Schleudersitz: «Mr. Average» soll Englands Leiden beenden
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Schleudersitz«Mr. Average» soll Englands Leiden beenden

Die hohen Erwartungen im Mutterland des Fussballs zu erfüllen, wird für Roy Hodgson keine leichte Aufgabe. Englands neuem Nationaltrainer weht bereits vor seinem Amtsantritt ein rauer Wind entgegen.

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Roy Hodgson soll endlich wieder einen grossen Titel nach England holen. (Bild: AFP)

Roy Hodgson soll endlich wieder einen grossen Titel nach England holen. (Bild: AFP)

Seit 1966 hoffen die Fans auf der Insel, dass der Fussball endlich nach Hause kommt, dass die Jungs mit den «Three Lions» auf der Brust endlich wieder einen Pokal holen. Zum ersten und letzten Mal gewannen die Engländer vor 46 Jahren bei der WM im eigenen Land einen grossen Titel.

In Polen und der Ukraine soll es endlich wieder so weit sein. Die Mannschaft hätte das Potenzial alleweil. Mit Rio Ferdinand, John Terry, Gareth Barry, Frank Lampard oder Wayne Rooney ist das englische Team überdurchschnittlich gut besetzt. Doch die Nationalspieler - allen voran Terry und Ferdinand - waren zuletzt eher ein zerstrittener Haufen als eine verschworene Einheit. Unter Fabio Capello qualifizierten sich die «Three Lions» in der Schweizer Gruppe G dennoch ohne Niederlage für die EM.

Doch England hat schon so oft die Quali mit Bravour überstanden und ist dann bei der Endrunde mit viel Tamtam gescheitert. Auch in diesem Jahr stehen die Vorzeichen nicht unbedingt gut. Capello trat im Februar zurück, nachdem der Verband den wegen Rassismus-Vorwürfen in Verruf geratenen Terry als Captain abgesetzt hatte. Mit der Suche nach einem Nachfolger liess sich die FA Zeit, viel Zeit. Erst jetzt - rund einen Monat vor der Euro - wurde mit Roy Hodgson der Nachfolger Capellos bestimmt. «Das ist ein stolzer Tag für mich», sagte der 64-jährige Ex-Coach der Schweizer Nati voller Vorfreude.

Hodgson eine «Schockwahl»

Die Presse, die Tottenham-Trainer Harry Redknapp bevorzugt hätte, reagiert weniger freudig auf die Nomination von Hodgson. Aufgrund seines doch eher bescheidenen Palmarès gaben die Revolver-Blätter ihm bereits den Übernamen «Mr. Average» (übersetzt Mr. Durchschnitt). Hodgson sei eine «Schockwahl und könnte die falsche sein», hiess es im «Guardian». Die «Times» sieht das Ganze als «Glücksspiel», während der «Daily Express» zweifelt: «Hat er überhaupt irgendeine Chance, als Englands Trainer zu bestehen?»

Headbanger Roy Hodgson

Auch die Fans sind skeptisch: «Bei allem Respekt, aber es wird keine Welle der Begeisterung über die Ernennung von Roy geben», zitierte «The Sun» den Sprecher der Fanvereinigung «England Supporters Club». In den Foren sind die Meinungen jedoch geteilt: Einerseits herrscht auch dort Skepsis, andererseits besteht die Hoffnung, dass mit Hodgson alles besser wird.

Erfolge nur mit «kleinen» Teams

Die englische Nationalmannschaft ist die 19. Station von Hodgson in seiner 35-jährigen Trainer-Karriere. Grosse Erfolge feierte der ehemalige Verteidiger vor allem mit «kleinen» Teams. Viermal wurde er Meister in Schweden, einmal in Dänemark und die Schweizer Nati führte er 1994 an die WM und 1996 an die EM. Mit Fulham erreichte Hodgson 2010 den Final der Europa League und wurde 2010 zu Englands Trainer des Jahres gewählt. In dieser Saison verhinderte er mit West Bromwich Albion zum zweiten Mal in Serie den Abstieg.

Doch renommierte Mannschaften konnte Hodgson nie zum Erfolg führen. Weder mit Inter Mailand, mit dem damaligen Schweizer Spitzenteam Grasshoppers noch mit Liverpool stellte sich der gewünschte Erfolg ein. Bei den «Reds» wurde der gewiefte Taktiker sogar bereits nach 191 Tagen entlassen. Nur mit vier seiner bisherigen 18 Arbeitgeber konnte Hodgson mehr als die Hälfte der Partien gewinnen.

Auf dem heissesten Trainerstuhl Englands

Mit den «Three Lions» wird er ab sofort wieder ein Team mit lauter Stars trainieren. Kann sich Hodgson ausgerechnet auf Englands heissestem Trainerstuhl halten? Viel Kredit geniesst der 64-Jährige ohnehin nicht. Viel hängt von den ersten Testspielen und dem Abschneiden bei der Euro ab. Stellt sich der Erfolg dort nicht ein, könnte Hodgson trotz Vierjahresvertrag ebenso schnell weg sein, wie er gekommen ist. Das weiss wohl auch der Brite selbst. Bei seinem Amtsantritt forderte er die englischen Fans schon mal auf, mit viel Leidenschaft hinter ihm und seinem Team zu stehen.

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