschine.

Das Pedelec Carbon von Parilla ist inspiriert vom Styling einer Enduro- und einer Cross-Maschine.

Parilla

Noch deutlich näher am Motorrad bewegt sich das aus Deutschland stammende Zwitter-Zweirad eRockit, das einen Pedalantrieb mit einem E-Motor kombiniert. Allerdings kann die Maschine 5 kW/7 PS Dauer- sowie 16 kW/22 PS Spitzenleistung liefern und das eRockit bis maximal 90 km/h beschleunigen. Das Mischwesen ist mit fast 13'000 Franken und über 120 Kilogramm aber kein Leichtgewicht.

Aus Deutschland stammt das Zwitter-Zweirad eRockit. Das E-Bike mit Pedalantrieb im Motorradlook kommt auf eine Geschwindigkeit von 90 km/h.

Aus Deutschland stammt das Zwitter-Zweirad eRockit. Das E-Bike mit Pedalantrieb im Motorradlook kommt auf eine Geschwindigkeit von 90 km/h.

eRockit

Mittlerweile finden sich vermehrt auch elektrisch angetriebene Klein- und Leichtfahrräder, die auf Pedale verzichten, optisch und gewichtstechnisch dennoch dem E-Bike näher als dem Motorrad sind. Zu den bereits etablierten Anbietern dieser Gattung gehört etwa die schwedische Firma Cake, die mit ihrer Enduro-Plattform Kalk ein in der leichtesten Version nur 70 Kilogramm schweres Elektromotorrad anbietet. Die zu Preisen ab knapp 10'000 Franken erhältlichen Offroader werden über 90 km/h schnell.

Ein elektrisch angetriebenes Leichtfahrrad, das auf Pedale verzichtet und optisch noch näher an einem Motorrad ist, kommt von der schwedischen Firma Cake. Das Kalk-Bike schafft ebenfalls 90 km/h.

Ein elektrisch angetriebenes Leichtfahrrad, das auf Pedale verzichtet und optisch noch näher an einem Motorrad ist, kommt von der schwedischen Firma Cake. Das Kalk-Bike schafft ebenfalls 90 km/h.

Cake

Auch das rund 4300 Franken teure E-Töffli Elmoto des deutschen Herstellers Govecs ist mit 59 Kilogramm sehr leicht und optisch einem Fahrrad dennoch sehr nah.

Das E-Töffli Elmoto vom deutschen Hersteller Govecs sieht aus wie ein E-Bike, da es aber mit Tretunterstützung 45 km/h schnell wird, zählt es zur Kategorie der Motofahrräder.

Das E-Töffli Elmoto vom deutschen Hersteller Govecs sieht aus wie ein E-Bike, da es aber mit Tretunterstützung 45 km/h schnell wird, zählt es zur Kategorie der Motofahrräder.

Govecs

Gleiches trifft auf das Modell Firefly der Marke Sur-Ron zu. Das ohne Batterie nur 47 Kilogramm schwere Elektroenduro erinnert stark an ein Mountainbike, doch in den Versionen ohne Strassenzulassung erreicht das geländegängige Modell über 80 km/h. Für rund 4500 Franken bietet Sur-Ron auch eine strassenzugelassene Version an, die allerdings nur maximal 45 km/h schnell wird.

Das Gleiche gilt für das Modell Firefly von Sur-Ron. Die Elektro-Enduro erinnert stark an ein Mountainbike. Das Modell gibt es mit und ohne Strassenzulassung.

Das Gleiche gilt für das Modell Firefly von Sur-Ron. Die Elektro-Enduro erinnert stark an ein Mountainbike. Das Modell gibt es mit und ohne Strassenzulassung.

Sur-Ron

Grenzen zwischen Fahrrad und Motorrad immer fliessender

Ebenfalls die Grenzen von Fahrrad und Motorrad aufweichen wollen die beiden deutschen Start-ups Novus und Bykstar. Das von zwei jungen deutschen Designern gegründete Unternehmen Novus hat 2019 ein gleichnamiges Elektro-Motorrad vorgestellt, das man auf den ersten Blick für ein Pedelec halten möchte. In Hinblick auf die Fahrleistungen kann es jedoch mit leichteren Töfflis locker mithalten. Das bereits vorbestellbare und ab 2022 verfügbare Zwischending bietet Novus in drei Leistungsstufen mit 10 PS, 15 PS sowie 24 PS an, die 45, 90 beziehungsweise 120 km/h schnell sind. Dank vieler Carbonteile bringt das Novus-Bike nur 75 Kilogramm auf die Waage, ist mit mindestens knapp 50'000 Franken allerdings auch sehr teuer.

Auch das Modell Novus vom gleichnamigen deutschen Hersteller weicht die Grenze zwischen Fahrrad und Motorrad auf.

Auch das Modell Novus vom gleichnamigen deutschen Hersteller weicht die Grenze zwischen Fahrrad und Motorrad auf.

Novus

Das Mischwesen von Bykstar namens E-Enduro weicht die Grenze zwischen Motorrad und Velo noch stärker auf. Das mit Akku nur 47 Kilogramm leichte und bis 16 PS starke Offroad-Bike setzt sich aus 117 Bauteilen zusammen, wobei es bei rund einem Viertel um originäre Mountainbike-Komponenten handelt, wie sich an der Vorderradführung mit Downhill-Gabel von RockShox zeigt. Es wird vermutlich noch ein Weilchen bis zur Marktreife der E-Enduro von Bykstar dauern. Ein konkreter Termin der Verfügbarkeit wird jedenfalls nicht genannt. Konkreter sind indes die Vorstellungen beim Preis, den Bykstar mit rund 7500 Franken für die Einstiegsversion beziffert.

Das Mischwesen E-Enduro von Bykster weicht die Grenzen zwischen Motorrad und Velo noch stärker auf.

Das Mischwesen E-Enduro von Bykster weicht die Grenzen zwischen Motorrad und Velo noch stärker auf.

Bykstar

Die verschiedenen Kategorien

Pedelec (Kategorie: «Leicht-Motorfahrräder»)

Bei Pedelecs unterscheidet man zwischen «normalen» Pedelecs und S-Pedelecs (siehe nächsten Punkt). Pedelec ist eine Abkürzung und steht für «Pedal Electric Cycle». Der Elektromotor dieser E-Bikes arbeitet nur in Verbindung mit Muskelkraft: Je mehr getreten wird, desto grösser ist die Unterstützung durch den Motor. Bei allen Pedelecs gilt: Der Motor greift nur bis zu einer Geschwindigkeit von bis zu 25 km/h. Für höhere Geschwindigkeiten wird die Muskelkraft des Fahrers gefordert. Pedelecs zählen, wie auch E-Bikes, zu den «Leicht-Motorfahrrädern». Sie haben bis 500 Watt Motorleistung oder max. 25 km/h mit Tretunterstützung. Das Mindestalter für alle E-Bikes liegt bei 14 Jahren. Wer zwischen 14 und 16 Jahre alt ist, braucht für ein «Leicht-Motorfahrrad» zwingend den Führerausweis der Kategorie M.

S-Pedelec (Kategorie: «Motorfahrräder»)

Das «S» in S-Pedelec steht für «Speed» und genau das ist auch der Unterschied zum normalen Pedelec. Mit seiner Leistung von bis zu 1000 Watt kann das «schnelle Pedelec» mit Tretunterstützung bis zu 45km/h schnell werden. Deshalb fällt diese Form der E-Bikes in die Kategorie der führerschein- und versicherungspflichtigen Kleinkrafträder bzw. Motorfahrräder. Für das Fahren von «Motorfahrräder» ist ein Führerausweis der Kategorie M obligatorisch.

Kleinmotorräder (Kategorie: «Motorrad»)

Als dritte Gruppe der elektrischen Unterstützung gelten die E-Bikes ohne Tretantrieb. Diese Fahrzeuge lassen sich mit Hilfe des Elektroantriebs durch einen Drehgriff oder Schaltknopf fahren, auch ohne dabei in die Pedale zu treten. Sie haben oft eine Motorleistung von über 1000 Watt und fahren schneller als 45 km/h. Wer ein «Motorrad» fahren will, braucht immer den entsprechenden Führerausweis.

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45 Kommentare
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Ruzzy

30.12.2020, 21:06

Auch wenn die Akkus reciklierbar sind, so wird bspw das Lithium mit 100'000en Liter Wasser aus den Tiefen der Salzseen in den Anden gepumpt. Die Landschaft verändert sich auch dabei. Und stellt euch vor es ist erst ein Bruchteil der Mobilität elektrisch...da herrscht doch Freude. Hauptsache grüner dekmantel. Gott sei dank kommt der Strom aus der Steckdose, und wenn unser Ökostrom nicht reicht, importieren wir ihn da das Ausland ja eine Überproduktion hat (wenn dem so wäre hätten wir ja genug und es bräuchte keine Kohle und Atomkraftwerke mehr). Aber die Augen schliessen wie die 3 Affen der Weisheit macht die Realität nicht besser! Schöner Traum, aber auch diese Aufwachen wird weh tun. Aber dafür kommen alle Elektrofahrer in den Himmel....

RocketManTheFirst

30.12.2020, 11:20

Was machen eigentlich die Verbrenner-Verfechter wenn uns mal der Erdöl-Hahn zugedreht wird? Buddeln die dann im Garten nach Öl?

RuediTanner

30.12.2020, 11:16

Immer das Argument, E-Fahrzeuge brauchten Strom den wir nicht hätten. Nur zur Info, die moderne Öl-Raffinerie in Cressier benötigt alleine 3kwh Strom für 1 Liter Benzin. Da ist der Strom für Transport und Erdöl-Gewinnung noch nicht eingerechnet. Und noch als Sidekick, ein Tesla mit über 470 PS benötigt auf 100km gerade mal 18kwh. Kann jeder selber rechnen welche Technologie mehr Strom benötigt.